bedeckt München 14°

Hiromi Kawakami:Krakenleib, zartrosa

Zart wie Orchideenblüten: Hiromi Kawakami erzählt von einer Liebe, die beinahe so kompliziert ist wie die japanische Küche.

Von Ulrich Baron

Tsukiko, meinen Sie, wir kommen je wieder nach Hause?" fragt der te Sensei seine frühere Japanisch-Schülerin, und man weiß nicht, wie weit darin Scherz, Ironie oder tiefere Bedeutung mitschwingt. Auf einer Pilztour haben sich beide einem Fahrer anvertraut, der den Blick lieber nach hinten auf seine Gäste richtet als auf die gewundene Bergstraße vor ihnen. Am Steuer entfaltet er unerwartete Leichtfertigkeit, aber eigentlich ist er der Wirt ihrer Stammkneipe, in der die beiden sich nach langen Jahren wiederbegegnet sind. Wenn er dort nicht Bier und Sake ausschenkt, steht er am Schneidebrett, um die kleinen Köstlichkeiten zuzubereiten, mit denen Männer und Frauen sich über ihre Einsamkeit hinwegtrösten.

Vor einiger Zeit hatte Tsukiko dort bemerkt, dass der ältere Mann neben ihr die gleichen Gerichte bestellte wie sie, und sich den "Opa" genauer angesehen. Angemessen ist diese respektlose Bezeichnung nicht, denn Tsukiko ist keine 19-jährige Ulrike von Levetzow wie in Martin Walsers jüngstem Altersroman, sondern eine 37-jährige Frau. Und ihr früherer Lehrer ist kein greiser Geheimrat, sondern ein durchtrainierter Mittsechziger, wie seine Exschülerin bei der Exkursion in die Berge atemlos feststellen muss. Vor fünfzehn Jahren ist die Frau des Sensei davongelaufen, während Tsukiko einen Mann fürs Leben weder gefunden noch ernsthaft gesucht hat.

Die Konstellation "älterer Mann und jüngere Frau", der in den letzten Büchern eines Walser und eines Philip Roth ein peinlicher Ruch von Betrug und Selbstbetrug anhaftet, gewinnt bei der 1958 in Tokio geborenen Hiromi Kawakami eine Leichtigkeit des Seins, die sich mit den besten Passagen eines Milan Kundera messen kann. Dass diese von Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler sehr einfühlsam übersetzte Erzählung in all ihrer Burschikosität die schönste und subtilste Liebesgeschichte dieses Bücherfrühlings sein dürfte, liegt nicht nur an der Art, wie die Ich-Erzählerin mit ihrer Unfähigkeit zum Erwachsenwerden kokettiert. Es hat auch etwas mit Thema des Nachhausekommens zu tun, denn Kawakamis Gestalten ist es im Leben ähnlich ergangen wie bei ihrer Bergtour: Ein leichtfertiger Fahrer hat sie in eine fremde Umgebung befördert, Tsukiko in die Welt der Erwachsenen, den Sensei zu den verwitweten alten Männern.

Hiromi Kawakami beschreibt den anrührenden, aber auch mit komischen Missverständnissen und Peinlichkeiten garnierten Beginn einer Liebe, gegen die sich beide nur wehren, weil sie Ablehnung fürchten. Bis dann eine Frage fällt, wie sie wohl so nur ein "Sensei", in dessen japanischer Bezeichnung noch der Lehrmeister mitschwingt, zu formulieren imstande ist: "Würden Sie zum Zweck eines Liebesverhältnisses eine Beziehung mit mir eingehen?"

Ein furchtbar liebevolles Lächeln

Verständlicherweise reagiert Tsukiko darauf nicht mit einem "Ja", sondern mit einem entgeisterten "Was?", doch in der Verklausuliertheit dieser Liebeserklärung verbergen sich die schamvollen Selbstzweifel eines Mannes, der nicht an eine lebenslange Pubertät zu glauben vermag.

Während Tsukiko an Reife gewinnt, befreit sich ihr Lehrer aus den Zwängen seines Sensei-Daseins. Ein Schritt dazu ist die gemeinsame Reise auf eine Insel, wo ihr exquisites Hotel-Restaurant Speisen zubereitet, die in ihm alle Leidenschaften eines Haiku-Dichters entfesseln: "Wellen rauschen laut / nunmehr ein zartrosa Hauch / der Leib des Kraken", liest er über seine Notizen gebeugt. Tsukiko allerdings hatte sich mehr erhofft.

Zuvor hat er sie ins Innere der Insel geführt, hat sie auf den steilen Hängen immer wieder abgehängt, bis er schließlich auf einem kleinen Friedhof vor einem Grabstein kniet. Hier liegt seit Jahren jene Frau begraben, von der Tsukiko angenommen hatte, sie wäre ihm nur davongelaufen: "Sein Lächeln war furchtbar liebevoll." Zum ersten Mal wird Tsukiko klar, dass es vor ihr eine andere Liebe im Leben des Sensei gegeben hat.

Enttäuscht läuft sie davon, weg vom Friedhof, zurück ins Hotel, und dann kann sie nur noch warten, warten, warten auf jemanden, der aus dem Dunkel zu ihr zurückkommen soll: "Sensei, es ist dunkel, murmelte ich. Sensei, es ist schon dunkel, kommen Sie zurück. Egal, auch wenn Sie ihre Frau nicht vergessen können, kommen Sie zurück. Wir trinken zusammen Sake." Ihr Orpheus kann sich aus dem Schattenreich nicht lösen, doch wer könnte dieses leise, verzweifelte Rufen ins Dunkel überhören oder vergessen?

Im zweiten Teil der Insel-Episode kocht der Krake im Topf. Essen und Trinken bilden das neutrale Terrain, auf dem man sich trifft - "hin und wieder", wie die Erzählerin zunächst ein wenig wegwerfend sagt. Jedes Treffen ist eine weitere subtile Annäherung, räumt Differenzen und Missverständnisse aus. Man meint zu spüren, wie sich in der Mappe, die der Sensei sogar beim Pilzsuchen mit sich führt, Belege einer späten und wundersamen Liebe sammeln.

Zwei Jahre nach ihrer Wiederbegegnung seien beide schließlich eine "offizielle" Beziehung eingegangen, heißt es dann lakonisch. Nur drei gemeinsame Jahre seien ihnen bis zum Tod des Sensei geblieben: "Als ich seinen Vornamen hörte, kamen mir die Tränen. Ich weinte, weil der Name Harutsuna Matsumoto in meinen Ohren so fremd klang. Bevor ich ihn richtig kennenlernen konnte, war er gegangen."

Der Sensei ist als Sensei gestorben. Tsukiko hat er seine Mappe hinterlassen, aber: "Es ist nichts darin, nur Leere, nur eine große allumfassende Leere breitet sich darin aus." Und die Erinnerung an eine gemeinsame Suche nach dem Weg, der nach Hause führt.

Hiromi Kawakami: "Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß. Eine Liebesgeschichte." Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler. Hanser Verlag, München 2008. 189 Seiten, 17,90 Euro.

© SZ vom 11.03.2008/ehr
Zur SZ-Startseite