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Gespräche mit Zeitzeugen:Was wussten die Deutschen von der Vernichtung der Juden?

"Was der Mensch nicht sehen will, nimmt er nicht zur Kenntnis": Heute vor 60 Jahren wurde Auschwitz befreit. Zeitzeugen erinnern sich.

"Hitler, der Mistkerl, hat uns verführt", sagt der ehemalige SS-Angehörige, der später ins Personalmanagement ging. Sport! Motorradfahren! Eine Karriere! Alles das gab es unter Hitler.

Auschwitz,AP

Eine Mutter mit Kindern im Konzentrationslager.

(Foto: Foto: AP)

Zur Kriminalpolizei hatte der Mann gewollt, das hatte auch geklappt. Dann aber wurde die Kripo ins Reichssicherheitshauptamt eingegliedert - "da konnte man nur noch hoffen, nicht plötzlich zu einer Einsatzgruppe abkommandiert zu werden".

Dem rangniederen SS-Führer blieb ein solcher Einsatz erspart, nicht aber seinem Mitarbeiter: Der kehrte nach einem Vierteljahr aus dem Osten zurück, mochte nicht erzählen, was er dort gemacht hatte, und war vier Wochen später tot: Er hatte sich in einer Dienststelle des RSHA ins Treppenhaus gestürzt. Ungefähr 1942 ist das gewesen.

Den Vernichtungskrieg, für den er am Ende nicht robust genug gewesen war, hatte dieser SS-Mann höchstwahrscheinlich mitgemacht. Er hatte seine Taten in sich verschlossen.

Aber viele andere hielten mit ihren Kenntnissen nicht hinterm Berg. Sie redeten, in Andeutungen oder unverhohlen, sie sprachen mit Vertrauten und manchmal sogar in aller Öffentlichkeit, wie es zum Beispiel (in den Nürnberger Prozessakten ist es nachzulesen) ein Arbeiter des IG-Farben-Werkes Auschwitz-Monowitz tat, der auf einer Zugfahrt den Mitreisenden von den Krematorien erzählte.

Was wussten die damaligen Reichsdeutschen davon, dass die Verfolgung der Juden sich nicht in Enteignung und "Umsiedlung" erschöpfte? War man damals im Bilde über die systematische Ermordung ungezählter Menschen, in diesem Land, dessen Bevölkerung im großen und ganzen bereit war, den Führer für einen großen Mann zu halten?

Als der Krieg zu Ende ging, war Angela Fürstin Fugger 10 Jahre alt. Erolzheim, wo das Schloss der Fuggers stand, war so klein, dass es ihrer Erinnerung nach dort nicht einmal eine HJ-Gruppe gab. Juden gab es auch nicht in dem Marktflecken.

Die Fürstin Fugger sagt, sie habe als Kind "null" von der Judenverfolgung gewusst, an NS-Propaganda kann sie sich nicht erinnern, den Stürmer habe sie nie gesehen. Die Mutter sollte zur Ortsgruppenleiterin geschult werden, vermisste bei dieser Schulung aber die Ehrfurcht vor der Religion, weshalb sie sich brieflich abmeldete: Das Ganze gehe gegen ihre religiöse Überzeugung.

Der Brief wurde von einem wohlmeinenden NS-Funktionär kassiert, der offiziell erklärte, die Mutter sei von zu schwacher Gesundheit für das Amt. "Dann wurde darüber nicht mehr gesprochen." Ein Onkel, erzählt die Fürstin, müsse damals etwas Falsches gesagt haben: Der sei dann eine Zeit lang in Dachau gewesen. Ihres Wissens hat er weder damals noch später davon gesprochen - "er wusste, warum".

Schon wieder drin

In den dreißiger Jahren ging in Berlin ein Witz um: Kommt ein Mann zurück aus dem KZ. Fragen ihn die anderen: Wie war's denn? Na, sagt er, schön war's: Morgens gab's Frühstück ans Bett, dann nahm man ein warmes Bad, ging spazieren... Ach, sagen die anderen, da ist aber neulich einer aus dem KZ gekommen, der hat etwas ganz anderes erzählt. Ja, sagt der Mann, der ist auch schon wieder drin.

Auf dem Land mochte es möglich sein, nichts davon mitzubekommen, was mit den Juden geschah. In den Städten war es ausgeschlossen. Der FDP-Politiker Burkhard Hirsch, Sohn eines Richters, der nur noch Zivilsachen machte, verbrachte seine Kindheit in Halle.

Im November 1938 sah er lauter Möbel auf der Straße liegen. 1941, Hirsch war damals zwölf Jahre alt, sah er, wie eine Frau mit dem gelben Stern sich vor den Passanten - vor ihm! - an eine Hauswand drückte. "Die Frau sehe ich heute noch vor mir." Er hat es nicht verstanden, aber "niemand hat mir Auskunft gegeben". Dass es KZs gab, wusste er. Sie hießen "Konzertlager". Asoziale kamen da hin. Das Bild der Frau mit dem gelben Stern war damit jedoch nicht erklärt.