Herbert Riehl-Heyse (L):Annäherungen an die Gerechtigkeit

Letzte Folge der SZ-Serie über große Journalisten: Herbert Riehl-Heyse

EVELYN ROLL

Kaugummis produzieren ist einfach: Sobald Marktforscher herausfinden, dass die Leute lila Kaugummi mögen, wenn es nach Zimt schmeckt, ordnen kluge Kaugummi-Manager die Umstellung der Produktion auf Lila an und bestellen Zimtaroma en gros. Zeitung machen ist schon schwerer.

Herbert Riehl-Heyse (L): Manchmal wünschte man sich, dass auch jene noch einmal bei Riehl nachschlagen würden, die über ihre Abhängigkeit und Unzulänglichkeit schon gar nicht mehr nachdenken.

Manchmal wünschte man sich, dass auch jene noch einmal bei Riehl nachschlagen würden, die über ihre Abhängigkeit und Unzulänglichkeit schon gar nicht mehr nachdenken.

(Foto: Foto: dpa)

Großer Journalismus aber geht anders. Ganz anders. Auch deswegen hielten sogar die Wichtigtuer, Lautsprecher und Skandalverstärker in diesem Land für einen Augenblick den Atem an, als sie am 23. April des Jahres 2003 erfuhren, dass in der Nacht zuvor Herbert Riehl-Heyse gestorben war. Das Land hatte einen großen Journalisten verloren. Eine Zeitung hatte ihr Herz verloren. Die Leser dieser Zeitung hatten einen Lieblingsautor verloren, ihren Maßstab und Orientierungspunkt. Die besten Journalisten in allen guten Zeitungen und Sendern des Landes aber hatten ihren "Riehl" verloren, den Freund, Mentor und informellen Leitwolf.

Zu Riehls Totenfeier sprach auch deswegen der Bundespräsident. Johannes Rau sagte schöne Sätze: "Er wollte verstehen - und deshalb konnte er auch erklären". - "Er hatte die Überzeugung, dass eine der Konstanten seines Berufes darin bestehen müsse, den Menschen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen." Und sogar die Investoren und Manager der Medien im Land waren im Angesicht dieses Todes so erschrocken und betroffen, dass sie noch Monate später versicherten, sie hätten den Unterschied zwischen Kaugummi und Journalismus jetzt wirklich verstanden.

Im April 1945, zehn Tage vor Kriegsende, als Herbert Riehl gerade viereinhalb Jahre alt war, erschossen SS-Leute seinen Vater. Sie erschossen ihn im Hof des Landratsamtes zu Altötting zusammen mit sechs anderen, die es für keine gute Idee gehalten hatten, unsere kleine Stadt mit ein paar Flinten und einer quer gestellten Lokomotive gegen die Amerikaner zu verteidigen, die drei Kilometer weiter nordöstlich mit gewaltigen Panzerverbänden hinter dem Inn gelegen hatten.

Darüber wurde später nur noch bei Riehls zu Hause gesprochen, damit es uns die Spielkameraden nicht übel nahmen, dass ihre Eltern an dem Abend, an dem mein Vater ermordet worden war, mit einem kleinen Fest ihrer Genugtuung darüber Ausdruck verliehen hatten. Inzwischen war der Nachbar entnazifiziert, überhaupt waren alle entnazifiziert; genau genommen hatte es auch in Altötting überhaupt keine Nazis gegeben, was man schon daran erkennen konnte, dass die drei Parteigenossen, die die Todesliste aufgestellt hatten, auf der auch mein Vater stand, im Jahre eins vor Geburt der Republik, 1948 also, wegen erwiesener Unschuld freigesprochen worden waren.

An diesem Verbrechen und an diesem Freispruch, an dieser Verdrängung durch Freispruch, fand Herbert Riehl die Frage seines Lebens: Warum tun Menschen so etwas? Er fand auch sein Lebensthema: Gerechtigkeit. Und er erfand - ursprünglich möglicherweise zur Schmerzvermeidung - auch die Instrumente, mit denen er seine Frage und sein Thema in Zukunft behandeln sollte: Ironie. Distanz durch Ironie.

Riehl studierte Jura und lernte nebenher bei der Münchner Katholischen Kirchenzeitung, dass man sich den Beruf des Journalisten sehr leicht machen kann: "Wenn man beispielsweise ein Verfahren entwickelt, (. . .) und mit Hilfe eines großen Lexikons über Die Heiligen in ihrer Zeit durch besonnenes Kürzen und Umschreiben den ,Heiligen der Woche' verfertigt, zu fünfzig Mark das Stück." Die Stücke gefielen einem katholischen Verlag in München so gut, dass er daraus unbedingt ein Buch machen wollte, bis Riehl den Verleger darauf aufmerksam machte, dass er dieses Buch doch bereits herausgebracht habe, es sei beim Verfassen der Kolumne stets eine große Hilfe gewesen.

Als er anfing, für den Münchner Merkur zu schreiben, und, weil er dem dortigen Chefredakteur bald zu frech wurde, zur Süddeutschen Zeitung wechselte, lernte er schnell, dass man sich den Beruf auch sehr schwer machen kann und dass er dann erst wirklich spannend wird.

Riehl entwickelte eine neue Art zu schreiben. Er versuchte nicht zu verbergen, dass es objektives Schreiben gar nicht gibt. Im Gegenteil: Er stellte sich selbst, "den Reporter", mit seiner Subjektivität in die Geschichten - eine Methode, die die Medienforscher später "Objektivität durch Subjektivierung" nannten.

Er wurde der Meister aller Formen und Themen. Gründliche Recherche, große Detailfülle, ausführliche Gespräche mit vielen Menschen, Lektüre der Originaldokumente und vor allem Denken waren die Voraussetzung für sein Schreiben. Die Leichtigkeit, Eleganz und Stilsicherheit seiner Sprache brachte dümmere Leute auf dumme Nachahmungsideen, weil sie die Leichtigkeit seiner Texte mit Oberflächlichkeit verwechselten.

Riehl lesen, das war immer, als würde er uns für einen kurzen Moment die Schleier des Scheins von seinem Gegenstand herunterreißen, damit wir, die Leser, selber nachsehen können, wie die Wirklichkeit und die Wahrheit möglicherweise aussieht.

An Herbert Riehl-Heyse kann man lernen, dass großer Journalismus noch eine andere Qualität voraussetzt, als nur das Talent und die Begabung zum Schreiben. Dieses andere ist inzwischen so selten geworden, dass man die Wörter, die es dafür gibt, erst ein wenig abstauben möchte, bevor man sie hinschreibt. Sie heißen: Haltung und Anstand. Jeder von Riehls Artikeln liefert, entweder ausdrücklich oder im Subtext seiner Entstehung, den Beweis für eine Erkenntnis, die eigentlich seit 2400 Jahren in der Welt ist, die Thomas von Aquin schon bei Aristoteles abgeschrieben hat, und die heutzutage ein wenig abhanden gekommen ist: Erkenntnis setzt nicht nur Instrumente und Fähigkeit zum Erkennen voraus, sondern vor allem eine ethische Grundhaltung. Das bekam vor allem die jeweilige bayerische CSU-Regierung zu spüren, die in Riehls Stücken regelmäßig ironisch seziert wurde. CSU - Die Partei, die das schöne Bayern erfunden hat heißt das daraus entstandene Buch. Von Marion Gräfin Dönhoff stammt der Satz, den Herbert Riehl-Heyse gerne allen Journalisten über die Schreibtische gehängt hätte: "Denn in der Geschichte ist nicht nur der Erfolg entscheidend, sondern der Geist, aus dem heraus gehandelt wird."

Wenn er als Kandidat zu einem Lesewettbewerb nach Klagenfurt fuhr, konnte es geschehen, dass er, nachdem er zwei Tage lang die Jury beim Zurichten der Texte seiner Kollegen beobachtet und belauscht hatte, seinen schönen Wettbewerbsbeitrag in den Papierkorb warf. Über Nacht beschrieb und analysierte er in einer hinreißenden Reportage die Juryarbeit. Und das trug er dann auch vor.

Er war ein meinungsstarker und mutiger Journalist. Aber er hat seine Meinung immer nur angeboten. Gesinnungs- und Kampagnenjournalisten, die Hysterisierung und Skandalisierung von Unwichtigem konnten ihn sehr traurig machen. Er litt am Verfall der ethischen Normen in seinem Beruf. Deswegen fand er sich schließlich auf allerlei Podien, Workshops und in Universitätshörsälen als Mahner und Experte für Ethik wieder. Sein Buch Bestellte Wahrheiten - Anmerkungen zur Freiheit eines Journalistenmenschen ist wie seine Vorlesungen zur Poetik des Journalismus ein Klassiker bei Journalistikstudenten und Berufseinsteigern. Manchmal wünschte man sich, dass auch jene noch einmal bei Riehl nachschlagen würden, die über ihre Abhängigkeit und Unzulänglichkeit schon gar nicht mehr nachdenken.

Riehls Intermezzo in der Chefredaktion des Stern 1989 war kurz. Als ein Kaugummi-Manager ihm das Impressum vorlegte mit der Bitte, mal eben 40 Namen zu streichen, war es aus. Er kannte die Leute doch gar nicht. Seitdem wusste er, dass Talent, selbst wenn es sich mit Haltung paart, nicht ausreicht: "Die wichtigste Voraussetzung für großen Journalismus ist, dass man ihn erst einmal ermöglicht." Und Hoffnung in diese Richtung hatte er, bis zum Schluss: "Medien sind eben nicht ein Geschäft wie jedes andere, was man zum Beispiel daran erkennen kann, dass die Produktion von Kaugummis nicht unter dem Schutz des Grundgesetzes steht."

Ein paar Monate vor seinem Tod hat er sich ausgemalt, wie seine Beerdigung sein könnte. Wer kommt, wer nicht kommt, wer wie sehr weint und wer wen tröstet. Es ist dann natürlich fast alles ganz genau so gekommen. Dass sogar der Bundespräsident gesprochen hat, damit hatte er nicht gerechnet, darüber hätte er sich gefreut. Noch mehr hätte ihn gefreut, wenn das Land sich nicht gleich nach der Totenfeier wieder in alter Lautstärke, Schrille und Geschwindigkeit der Vernichtung dessen zugewandt hätte, was bis vor kurzem ganz einfach guter Journalismus hieß, inzwischen aber schon Qualitätsjournalismus - und demnächst wahrscheinlich Ausnahmejournalismus.

© SZ v. 17.11.2003
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