Hippie-Musical:Plastikhanf und Wasserdampf

Lesezeit: 2 min

Sechzigerjahre-Panoptikum: Das Gärtnerplatztheater zeigt "Hair"

Von Philipp Bovermann

Lange Haare waren 1968, als "Hair" nach München kam, im selben Maß eine Frisur wie "Hair" ein Musical. Ein Skandal für das sich lustvoll echauffierende Bürgertum, mit Nackten auf der Bühne, verstand sich die Hippie-Fete als Befreiung, als "Happening", das war damals ein Modebegriff. Er meint, vereinfacht gesagt, dass nicht so sehr entscheidet, was genau auf der Bühne passiert, sondern dass überhaupt etwas passiert in seiner unwiederholbaren Einzigartigkeit.

Ein halbes Jahrhundert der Wiederbelebung, der Transformation und der kommerziellen Ausschlachtung liegen nun auf diesem jeweils einzigartigen Augenblick des Protests, als in der Reithalle, einem der Spielorte des Gärtnerplatztheaters während der Sanierung, die ersten Takte von "The Age of Aquarius" erklingen. Damals begleitete diesen Song noch die Hoffnung, das "Zeitalter des Wassermanns" könnte tatsächlich kommen. Wie geht man mit einem solchen Erbe um?

Die Antwort des Teams um Regisseur Gil Mehmert lautet: auf Stelzen. Auf solchen spaziert ein pausbäckig grinsender Abraham Lincoln irgendwann über die Bühne, eine LSD-Phantasie im blauen Glitzeranzug. Er wird erschossen. Und plötzlich ist es mit dem Attentat auf John F. Kennedy der Boden der historischen Tatsachen, auf den er stürzt. Andy Warhol kaspert mit einer Kamera über die Bühne, Liz Taylor kommt im Army-Jeep angefahren, aus dem Hintergrund winkt fröhlich ein Astronaut im Raumanzug. Der zeitliche Abstand wird nicht geleugnet, vielmehr darf die Musik beweisen, wie mühelos sie ihn zu überbrücken vermag.

Das Geheimnis liegt darin, dass "das Zeitalter des Wassermanns" außerhalb der bürgerlichen Zeitrechnung und ihrer Geschichte steht. Bunte Stoffteile zur indisch bestickten Jeans-Weste zu tragen und "Hare Hare" zu singen, das war unzeitgemäß von Anfang an - und insofern theatral. Etwas Neues entfaltet sich im magischen Kreis der Bühne, vermittels der Musik, die gegen die Sprache und ihre Einzäunung in eine kohärente Erzählung aufbegehrt, auch hier. Die heitere Auflösung im Rausch des Klangs funktioniert noch.

Es macht einem nichts aus, dass "Hair" mittlerweile etwas von einer Faschingsveranstaltung hat, denn Fasching heißt immer auch Travestie, Umsturz, als würde unter allen Rollen und bürgerlichen Speckröllchen das Feuer der Liebe einfach weiterbrennen, unbeeindruckt von Uniformen, weil es einer anderen, "kosmischen" Ordnung angehört.

Deshalb dürfen die Hanfpflanzen auch aus Plastik sein, die Joints auf der Bühne nur noch Wasserdampf produzieren. Bekifft würden diese hervorragenden Sänger und Tänzer die anspruchsvolle Choreografie sowieso nicht schaffen. Das alles sieht heute natürlich nur noch so leicht und frei improvisiert aus. Alles nur Show. Aber es ist wie damals: Die Musik wird sie retten.

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