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In der Alten Kongresshalle ist nun Mozarts "Zaide" zu sehen, ein Musiktheaterprojekt, das Künstler auf der Flucht mit Einheimischen zusammenbringt

Von Egbert Tholl

Vor eineinhalb Jahren schaute sich Albert Ginthör eine Sendung im Fernsehen an. Ginthör ist Geiger im Orchester des Gärtnerplatztheaters, seit vielen Jahren, in denen er dort in verschiedenen Gremien saß, Orchestervorstand war und das Gärtnerplatz-Open-Air organisierte, ja im Grunde kann man sagen, er hat die publikumsträchtigste Veranstaltung des Hauses (mit-)erfunden. Nun sah er also einen Fernsehbericht über eine Aufführung von Mozarts Opernfragment "Zaide" in Augsburg, bei der neben einem Orchester, bestehend aus Musikern der Münchner Philharmoniker und des Gärtnerplatztheaters, der Oper Stuttgart und der in München, neben deutschen Sängerprofis Musiker, Sänger, Tänzer und Choristen aus Nigeria, Afghanistan, Syrien, Irak, Iran und Pakistan auf der Bühne standen. Flüchtlinge, die gleichwohl auch Künstler sind.

Ginthör dachte sich zweierlei: Zum einen ist es gerade im Musiktheater völlig normal, mit Menschen aus allen Herren Ländern zusammenzuarbeiten; zum anderen fragt man sich am Theater seit geraumer Zeit ständig, wie man mit der Situation von Menschen auf der Flucht umgehen könne: Die Antwort sah Ginthör nicht in bunten, integrativen Cafés, "die Antwort war diese Fernsehsendung". Und Ginthör begann, alles daran zu setzen, die Produktion nach München zu holen. Nun ist es so weit: Am 11., 13. und 14. Januar ist "Zaide - eine Flucht" in der Alten Kongresshalle auf der Schwanthalerhöhe zu sehen (19 Uhr), am spielfreien Donnerstag, 12. Januar, organisieren Studenten der LMU, die unter der Leitung von Dana Pflüger die Produktion in Workshops etwa mit dem Erstellen des Programmhefts unterstützen, am selben Ort einen "Abend der Begegnung".

"Zaide" ist ein Singspiel, kurz vor der "Entführung aus dem Serail" entstanden und, da ähnlich im Sujet, lange Zeit als Fingerübung verstanden worden. Doch Mozart schrieb hier einige seiner schönsten Musiken, schrieb für die Titelfigur Arien von wunderbarer Schönheit. Einmal singt Zaide ihren Gomatz in den Schlaf - und man träumt dahin. Einmal wendet sie sich mit Zorn und Stolz gegen den Sultan - "Tiger, wetze deine Klauen" ist im Gesamtwerk Mozarts einzigartig. Ebenso wie es die zwei Melodramen sind, die er hier hineingeschrieben hat. 1780 war gesprochenes Wort zu darunterliegender Musik die allerneueste Erfindung, Mozart war begeistert. Aber nur einmal, eben bei der "Zaide".

Der Chor der "Zaide" vereint Menschen aus Deutschland, Nigeria und dem Nahen wie Fernen Osten - ein Foto aus der Augsburger Premiere.

(Foto: A.T. Schaefer)

Cornelia Lanz war auch begeistert. Sie sang die Zaide in Augsburg, singt sie nun in München, und ist die Mutter des ganzen Projekts. Ihrem Enthusiasmus, gepaart mit schwäbischem Pragmatismus, sind schon Viele erlegen, zum Glück. Vor Jahren gründete sie den Verein "Zuflucht Kultur", integrierte Flüchtlinge als erstes in eine Aufführung von Mozarts "Così", wurde mit Preisen überschüttet, trat bei Amnesty International und Hillary Clintons "Women of the World" auf, war bei Markus Lanz zu Gast und schüttelte Bundespräsident Joachim Gauck beim Gartenfest auf Schloss Bellevue die Hand.

Das tat bei dieser Gelegenheit auch Ahmad Shakib Pouya. Genützt hat ihm das auf Dauer wenig. Pouya spielt in der "Zaide" Harmonium. Er spielt das Instrument, das ursprünglich aus Indien kommt, seit er 13 ist, jetzt ist er 30 und lebt seit 2009 nicht mehr in seiner Heimat Afghanistan. Er war Musiker dort, trat im Fernsehen auf, arbeitete aber vor allem in einem französischen Krankenhaus. Also: Künstler, Intellektueller, Kontakt zu westlichen Ausländern - die Taliban warfen eine Bombe ins Haus, in der Folge starb Pouyas Vater, er selbst machte sich auf, auf einen langen Weg der Flucht, wollte nach Frankreich, blieb in Bayern hängen.

Pouya spricht sechs Sprachen, hatte den Traum, als Zahnarzt in Frankreich zu arbeiten, fand sich in Augsburg wieder und durfte nichts tun. Ehrenamtlich arbeitete er für die IG Metall in Frankfurt, ehrenamtlich übersetzte er für schwäbische Ausländerbehörden, bei denen kein Mensch Urdu beherrscht. Er ist ein Mensch, von dem viele Leute hier in Deutschland profitieren könnten. Und doch sollte er nach sechs Jahren abgeschoben werden. Sein Fall ging Ende des Jahres durch die Medien, auch durch diese Zeitung, und selbst Kollegen, die sich mit Ausländer- und Flüchtlingsrecht besser auskennen, schüttelten nur den Kopf. Es sah sogar so aus, als könnte nicht einmal die Härtefallkommission, wo sein Fall anhängig ist, etwas gegen die Abschiebung tun. Kommentar Albert Ginthör: "Wenn wir den nicht integrieren, dann integrieren wir überhaupt keinen." Falls, was niemand derzeit wissen kann, Pouya nach Ende der Aufführungen doch Deutschland verlassen muss, um, so hofft er, in Afghanistan vor den Taliban unterzutauchen und schnellstmöglich zurückzukehren in den Westen, will Ginthör ihn begleiten. "Wenn die Behörden sagen, Afghanistan sei ein sicheres Land, dann sollen die sich mal um meine Sicherheit dort kümmern."

Musiker und Macher: Ahmad Shakib Pouya (links) und Albert Ginthör vor der Kongresshalle.

(Foto: Jana Gleitsmann)

Im Augustiner Wirtshaus neben der Alten Kongresshalle sitzen Pouya und Mazen Mohsen. Mohsen stammt aus Syrien und singt in der "Zaide" den Osmin; er hat auch schon in der Augsburger Aufführung und beim "Idomeneo" mitgewirkt, den Cornelia Lanz ähnlich wie eben die "Zaide" und die "Così" auf die Beine gestellt hat. Auf einmal wandelt sich das Gespräch, geht es nicht mehr um Pouyas Fluchtkrimi, den man nicht einmal ansatzweise hier wiedergeben kann. Auf einmal reden die beiden über muslimisches beziehungsweise orientalisches Selbstverständnis - Mohsen ist Druse -, und man kriegt eine Ahnung davon, wie viel menschlich Schönes all jenen unbekannt bleibt, die nach Abebben der Willkommenskulturwelle im Flüchtling vor allem die verborgene Gefahr sehen - dem trägt auch die Münchner Fassung der Aufführung Rechnung.

Ja, beide haben erlebt, wie versucht wurde, sie in Deutschland zu radikalisieren. Bei einem Fest in Augsburg legte Pouya Musik auf - auf einmal kamen Leute auf ihn zu und sagten, das sei gegen den Islam. Seine Antwort: Warum kommst du hier her, wenn du dagegen bist?"

"Zaide" ist eine Produktion von Frauen wie Lanz, wie der Dramaturgin Dana Pflüger. Beide, Mohsen und Pouya, meinen dazu, wer damit Probleme habe, der brauche gar nicht fliehen. Wer glaube, eine Burka sei ein passendes Kleidungsstück für eine Frau, der könne es ganz gut zu Hause aushalten, in all den Regionen, in denen religiöse Radikalisierung herrscht. Flüchtlinge sind eine extrem heterogene Gruppe, wie alle Gesellschaften, das bekam auch der "Zuflucht"-Verein bereits zu spüren, innerhalb seiner Projekte. Manche sinnen auf Revolte - und verabschieden sich aus dem Projekt. Die Zauberhaften bleiben. Zum Abschied sagt Mazen Mohsen: "Frauen sind die Blumen der Welt."

© SZ vom 10.01.2017
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