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Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für Susan Sontag:Alt und neu, nicht die und wir

Die US-amerikanische Intellektuelle Susan Sontag hat den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. In ihrer Rede kritisierte sie die Politik von US-Präsident George W. Bush.

(SZ vom 13.20.2003) - In diesem Frühjahr auf der Leipziger Buchmesse - der Irak-Krieg hatte gerade begonnen - konnte man das Gerücht hören, der Börsenverein des Deutschen Buchhandels trage sich mit der Absicht, den Friedenspreis an den deutschen Kanzler und seinen Außenminister, an Gerhard Schröder und Joschka Fischer zu verleihen. In der damaligen Stimmung, in der sich der Kanzler und sein Volk in ihrer Empörung über Washingtons Kriegspolitik so nahe waren wie sonst nie, schien dieses Gerücht nicht völlig aus der Luft gegriffen. Auch wenn es unappetitlich war, sich eine solche Verbrüderungsshow von Macht und Moral, sich ein solch demonstratives Auf-die eigene-Schulter-Klopfen vorzustellen.

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Susan Sontag in der Frankfurter Paulskirche

(Foto: Foto: AP)

Nun hat sich der Börsenverein bekanntlich für die amerikanische Schriftstellerin und Intellektuelle Susan Sontag entschieden - und das ist auch die viel geschicktere Wahl. Man ehrte eine unbestechliche politische Beobachterin, die ihrem eigenen Land keine bittere Wahrheit erspart, und konnte diese zugleich wie ein süßes Gift der Selbstbestätigung einsaugen. Denn was in den USA Susan Sontags minoritärer Widerspruch gegen die Politik der Bush-Administration ist, verwandelt sich während des Fluges über den Atlantik unversehens zur breiten Mehrheitsmeinung. Die intellektuelle Pose des Widerspruchs aber als Mehrheitsmeinung ist nur schwer zu ertragen und die beste Voraussetzung für eine Gänsehaut.

Es gab diese Momente auch bei der Festveranstaltung in der Frankfurter Paulskirche, das reflexhafte Abklatschen von kriegskritischen Sätzen. Aber Susan Sontag ist eine viel zu scharfsinnige Intellektuelle, um nicht um die Fallstricke zu wissen, die mit der Repräsentativität ihrer öffentlichen Figur verbunden sind. Deshalb hat sie eine Rede gehalten, die den europäisch-amerikanischen Antagonismus, das Verhältnis von Alter und Neuer Welt so vielschichtig und mehrdeutig beschrieb, dass sich allzu affirmativer Selbstgenuss beim Publikum des Festaktes nicht einstellen konnte.

Wer den Krieg nicht kennt

Abschätzige Urteile über Europa seien heute in den USA so verbreitet wie anti-amerikanische Gefühle in Europa. Die heftige weltpolitische Auseinandersetzung um den Irak-Krieg in den vergangenen zwölf Monaten haben die transatlantische Entfremdung so verschärft, dass man geradezu von einem clash of civilisations sprechen könnte.

Eine Konfrontation unterschiedlicher Kulturen, in der Gegensätze mit langer Vergangenheit wieder zu neuem Leben erwachen: "Amerikanische Unschuld und europäisches Raffinement; amerikanischer Pragmatismus und europäischer Intellektualismus; amerikanische Tatkraft und europäischer Weltschmerz" und so fort. Wie auch immer diese Antithese gefüllt wird, sie teilt die Welt "in polarisierende Kategorien ("die" und "wir"). Und auch dort, wo die zum Klischee geronnenen Gegensätze durchaus ein Stück Wirklichkeit abbilden, führen sie auf ungute Weise zu einer Verfestigung des transatlantischen Antagonismus.

Alt und neu

Susan Sontag schlug deshalb vor, lieber vom Gegensatz von alt und neu zu reden. Denn damit wäre ein Spannungsverhältnis bezeichnet, dass auf keinen der beiden Pole verzichten kann. Im Alten ist unsere Vergangenheit, unsere Erinnerung, unsere "Weisheit", wie Susan Sontag sagte, umschlossen, während das Neue für den Aufbruch, die Tatkraft und den Veränderungswillen einsteht. Leben, das nicht steril werden soll - so müssen wir Susan Sontag verstehen, darf auf keines der beiden Prinzipien Verzicht leisten: "Was ist das Leben, wenn nicht ein ständiger Austausch zwischen Altem und Neuem?"

Sie habe ihre Arbeit immer der Aufgabe gewidmet, "polarisierende, Gegensätze aufbauende Denkweisen zu entmystifizieren", erklärte Susan Sontag. Sie hat diesen Anspruch mit ihrer Rede glänzend eingelöst und damit zugleich ein Projekt wieder mit Leben erfüllt, von dem sich Europa eher melancholisch verabschiedet hat: das der Aufklärung.

Eindrucksvolle Laudatio von Ivan Nagel

Susan Sontags Laudator Ivan Nagel hat deshalb mit gutem Grund seine eindrucksvolle Laudatio in ein berühmtes Lessing-Zitat münden lassen: "Wenn Gott", heißt es da, "in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: ,Wähle!' - ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: ,Vater, gib! Die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!'"

Denn nicht der Besitz vermeintlich unverbrüchlicher Wahrheiten, sondern der immer wieder neu angestrengte Versuch, der Wahrheit nachzuforschen, ist das Fundament der intellektuellen und moralischen Redlichkeit.

Dieses Nachforschen, so Ivan Nagel, hieß für Susan Sontag vor allem immer: Wahrnehmen - nämlich das, was Menschen einander an Grauen anzutun in der Lage sind. Deswegen sei Susan Sontag im Lauf ihres Lebens an so vielen Krisen- und Kriegsherden dieser Welt gewesen, während sich heute die Welt spalte "in Menschen, die den Krieg kennen - und die ihn nicht kennen". Die größte Gefahr sei deshalb, dass künftige Kriege von jenen angepackt würden, die ihn nicht kennen.

Im sicheren Besitze hingegen seiner Wahrheit über Susan Sontag weiß sich der Botschafter der Vereinigten Staaten in Deutschland: Er ist dem Festakt deshalb ausdrücklich ferngeblieben.

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