Flickr.com:Sieh mal einer an

Lesezeit: 4 min

Das globale Fotoalbum Flickr.com zeigt nun mehr als zwei Milliarden Bilder. Die Seite symbolisiert eine neue Ebene im kollektiven Gedächtnis und ist zugleich unmerklich Alltag geworden. Lärm um die Inhalte gibt es trotzdem.

Dirk von Gehlen

Die Lektüre ist nicht nur amüsant, sie ist auch lehrreich. Wer im Archiv nachliest, wie sich deutsche Zeitungen und Magazine vor zwei Jahren an der Aufgabe versuchten, ihren Leserinnen und Lesern das Prinzip der damals neuen Fotocommunity Flickr zu beschreiben, lernt dabei nicht nur, in welch kurzen Zeitabständen sich das Internet verändert und wie albern es deshalb erscheint, das Mitte der Neunziger gestartete Medium heute noch als "neu" zu bezeichnen.

Screenshot Flickr.com
(Foto: Foto: Flickr/ pictureclub_2000)

An den allesamt gescheiterten Versuchen, den Zauber von Flickr einzufangen, lässt sich vor allem ablesen: Bilder ins Internet zu laden, sie dort Freunden und Bekannten zur Verfügung zu stellen und sich durch fremde Galerien zu klicken, ist nichts Besonderes und vor allem nichts Neues mehr. Man muss es nicht beschreiben, man macht es einfach.

Der Bilderberg, dessen Aufschüttung erst im Frühjahr 2004 begann, hat in dieser Woche einen neuen Gipfel erreicht: Die Nutzerin yukesmooks - nach eigenen Angaben eine Australierin aus Brisbane - hat am Dienstag ein Bild hochgeladen, das einen Gummibaum auf dem Haymarket in Sydney zeigt. Mit diesem Bild wurde die Marke von zwei Milliarden Fotos erreicht.

Für eine Handvoll Dollar

Ein neuer Höhepunkt in der Erfolgsgeschichte der Website, die im Jahr 2004 quasi als Nebenprodukt zu dem Onlinespiel "Neverending" entstand, an dem die Flickr-Gründer Caterina Fake und Stewart Butterfield zunächst arbeiteten. Schnell war den beiden aber klar, dass sie mit der Fotocommunity mehr Erfolg haben würden als mit dem Online-Spiel.

Bereits ein Jahr nach dem Start fand der damalige Yahoo-Chef Terry Semel die Seite so spannend, dass er sie kaufte. Für einen aus heutiger Sicht lächerlichen Preis von 35 Millionen Dollar wechselte der Star des ganz frühen Web 2.0 den Besitzer. Zum Vergleich: Nur für eine Beteiligung von 1,6 Prozent an dem aktuellen Webstar Facebook zahlte Microsoft Ende Oktober fast das Siebenfache: 240 Millionen Dollar.

Wer bei Flickr nach "Haymarket Sydney" sucht, findet fast tausend Bilder, von denen nicht wenige spektakulärer, schöner oder interessanter sind als das Jubiläumsmotiv von yukesmooks. Auch Gummibäume gibt es zahlreich und schöner auf Flickr. Doch gerade weil dieses Bild so gewöhnlich, ja fast langweilig ist, eignet es sich als Beleg für die Veränderungen, die Flickr in der Kommunikationskultur nicht nur des Internets ausgelöst hat: Flickr (und andere Online-Fotoalben, wie zum Beispiel das von Rupert Murdoch gekaufte Photobucket) sind zu einer selbstverständlichen Form der Alltagskultur geworden.

Schneller als die Agenturen

An diesen Online-Bilderbergen lässt sich eine Menge über eine (digitale) Gesellschaft ablesen, deren kollektive Selbstvergewisserung vor allem über Bilder funktioniert. Das Prinzip des klassischen Urlaubsfotos, das später als Beweis nicht nur dafür dient, dass man auch wirklich verreist war, sondern auch als Beleg dafür, dass es erholsam gewesen sein muss, hat alle Gesellschaftsbereiche erfasst. Wirklich erscheint nur noch das, was man im Bild sehen kann. Denn nur dann kann man die Botschaft verbreiten, es also veröffentlichen und Freunden Links zu den Bildern schicken.

Dass Fotos der Terroranschläge in London im Juli 2005 zunächst auf Flickr und dann erst in den Nachrichtenagenturen auftauchten, ist eine der oft erzählten Geschichten über die Website. Anhand der beängstigenden Handy-Bilder aus dem Londoner Untergrund lässt sich beispielhaft die Wirkmacht der Website festmachen, die sich schnell, unmittelbar und vermutlich auch deshalb ungeschminkt vermittelt.

Flickr steht für die Vermischung dessen, was als privat galt und jenem, was wir für öffentlich oder politisch halten. Nutzer der Seite entblößen sich hier freiwillig, arbeiten selbst an der Auflösung ihrer Privatsphäre, verhandeln über ihre hochgeladenen Bilder aber auch politische Themen - und zwar jene, die abseits des ritualisierten Betriebs der Parteipolitik entstehen, im Leben der Menschen, die Bilder aus ihren Betten und Gärten, Kinderzimmern und Urlauben veröffentlichen.

Wut und Lärm

Und damit stellen die Nutzer von Flickr natürlich weitere Fragen, zum Beispiel jene nach der digitalen Übereinkunft, die das Leben im Netz regelt. Konkret: Die Frage danach, was als erlaubt zu gelten hat und was als Grenzübertritt bewertet wird. Bei Flickr werden solche Motive als Bilder beschrieben, die man "nicht seinen Kindern, seiner Großmutter oder Arbeitskollegen zeigen" würde. Mit dieser Beschreibung wird die Filter-Stufe "eingeschränkt" erläutert. An diesen vermeintlich anstößigen Motiven entzündete sich im Sommer zum Start der deutschen Version von Flickr eine Debatte um Zensur im Bilderberg.

Damals musste der Mutterkonzern Yahoo nach heftigen Protesten die eigenen Filter-Regeln überarbeiten. Man entschied, dass deutsche Nutzer fortan alle Bilder tauschen dürfen, die als "unbedenklich" oder "mittel" eingestuft wurden. Motive, die aus rechtlichen Gründen für Kinder und Jugendliche nicht geeignet seien, müssen der Kategorie "eingeschränkt" zugeordnet werden.

Interessant an dem Zensurstreit ist zweierlei: Zum einen lässt sich daran wenn nicht die Macht, so doch zumindest die lautstarke Wut erkennen, die Nutzer im Netz haben und auch einsetzen. Diese hatten im Juni eine Woche lang so heftig in Blogs, Foren und Kommentaren über das Bewertungssystem der Fotocommunity geschimpft, dass Flickr nicht anders konnte, als auf die Vorwürfe zu reagieren und das Bewertungssystem zu ändern.

Der Rückblick auf den Sommer bestätigt außerdem, dass Lärm im Netz nicht zu Misserfolg führen muss. Als Flickr im Juni dieses Jahres in Deutschland startete, hatten die damals fast acht Millionen Menschen rund 525 Millionen Fotos auf der Website hochgeladen. Innerhalb von nicht einmal sechs Monaten ist diese Zahl auf mehr als zwei Milliarden gestiegen. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass es in naher Zukunft Texte geben wird, in denen man sich über diese Zahl amüsieren wird.

Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB