Fluch der modernen Kommunikation Der Terror des Jetzt

Alles zu seiner Echtzeit: Mobiles Telefonieren, dazu Chatten, Instant Messaging und permanenter Informationsfluss - der Computer wird zur Ablenkungs- und Zerstreuungsmaschine.

Von Dirk von Gehlen

Hermann Leeb wurde schon vor fast zehn Jahren von dem Problem erfasst. Damals war der Rechtsanwalt bayerischer Justizminister. Im ersten und zweiten Kabinett Stoiber zählte Leeb zur Regierungsmannschaft des scheidenden bayerischen Ministerpräsidenten. 1998 entließ Stoiber ihn. Hermann Leeb war ihm, das besagen Gerüchte, nicht dynamisch genug. Während einer dreistündigen Bahnfahrt habe Leeb sein Handy ausgeschaltet und sei nicht erreichbar gewesen.

Mittlerweile gilt der Anspruch der permanenten (telefonischen) Verfügbarkeit nicht mehr nur für Minister oder Manager. Es gibt in Deutschland mehr aktive Mobilfunkanschlüsse als Einwohner. Diese so genannte "100-Prozent-Sättigung der Mobilfunkversorgung" geht einher mit einer Stimmung, nach der sich 74 Prozent der Deutschen angeblich dadurch in ihrem Lebensgefühl bereichert fühlen, dass ihr Handy sie nicht mehr los lässt. Ständig erreichbar zu sein, wird als angenehm empfunden, nicht als Anstrengung.

Jeder wird zum Mitteilungs-Manager, denn die mobile Kommunikation markiert nur den offensichtlichen Beginn eines Verfügbarkeits-Regimes. Dank neuer Kommunikations-Werkzeuge des Internets ist dieses Regime nicht mehr nur angenehm, sondern gleicht einer Art Terror des Jetzt: E-Mails, Instant-Messenger-Botschaften, Internet-Anrufe, interne Nachrichten so genannter Social-Network-Sites, Neuigkeiten im RSS-Reader oder aktuelle Blogeinträge - alles will sofort die volle Aufmerksamkeit.

Im Internet kursiert in diesen Tagen ein lustig gemeintes Video, in dem der angebliche Absturz des gesamten Netzes vermeldet wird. Schuld daran trage ein gewöhnlicher Internet-Nutzer, der einfach zu viele Fenster parallel geöffnet habe, meldet die erfundene Nachrichtensendung in dem Clip, der deshalb derzeit so oft weitergeleitet wird, weil viele die beschriebene Situation kennen: Neben zahlreichen Websites, die geöffnet sind, läuft das E-Mail-Programm, das automatisch neue Nachrichten aufploppen lässt.

Parallel macht der RSS-Reader Meldung, wenn auf einer abonnierten Website oder einem Blog ein neuer Eintrag verfasst wurde. Und außerdem läuft natürlich (mindestens) ein Chat-Programm, das sanfte aber eindringliche Geräusche macht, wenn ein so genannter Kontakt eine Nachricht sendet. Gleiches gilt für interne Botschaften, die in Communitys wie MySpace, StudiVZ oder Xing verschickt werden. Der Kommunikations-Manager vor dem Bildschirm muss auf all das reagieren. Sofort.

"Das ist ein Fluch und ein Segen zugleich", erklärte der Wirtschaftstheoretiker Jeremy Rifkin vor ein paar Jahren in Bezug auf die permanente Verfügbarkeit von Führungskräften. Seine Einschätzung lässt sich übertragen: Sofort informiert zu werden sei natürlich eine Chance, es ändere aber auch die Art unseres Denkens - und wer die Berichterstattung wichtiger Nachrichtenseiten im Web beobachtet, sieht, was sich ändert: So genannte Live-Berichterstattung soll Echtzeit-Kompetenz ausstrahlen. Das ändert sich auch dann nicht, wenn die Live-Ticker tatsächlich kaum Inhalte transportieren können, weil zum Beispiel bei der Begrüßung der Gäste beim G8-Gipfel eben nicht viel Berichtenswertes passiert - außer dass Frau Merkel Hände schüttelt. Aber es ist live, es geschieht genau jetzt.

Immer alles sofort gleichzeitig

Dabei ist gerade im Vergleich medialer und persönlicher Kommunikation eine scheinbar paradoxe Entwicklung zu beobachten: In massenmedialer Kommunikation erobert der vormals passive Nutzer eine ständig wachsende Beteiligungs-Kompetenz und eine nie geahnte Zeitsouveräntität.

On-demand heißen die Angebote, die den Leser oder Zuschauer in die Lage versetzen, zum Beispiel eine Radiosendung nicht nur zu der vom Sender vorgegebenen Zeit und über den terrestrischen Empfang anzuhören. Via Podcast lädt er die Sendung herunter, hört sie, wann und wo er möchte und löst sich von den strikten Zeitvorgaben der Sender. Die Formulierung vom "Zuschauer als Programmdirektor" trifft hier voll zu: Der Zuschauer bestimmt selber, wann er was sehen oder hören möchte - er löst sich von allen zeitlichen Vorgaben.

Parallel ist in der interpersonalen Kommunikation übers Internet jedoch eine gegenläufige Entwicklung zu beobachten: Die genannten Kommunikationswerkzeuge ermöglichen zwar den Austausch in Echtzeit - über Landesgrenzen und Zeitzonen hinweg. Sie sorgen aber auch dafür, dass der Nutzer sich freiwillig einem Diktat der Gegenwart unterzieht. Bei der beinahe schon als klassisch zu bezeichnenden Internet-Kommunikation via E-Mail ist dies vielleicht lediglich eine Frage der Höflichkeit (Wie lange darf man warten, bis man eine E-Mail beantwortet? 24 Stunden oder muss das am gleichen Tag geschehen?). Bei Chats oder Instant-Messenger-Dialogen ist dieses Echtzeit-Diktat aber Grundlage der Kommunikation. Ohne sofortige Antwort zerfällt die Instant-Kommunikation.

Wer solche Programme nutzt, kann seinen so genannten Status einstellen, also anzeigen lassen, ob er gerade verfügbar, am Gespräch interessiert oder abwesend ist. Diese Verfügbarkeitsanzeige gleicht aber lediglich einer Tür, an die man natürlich auch klopfen kann. Die Antwort lautet dann: "Dirk is busy. You may be interrupting."

Permanente Ablenkung

Der Computer, einst erfunden um Arbeitsabläufe effizienter zu machen, wird zur permanenten Ablenkungs- und Zerstreuungsmaschine. Wenn Kommunikation nicht mehr allein die Fähigkeit beschreibt, eine singuläre Konversation zielgerichtet zu führen, sondern unterschiedliche Gesprächsfäden parallel zu spinnen und im Blick zu behalten, ändert das auch die Kommunikationskultur.

Die Kommunikation derer, die ihre permanente Verfügbarkeit managen können, ist nicht länger linear. Ihre Vorstellung dessen, was als effizient oder konzentriert zu gelten hat und was eine Ablenkung ist, verschiebt sich. So entsteht zunehmend ein Graben zwischen denen, die mit dieser neuen Kultur selbstverständlich umgehen und jenen, die sich dem Terror des Jetzt nicht beugen wollen (oder können). Sogar Steve Wozniak - bekennender Technik-Optimist (Die größte Erfindung der vergangenen 100 Jahre: "Der Personal Computer") und Mitbegründer der Computerfirma Apple - antwortete unlängst auf die Frage, was ihn am Computer am meisten störe: "Die ständige Erreichbarkeit."

Genau dies scheint aber für viele Nutzer den Reiz des Computers und der über ihn geführten Internet-Kommunikation auszumachen. Warum würde der Internet-Telefonie-Anbieter Skype sonst neuerdings mit dem Slogan "Ich bin immer da" werben und dazu erklären: "Skyper können ihren Kontakten über ihr Profil und die Verfügbarkeitsanzeige eine virtuelle Anwesenheit bieten, die in diesem Umfang bis vor drei Jahren als noch völlig undenkbar galt."

Das Unternehmen spricht die so genannten digitalen Eingeborenen an, jene Altersgruppe also, die den Faktor Mobilität selbstverständlich einbezogen haben in ihre Art zu kommunizieren. Skype will nun den Faktor Präsenz (ständig) ergänzen und unter Freunden das grüne Anwesenheitszeichen im eigenen Profil "zum verbindenden Element" machen. Glaubt man dem amerikanischen Forschungsinstitut "Pew Internet & American Life" ist Skype damit auf einem guten Weg: Für jeden zweiten der kürzlich befragten US-amerikanischen Jugendlichen ist die Präsenz auf einer Social Network Site mittlerweile selbstverständlich. Hier pflegen sie im mindestens täglichen Rhythmus ihre sozialen Kontakte und tauschen sich aus - in Echtzeit.

Doch nicht nur die 12- bis 17-Jährigen gehen so progressiv mit dem Netz um. Auch John Edwards, der vor vier Jahren an der Seite von John Kerry US-Vizepräsident werden wollte, betreibt seinen aktuellen Wahlkampf um die demokratische Präsidentschaftskandidatur in den USA unter anderem mit der Website Twitter. Hier beantwortet eine ständig wachsende Zahl Menschen minütlich via Web oder SMS nur eine Frage "Was tust du gerade?". 140 Zeichen müssen für jede Antwort reichen. Twitter, das als das nächste große Ding im Internet gilt, ist eine weitere Steigerungsform der Echtzeit-Dominanz.

John Edwards scheint damit umgehen zu können. An guten Tagen bringt es der Politiker innerhalb von drei Stunden auf gut drei neue Twitter-Nachrichten. Drei Stunden, das ist die Zeit, die Justizminister Leeb in den neunziger Jahren mal nicht erreichbar war. Eine Ewigkeit.