George Clinton:Der Mann, der vom Himmel fiel

Oct 31 2009 New Orleans Louisiana USA Singer GEORGE CLINTON performs live as part of the 2009

George Clinton zelebrierte seine Musik immer schon als Geschenk eines Mutterschiffs im All.

(Foto: imago/ZUMA Press)

In den Siebzigern transportierte er die Ideen des Afrofuturismus in den Funk. Nun kommt seine Musik in der Gegenwart an.

Von Klaus Walter

Funkadelic war in den Achtzigerjahren der Name einer Diskothek in der Frankfurter Innenstadt, im Schatten der Zeil. Bei vielen Eingeborenen hatte sie keinen guten Ruf. Hier kehrten leichtlebige Hessinnen ein, um sich mit schwarzen Amerikanern zu treffen, so der Verdacht, den die Eingeborenen in drastischere Worte zu kleiden pflegten, darunter auch das N-Wort. Seinen Namen verdankte der Club einer afroamerikanischen Band, die in Deutschland nie die Anerkennung gefunden hat, die ihr gebührt. Weil sich aber gerade eine beeindruckende Reihe ihrer musikalischen Erben für den Sampler "Funkadelic - Reworked by Detroiters" (Ace) daran gemacht hat, diese Musik in die Gegenwart zu transportieren, ist das eine gute Gelegenheit, an ein entscheidendes Kapitel der Musikgeschichte zu erinnern.

Funkadelic, Ende der Sechziger von George Clinton gegründet, ist das fehlende Bindeglied zwischen Soul und Disco. Oder das Glückskind aus einer Liebesaffäre zwischen James Brown und Jimi Hendrix. Oder auch das Scharnier im Kontinuum afroamerikanischer Popmusik an der Schwelle zur Digitalisierung. So richtig diese Zuschreibungen sind, so wenig erfassen sie die ganze hybride Glorie des funkadelischen Wirkens. Dieses weitläufig wuchernde Wirken umfasste neben Funkadelic auch George Clintons Parallel-Band Parliament, die von ihm produzierten Brides Of Funkenstein, Bootsy's Rubber Band, Parlet, die Horny Horns sowie eine Solo-Karriere, die 1982 Fahrt aufnahm.

Der Weltraum als Sehnsuchtsort, als Chiffre für eine bessere Welt als die irdische

Heute ist Clinton sechsundsiebzig. 1970 schon wollte er den Geist befreien, in der Hoffnung, der Arsch werde diesem folgen: "Free your mind, your ass will follow", forderte er im gleichnamigen Zehn-Minuten-Song. Dem Kritiker Greg Tate zufolge hat Clinton das Werk des großen amerikanischen Tanzrebellen James Brown fortgeführt. Dieser habe das Wort Funk zum Mem gemacht. Im deutschsprachigen Diskurs ist Funk ein blinder Fleck. Immer irgendwie präsent, wurde Funk nie so detailliert entschlüsselt wie Blues, Soul, R & B oder Hip-Hop. Funk blieb Geheimwissenschaft: komischer Humor, kosmische Konstrukte, ellenlange Jams, messerscharfe Gitarren- und Keyboard-Riffs, zirzensische Synthie-Fanfaren, undurchdringliche Sprachspiele, alles zusammengehalten von massiven Basslinien und schweren Schlagzeugakzenten.

Die Ahnung, dass Funk mehr mit dem Körper zu tun haben könnte, oder mehr mit dem Körper tun könnte, als der erhabene, eben beseelte Soul, befeuerte das Misstrauen des breiten, vor allem weißen Publikums. Dabei waren es neben der sehr viel bekannteren Funk-Hitfabrik Sly & The Family Stone gerade Funkadelic, die einen hippiesk geprägten Universalismus pflegten und sich explizit gegen die nachholende Segregation in der Musikindustrie zur Wehr setzten. Nach deren Schubladenlogik sind schwarze Jungs geborene Funkateers, Rock dagegen ist von Natur aus weiß. "Who says white boys can't play funk, Who says black boys can't play rock", fragten Funkadelic 1978 auf ihrem Album "One Nation Under A Groove". Der Titel erneuert das utopische Versprechen vom Tanzboden als Schmelztiegel, vom universellen Groove, der geichzeitig befreit und vereint. "Here's a chance to dance our way out of our constrictions", heißt es da. Sich einfach mal raustanzen aus den Engen des Lebens.

Dieser funkadelische Wunschtraum hat sich gehalten, kein Wunder, die Engen des Lebens sind ja auch nicht weniger geworden, zumal für Afroamerikaner. Der Groove als Motor der Befreiung, der Dancefloor als Spielplatz für alle bei gleichen Rechten für alle, und der Weltraum als Sehnsuchtsort, als Chiffre für eine bessere Welt als die irdische - diese Leitmotive des Funkadelic-Schaffens wurden und werden gerne in einem geräumigen Begriffscontainer verstaut: Afrofuturismus. Neben dem Jazzpianisten und -bandleader Sun Ra gilt Clinton mit seinem Mythos von der Band als galaktischer Raumschiffarmada, die bei seinen Shows buchstäblich aus einem Raumschiff auf die Bühne trat, als Pionier des Afrofuturismus, was ihn auch für Nachgeborene attraktiv macht. Womit wir eben beim Anlass wären: Auf "Funkadelic - Reworked By Detroiters" verbeugen sich Musiker und Produzenten aus dem heutigen Detroit vor Clintons Band. Ganz im Geiste des Vorbilds fällt die Hommage raumgreifend aus. Siebzehn Nummern füllen ein Dreifach-Album. Am Brückenschlag aus den Siebzigern in die Gegenwart versuchen sich alte Helden des Detroit Techno wie Underground Resistance, Anthony "Shake" Shakir oder Kenny Dixon Jr., der unter seinem Künstlernamen Moodymann die superhypnotisierende Überarbeitung eines eh schon stark hypnotisierenden Funkadelic-Evergreens vorlegt: "Cosmic Slop". Den Hendrix-Flügel des Funkadelic-Erbes vertreten wiederum die Dirtbombs, die beweisen, dass Rock nichts mit Abstammung zu tun hat.

Fast alle Neubearbeitungen nähern sich den Originalen mit Respekt, wie man so sagt, wenn man nicht sagen will, dass manche Bearbeitungen wenig Neues bringen. Dass die Grenzen zwischen Remix und Cover-Version verschwimmen, belegt weniger die Einfallslosigkeit der Musiker als die Tatsache, dass solche Grenzen im Zeitalter der digitalen Reproduzierbarkeit obsolet sind. Apropos digitale Reproduzierbarkeit: Der Albumtitel "Funkadelic - Reworked By Detroiters" suggeriert, dass Menschen, die in der Post-Automobil-Metropole leben, besonders prädestiniert seien, Funkadelic zu überarbeiten. Vielleicht, weil George Clinton dort ganz früher als Lohnsongschreiber bei Motown arbeitete und dann viel später im Umland auf eine Farm zog. Als bräuchte es heute noch eine geografische Nähe zu Detroit, um das zu produzieren, was als Detroit Techno auf den Markt kommt, wo doch Musik des Genres Detroit längst auch in Bad Nauheim, Bad Wörishofen oder im Weltall produziert werden kann. Dieser kleine Rückfall in die Stallgeruch-Logik des Musikmarketings gehört zu den lässlicheren Sünden der grassierenden Identitätspolitik von heute. Ansonsten ist das alles frei nach George Clinton superfunkadelisch.

© SZ vom 05.12.2017
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