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Gespräch mit Mads Mikkelsen:Dänen lächeln nicht

Dänemarks Hollywood-Export Mads Mikkelsen raucht, trinkt Kaffee und wirkt sehr ernst. Er mag keine politische Korrektheit. Der Bond-Bösewicht über Dänemark, Ausdruckstanz und Lars von Trier.

Rebecca Casati

Der dänische Schauspieler Mads Mikkelsen sitzt in einem abgedunkelten Berliner Hotelzimmer, isst Haribo-Lakritze, trinkt Kaffee, zündet sich eine Zigarette an: Wer je geraucht hat, weiß, was das für eine höllische Kombination ist. Er wirkt konzentrierter, kritischer und weniger kokett als viele seiner Kollegen. Er ist außerdem viel größer als die meisten. Mikkelsen sieht auf unkonventionelle Art unfassbar gut aus und lächelt eine ganze Stunde lang kein einziges Mal. Warum auch? Was soll denn komisch sein? Er ist hier jedenfalls nicht zum Spaß.

Die dänische Brad-Pitt-Version: Mads Mikkelsen dreht momentan in Dänemark den Film "Valhalla Rising".

(Foto: Screenshot: www.imdb.com)

SZ: Sie rauchen ja, Mister Mikkelsen.

Mads Mikkelsen: Allerdings.

SZ: Nur nicht Prince Denmark. Das wäre natürlich auch zu perfekt.

Mikkelsen: Ja. Meine heißen Kingston und sind auch sehr stark.

SZ: Es gibt 5,4 Millionen Dänen, und Sie sind momentan wohl einer der bekanntesten. Wie es heißt, ist auch Ihr Deutsch sehr gut?

Mikkelsen: Ich gebe mir Mühe. Ich drehe jetzt seit zwei Monaten hier in Berlin Babelsberg, eine Produktion namens "Die Tür". Auf dem Set wird natürlich viel Deutsch gesprochen, und ich versuche zuzuhören, mitzukommen und Konversation zu machen. So habe ich einiges aufgeschnappt. Ich bin sogar noch besser, wenn ich zwei Bier getrunken habe.

SZ: Wir sind heute wegen eines anderen Films hier: "Tage des Zorns", Ihr neuer Thriller. Er handelt von zwei dänischen Killern, die es tatsächlich gegeben hat.

Mikkelsen: Sie waren während des Zweiten Weltkriegs im dänischen Widerstand und töteten Leute, die mit den Nazis kollaborierten. Sie hießen Flame und Citron. Vor allem Flame war schon zu Lebzeiten ein Mythos, weil er so jung war, flammendrote Haare hatte und so säuberlich und kühl zu Werke ging. In der Regel war es so, dass Flame abdrückte und Citron den Wagen fuhr. Sie waren nicht die besten Freunde. Dazu waren sie zu verschieden. Aber sie waren die besten Partner. Und wurden so etwas wie Volkshelden.

SZ: Sie spielen den Älteren der beiden, Citron. Und wenn ich das voranschicken darf: Sie wirken im Film permanent wie eingeölt.

Mikkelsen: Citron sollte im Film konstant fiebrig wirken. Er lebte in seinem Auto. Er war Alkoholiker und schlief nie, er fürchtete sich regelrecht davor, einzuschlafen. Also schluckte er Histamine, Amphetamine, um sich permanent wachzuhalten. Darum trägt Citron auch einen Dreitagebart, was offenbar überhaupt nicht selbstverständlich war in diesen Tagen.

SZ: Der Film setzt 1944 ein. Dänemark war von den Deutschen besetzt, die meisten Dänen hatten sich damit arrangiert. Lernt man diese Dinge in Dänemark auch schon als Kind im Geschichtsunterricht?

Mikkelsen: Eben nicht. Dieser Krieg, unsere Rolle darin, war für uns Dänen lange Zeit ein Tabuthema, wie ein blinder Fleck in unserem Bewusstsein.

SZ: Es gab gar keine Auseinandersetzung, nicht einmal in den Familien?

Mikkelsen: Gerade da am wenigsten. Die Dänen haben Dinge getan oder gelassen, auf die sie nicht stolz waren, also schwiegen sie darüber, was damals wirklich passiert ist.

SZ: Der Film zeigt ja aber auch, dass es Widerstand gab.

Mikkelsen: Wir Dänen hatten vielleicht um die neunhundert Menschen im Widerstand. Und siebentausend Leute, die für die Nazis kämpften. Ein paar Menschen unternahmen etwas, aber das war nicht erlaubt, und die Dänen hießen es nicht gut. Die Dänen waren kein Volk feiner altruistischer Menschen, die anderen Menschen helfen wollten. Die meisten wollten es lieber ruhig und gemütlich haben, und Widerstand war überhaupt nicht ihre Sache.

SZ: Aber es gab auch die berühmte Rettung der dänischen Juden im Oktober 1943, bei der viele Dänen Menschen versteckten, die ansonsten in deutsche Konzentrationslager deportiert worden wären.

Mikkelsen: Die Zivilbevölkerung hat damals 7000 Juden zur Flucht verholfen. Das ist richtig. Aber einige haben damit auch viel Geld verdient. Menschen gewöhnen sich schnell an Dinge wie Krieg und machen ein Geschäft daraus, profitieren davon. Wir konzentrieren uns in unserem Film nicht in erster Linie auf den Krieg, auf die Nazis oder auf die Widerständler, sondern gehen der Frage nach, was der Krieg aus Menschen machen kann. In Dänemark kam der Film schon vor Monaten in die Kinos und entfachte sofort eine riesige Debatte, auch an den Schulen. Jetzt endlich sprechen die Leute also über die Vergangenheit.

SZ: Auch bei Ihnen in der Familie?

Mikkelsen: Bei uns war es immer ein bisschen anders; wir haben zu Hause viel über diese Zeit diskutiert, auch Flame und Citron waren mir schon damals ein Begriff. Mein Großvater mütterlicherseits war nämlich im Widerstand.

SZ: Sie beschreiben Ihre Herkunft als typisch dänische Arbeiterklasse. Wie definieren Sie das?

Mikkelsen: In erster Linie mal politisch. In Dänemark bedeutet Arbeiterklasse, dass man entweder sehr konservativ ist oder sozialdemokratisch bis kommunistisch. In meiner Familie waren alle Kommunisten.

SZ: Von der radikalen Sorte?

Mikkelsen: Eben gerade gar nicht. Mehr auf eine stille, normale Art. Meine Mutter war Krankenschwester, mein Vater Gewerkschaftler. Linke Gesinnung lag nahe und war ganz alltäglich für uns. Wir wohnten im Arbeiterviertel von Kopenhagen. Cafés kamen da sehr spät auf. Stattdessen gab es viele Bars, mit älteren Menschen darin, die einfach nur dasaßen, rauchten und tranken. Wenn die Kinder älter wurden, setzten sie sich irgendwann auch in diese Bars, spielten Billard, rauchten und tranken. So geht es, das typische dänische Arbeiterklasse-Leben.

SZ: Ihres ist dann allerdings ganz anders verlaufen. Sie haben es bis nach Hollywood geschafft, gelten dort sogar als einer der Talentiertesten überhaupt. Und trotzdem wohnen Sie weiterhin in Dänemark.

Mikkelsen: Ja.

SZ: Wie berühmt sind Sie dort eigentlich genau?

Mikkelsen: Wenn ich, sagen wir, in Kopenhagen in einen Bus stiege, würde der ganze Bus gucken.

SZ: Und deshalb. . .

Mikkelsen: . . . nehme ich lieber das Auto, genau.

Lesen Sie weiter auf Seite Zwei, wie Mikkelsens Kinder mit seinem Ruhm zurecht kommen.

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