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Gruselgeschichten:Duft der Parallelwelt

Sind es noch Comics oder schon Graphic Novels? Die Literaturadaptionen der von Isabel Kreitz herausgegebenen Reihe "Die Unheimlichen" finden ihre ganz eigenen Formen.

Von Thomas von Steinaecker

Es ist kein Geheimnis, dass der bemerkenswerte Aufschwung des Comics in den vergangenen Jahren zu einem nicht geringen Teil mit dem Label Graphic Novel zu tun hat. Was genau dieser Begriff bedeuten soll, darüber herrscht nach wie vor Unklarheit. Nur so viel ist sicher: irgendetwas Anspruchsvolles und Langes. Offensichtlich beruhigen diese beiden Attribute das schlechte Gewissen vieler Leser, wenn sie zu gezeichneten Geschichten greifen. Sie lesen dann eben Bücher und nicht "Heftlein", die weiterhin unter dem Verdacht des Schunds oder zumindest der künstlerischen Minderwertigkeit stehen.

Das ist fatal. Nicht nur, weil dadurch Zeichner gedrängt werden, epische Geschichten abzuliefern - was einen mehrjährigen Arbeitsaufwand bedeutet, der ökonomisch betrachtet höchst riskant ist, vor allem vor dem Hintergrund der prekären Lebensbedingungen der meisten Comic-künstler. Völlig in Vergessenheit gerät dabei auch, dass der Comic historisch als Strip begann und im Lauf der Jahrzehnte die erstaunlichsten Formen in den unterschiedlichsten Längen hervorbrachte - Formen, die in den seltensten Fällen vom neuen Autorencomic weiterentwickelt wurden. Umso bemerkenswerter ist es, dass sich der Carlsen-Verlag nun an ein Zwischending gewagt hat, eine neue Reihe mittellanger Comics von jeweils etwas mehr als 50 Seiten, im Handtaschenformat und in ansprechender Aufmachung.

Alle Bände adaptieren literarische Vorlagen und stehen unter dem Motto "Die Unheimlichen", herausgegeben werden sie von Isabel Kreitz. Das kommt nicht von ungefähr: Kreitz, eine feste Größe in der deutschsprachigen Szene, hat in ihren Comics eine gewisse Vorliebe für Kriminalstoffe gezeigt, die oft im Deutschland des frühen 20. Jahrhunderts spielen, wie zum Beispiel ihr Porträt des Serienmörders "Haarmann". Mit ihrem feinen Bleistiftstrich kombiniert sie dabei subtil die Schattenwelt des expressionistischen Kinos mit der Klarheit der Neuen Sachlichkeit.

Diese Qualität ist auch in jenem der drei nun erschienenen ersten Bände sofort zu spüren, der von Kreitz selbst stammt: Wir befinden uns im Berlin der jüngsten Vergangenheit, in dem das Gefühl der Dekadenz noch nicht von der heutigen Krisenstimmung getrübt wurde. Man hat keinen Babysitter für die beiden Kleinen und keine Umweltplakette für den Schrottwagen, feiert aber eine rauschende Ausstellungseröffnung im Haus der Kulturen, dazu gibt es bayerisches Rinderfilet aus dem Simmental, drei Wochen luftgereift. Alles schick eigentlich, wenn man sich am Ende nicht doch so schrecklich angeödet fühlen würde. Wie gut, dass ein mysteriöser Fremder über exotische Mittelchen verfügt, die wahlweise Sex, Geld oder die Erweckung eines Toten versprechen. Als der Moment für Letzteres gekommen ist, entbrennt ein Streit darüber, ob früher, in den guten alten Mauerzeiten, das Feiern nicht wilder und das Lebensgefühl krasser war. Ruckzuck wird also einer aufgeweckt, der es wissen muss - "der schöne Klaus". Als Skelett sitzt er unter den Gästen, und siehe da: Zwischen all den Möchtegerns und C-Promis fällt er gar nicht weiter auf.

Nikotingelb und außerirdisch grün: Ein Ausschnitt aus Isabel Kreitz' Zeichnungen zu Sarah Khans Geschichte "Den Nachfolgern im Nachtleben"

(Foto: Carlsen Verlag)

Es liegt nicht an Kreitz, dass "Den Nachfolgern im Nachtleben" nicht recht zünden will, sondern an der Vorlage der kaum bekannten Autorin Sarah Khan. Die Geschichte stammt aus einer Anthologie von 2013. Vieles darin meint man schon einmal irgendwo und besser gehört zu haben, und dann verstolpert sich am Ende auch noch die Pointe. Kreitz' Schwarz-Weiß-Zeichnungen hingegen mit ihren Blitzlichtgesichtern und dem Nikotinfinger-Gelbton beschwören stimmungsvoll eine urbane Atmosphäre des Untoten; nur schade, dass sich die Zeichnerin für einen derart schwachen Text entschieden hat, den sie auch dramaturgisch nicht verbessern kann.

Dass unbekannte Vorlagen manchmal auch schöne Entdeckungen bedeuten können, zeigt der Tausendsassa des österreichischen Comics Nicolas Mahler. "Der fremde! störenfried der ruhe eines sommerabends der ruhe eines friedhofs" heißt der Text, den eine junge Autorin 1969 zu einer von Peter Handke herausgegebenen Anthologie moderner Gruselgeschichten beisteuerte: das Prosadebüt der späteren Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek.

In der Tradition der Wiener Gruppe ruft hier jeder der kleingeschriebenen Sätze: Experiment! Sprachreflexion! Oh, du verhasstes katholisch-kleinkariertes Österreich! Der Plot: Ein Fremder, der keiner ist, kommt in die vermeintliche ländliche Idylle, die keine ist, und irgendwann fließt Blut. Aber eigentlich ist das, was passiert, Nebensache. Vielmehr steht hier die Sprache im Vordergrund, und nur zu gern überlässt sich der Leser ihren mäandernden Bewegungen: "drei verschiedene menschen haben drei verschiedene besitzer des gesichts an drei verschiedenen orten aber zur gleichen zeit gesehen. Das ist merkwürdig diese präzise beobachtungsgabe bei unsrem etwas zerstreuten landvolk."

Mahler, dem man nach seinen Bearbeitungen von Werken Thomas Bernhards, Robert Musils und Marcel Prousts auch zutrauen würde, "50 Shades of Grey" in einen interessanten Comic zu verwandeln, gemeindet den Text, der grafisch viel Raum einnimmt, seiner bizarren Mahler-Manderl-Welt ein, die von langnasigen Strichmännchen zwischen spärlichen Requisiten bevölkert wird. Hier eine Waffe, da ein Kreuz, dort eine Brezel. Die Illustrationen betonen damit den Humor der Vorlage, die Lektüre ist dementsprechend vergnüglich und kurzweilig. Mehr indes auch nicht.

Ein kleines Meisterstück stammt von dem Newcomer der Runde. Der junge Berliner Zeichner Lukas Jüliger hat "Berenice", eine Erzählung Edgar Alan Poes adaptiert. Er gibt sich aber nicht mit einer bloßen Bebilderung zufrieden, sondern holt die schwarzromantische Geschichte um Epilepsie, Amnesie und Inzest kühn in die Jetztzeit, ohne auf ihre Leitmotive und dramaturgischen Twists zu verzichten.

Jüligers Version verströmt ganz den betörenden Parallelweltduft, den auch schon sein Debüt, die unheimliche Coming-of-Age-Geschichte "Vakuum" besaß. Das war einer der besten deutschsprachigen Comics der vergangenen Jahre. Seine "Berenice" spielt jetzt nicht in einem Spukschloss, sondern im Chatroom. Die Angebetete des jugendlichen Erzählers, der aufgrund einer Krankheit sein Haus kaum verlässt, ist ein Camgirl, das für das Publikum am Computerbildschirm in unterschiedliche Anime-Verkleidungen schlüpft.

Eine Seite aus Lukas Jüligers Version der Erzählung „Berenice“ von Edgar Allen Poe.

(Foto: Carlsen Verlag)

Diese virtuelle Welt mit ihren geheimnisvollen Gesetzen und ihrer perversen Schulmädchen-Ästhetik zieht den Leser schnell in ihren Bann, was vor allem mit Jüligers ungewöhnlicher Kombination von Text und Bild zu tun hat. Auf Sprechblasen wird verzichtet; stattdessen verhandelt der Text oft ganz andere Dinge, als die Bilder zeigen. So erfahren wir vom ersten Kuss des Protagonisten im Wald und seiner Faszination für die auffallende Zahnlücke des Mädchens. Was wir sehen, sind aber die seltsamen Muster von Birken und Pilze, die wie Objekte auf einem fremden Planeten wirken. Dazu trägt auch noch der ungesunde Grünstich der Zeichnungen bei.

In puncto Originalität und Anspruch hebt sich also Lukas Jüligers "Berenice" deutlich von den Beiträgen von Isabel Kreitz' und Nicolas Mahlers ab. Es wäre aber ungerecht, deshalb von einem schlechten Start der Reihe zu sprechen. Sie entfaltet ihren vollen Reiz erst, wenn man sie in ihrer Gesamtheit betrachtet. Dann verwandelt sie sich in ein Panorama des Unheimlichen, vom Humorigen bis hin zum Grausigen, und in eine kleine Geisterbahnfahrt durch den zeitgenössischen deutschsprachigen Comic. Auf die nächsten Bände von Barbara Yelin und Birgit Weyhe darf man sich jedenfalls freuen.

Sarah Khan, Isabel Kreitz: Den Nachfolgern im Nachtleben.

Elfriede Jelinek, Nicolas Mahler: der fremde! störenfried der ruhe eines sommerabends der ruhe eines friedhofs.

Edgar Allan Poe, Lukas Jüliger: Berenice. Alle Bände: Carlsen Verlag, Hamburg 2018. 64 Seiten, 12 Euro.

© SZ vom 01.08.2018

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