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Gespräch mit Natalie Cole:"Ich habe eine Kondition wie ein Pferd"

SZ: Trotzdem wusste jeder, wer Sie sind, oder?

Cole: Ja, klar. Die Tochter von...

SZ: Nat King Cole. Ein großer Name kann auch ein Türöffner sein.

Cole: Sicher. Aber was, wenn jemand nur den Namen, aber nicht das Talent der berühmten Eltern geerbt hat? Diese Kinder tun mir unglaublich leid. Sie werden sich ihr Leben lang abstrampeln und nie bei sich selber ankommen. Künstlerisches Talent wird nicht mit der Gießkanne verteilt. Schauen Sie sich den Jackson-Clan an, eine Horde von Kindern, und doch hatten nur zwei von ihnen das Zeug zum Star.

SZ: Eine andere tragische Geschichte.

Cole: Meine geht so: Du realisierst nicht, wie berühmt und genial dein Vater ist, bis du versuchst, es ihm gleich zu tun.

SZ: Warum haben Sie es dann getan?

Cole: Weil ich das Talent dazu hatte. Während meiner Collegezeit habe ich gemerkt, dass ich gut singen kann. Ohne Unterricht, ohne Studium, ohne alles. Einfach so. Ein Geschenk von Gott. Aber bevor ich es auspacken durfte, schickte er mich erstmal auf eine lange Reise zu mir selbst.

SZ: Wie lange hat sie gedauert?

Cole: Oh dear, eine Dekade und Jahre davon war ich on the road to nowhere.

SZ: Sie meinen die Jahre, als Sie heroinabhängig waren?

Cole: Genau. Und davor gab es noch Haschisch und LSD. Das waren meine Einstiegsdrogen. Heroin ist ein Teufelszeug. Ich habe es zwei, vielleicht drei Jahre genommen und diese Phasen nur überlebt, weil ich eine Kondition wie ein Pferd habe. Neben meinem Geburtstag feiere ich auch den 28. November, weil das der Tag ist, an dem ich das letzte Mal Drogen genommen habe.

SZ: Gerade wurde bekannt, dass Sie unter Hepatitis C leiden.

Cole: Eine Spätfolge meines Heroinkonsums. Ich hatte aber Glück im Unglück, dass die Erkrankung entdeckt worden ist, als es mir gut ging und die Ärzte nun auch hochwirksame Medikamente dagegen haben. Für mich war es eine weitere Lektion, dass wir früher oder später immer unsere Rechnungen bezahlen müssen. Lassen Sie sich das von einer Frau sagen, die es wissen muss: Du kannst nicht entkommen.

SZ: Haben Sie das denn geglaubt?

Cole: Nicht bewusst. Aber ich habe sehr lange Probleme, Ängste und Muster meiner Kindheit verdrängt. Du kannst jahrelange in therapeutischer Behandlung sein, ohne dich wirklich zu stellen. Stattdessen habe ich versucht mich abzulenken. Ich habe mich erst gestellt, als der Schmerz so groß, so drückend wurde, dass ich ihn nicht mehr wegschieben konnte.

SZ: Was war denn so schmerzhaft?

Cole: Die Angst vor dem eigenen Anspruch. Das Gefühl, nicht zu genügen. Dass ich doch nur die Tochter von Nat King Cole bin, dass ich seine Fußstapfen nie füllen kann, dass ich nicht würdig bin, seine Songs zu singen. Selbst als ich schon zwölf Alben veröffentlicht und mehrere Hits hatte, war ich immer noch am Kämpfen. Innere Prozesse gehen sehr langsam vor sich. Es gibt kein Patentrezept. Es geht um eine Lektion im Leben, die gelernt werden muss. Erst wenn man das akzeptiert, kann man darüber hinwegkommen. Ergibt das Sinn? Oder klinge ich wie eine Kinderpsychologin, die LSD genommen hat?

SZ: Nein, das klingt durchaus plausibel. Aber eine konkrete Gegenmaßnahme wüsste ich gerne.

Cole: Sich stellen. In meinem Fall war das tatsächlich, ein Album mit den alten Songs meines Vaters aufzunehmen. Bewusst das zu tun, was viele Jahre an mich herangetragen wurde: Sing was von Nat King Cole! Der springende Punkt war, dass ich endlich dazu Lust verspürte. Plötzlich wollte ich es und habe dann sogar "Unforgettable" im "Duett" mit meinem Vater gesungen.

SZ: Der Song war ein absoluter Hit, monatelang in den Charts - und Sie gewannen 1991 einen Grammy dafür.

Cole: Das war großartig, aber ich war auch traurig, dass mein Vater den späten Erfolg seiner Lieder nicht mehr erlebt hat. Im Grunde will man doch, egal wie alt man ist, dass die Eltern auf einen stolz sind. Ich werde nie rausfinden, ob es einfacher für mich gewesen wäre, wenn mein Vater nicht so früh gestorben wäre. Bonnie Raitt, die Tochter des Broadway-Stars John Raitt, sagte mir mal, dass ihr Vater eine große Unterstützung bei ihrer Karriere gewesen wäre. Wenn ich junge Frauen mir ihren Vätern auf der Straße sehe, möchte ich ihnen zurufen: genießt es, es könnte schneller vorbei sein, als ihr denkt.

SZ: Sie dagegen kritisierten bei der diesjährigen Grammy-Verleihung die junge Kollegin Amy Winehouse. Warum?

Cole: Als ich Amy Winehouse sah, dachte ich an mich in meinen Zwanzigern: ein talentiertes Mädchen, das Heroin nimmt. Ich war da, wo sie gerade ist. Ich weiß, was sie gerade durchmacht. Die Musikindustrie ist oft sehr verlogen. Gewisse Strippenzieher denken, sie können noch mehr Platten von Amy verkaufen, wenn sie weiter Drogen nimmt und durchdreht. Diese Art von Heroin-Chic darf einfach nicht unterstützt werden. Wir helfen dem Mädchen nicht damit, sie mit einem Grammy auszuzeichnen, wenn sie ein offensichtliches Drogenproblem hat. Gebt Amy Winehouse Preise, wenn sie clean ist!

SZ: Jeder muss wohl seine eigenen Lektionen lernen. Warum dauert es nur so verdammt lange, bis man sie verstanden hat?

Cole: Das liegt in der menschlichen Natur. Unser Hirn ist unglaublich träge, wir sind unzufrieden, ahnen, dass wir etwas ändern müssen, wollen aber so bleiben wie wir sind. Wir halten fest an dem, was wir kennen. Wir haben wenig Vertrauen, dass für uns gesorgt ist. Bei uns Frauen kommt noch hinzu, dass wir die Männer oft so sehen, wie wir sie sehen wollen. Nicht wie sie wirklich sind.

SZ: Mit Ihrer Mutter waren Sie eine Weile zerstritten. Es ging um Geld.

Cole: Das stimmt leider. Inzwischen haben wir uns wieder vertragen. Am Ende des Tages ist sie die einzige Mutter, die ich habe. Sie ist 86 Jahre alt, sie ist immer noch eigen mit Geld, aber ich versuche dieses Thema jetzt auszuklammern. Als sie hörte, dass ich ein zweites Album mit den Songs meines Vaters aufnehme, reagierte sie kritisch. Letzte Woche erzählte sie mir dann, dass sie sich darauf freut. Mütter! Nach Männern die zweite Spezies, die uns Frauen in den Wahnsinn treibt.

SZ: Was ist mit Ihrem Sohn Robert, helfen Sie ihm bei seiner Karriere?

Cole: Er ist Musiker, lebt bei mir um die Ecke in Los Angeles. Robby ist Schlagzeuger, er ist schon oft mit mir aufgetreten. Er trägt den Nachnamen seines Vaters. Das macht vieles einfacher. Ich wünsche mir für ihn, dass Leute ihn buchen, weil er ein guter Drummer ist. Nicht, weil er der Sohn von Natalie Cole ist. Robby ist jetzt 31 Jahre alt und viel stabiler, als ich jemals war. Und das, obwohl er mich in Situationen erlebt hat, die eigentlich keine Mutter ihrem Sohn zumuten will.

Lesen Sie auf Seite drei, warum Coles Sohn keine glückliche Kindheit hatte.

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