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Filmfest:Rekorde und Revolutionäre

Am Samstag endete das Filmfest München 2015

Von Susanne Hermanski

Auf die Münchener Filmfans ist Verlass: Beim Filmfest München 2015 sorgten sie mit 81 000 Kinogängen für einen neuen Besucherrekord, und zu ihrem Favoriten, der den "Bayern 3 und SZ Publikumspreis" erhielt, wählten sie eine von zwei Münchnern gedrehte Dokumentation. In "Projekt A" stellen Moritz Springer und Marcel Seehuber anarchistische Aktionsgruppen vor. Dafür haben sie Griechenland, Spanien und Deutschland bereist und Menschen gefunden, die alle auf der Suche sind nach alternativen, nichtkapitalistischen Gesellschaftsformen - Projekte wie sie im griechischen Stadtviertel Exarchia und in München als Agrargenossenschaft namens "Kartoffelkombinat" existieren. Die Gewinnerin aus dem Publikum erhält eine Reise zum Filmfest nach Venedig, mit Flug und Übernachtung im sagenumwobenen Hotel Danieli neben dem Dogenpalast.

Der Publikumspreis, ausgerichtet von SZ und BR, wurde 2015 erstmals gemeinsam mit den Preisen der Fachjuroren im Rahmen der Filmfest-Abschlussgala im Gasteig verliehen. Als besten internationalen Film im Wettbewerb CineMasters prämierte die Jury den portugiesischen Film "Cavalo Dinheiro" von Pedro Costa mit dem Arri/Osram Award. Costa erzählt darin über die Folgen der portugiesischen Kolonialgeschichte. Sein Protagonist scheint in eine Nervenheilanstalt gesperrt zu sein, doch im Laufe der Zeit entpuppt sich seine geschundene Seele als das eigentliche Gefängnis. Über den CineVision Award für die beste internationale Regie-Entdeckung durfte sich der Kanadier Andrew Cividino für "Sleeping Giant" freuen. Er schildert einen Familienurlaub am Lake Superior in Ontario, der in einer Tragödie endet.

Erstmals hat der internationale Kritiker-Verband Fipresci einen Preis in der Sektion Neues Deutsches Kino vergeben. Dieselbe Sektion, in der auch der "Förderpreis Neues Deutsches Kino" für den besten Nachwuchs verliehen wird. Den hatten Regisseur Sebastian Schipper, Produzent Peter Rommel und Schauspielerin Johanna Wokalek bereits am Freitag bekannt gegeben und für einen Raunen in der Branche gesorgt. Sie bedachten ein am italienischen Neorealismus orientiertes Erstlingswerk namens "Babai" mit drei der vier möglichen, hoch dotierten Preise. Debütant Visar Morina erhielt Regie- und Drehbuch-Preis (insgesamt 40 000 Euro). Seine beiden Hauptdarsteller der 10-jährige Astrit Kabashi und Val Maloku - wurden gemeinsam mit dem Förderpreis Schauspiel prämiert, beide nicht eben typische "Rising Stars". Mit den übrigen Filmen - abgesehen von der Tragikomödie "Happy Hour", die den Produktionspreis bekam - war die Jury hart ins Gericht gegangen. "Zu angestrengt" und "zu früh" gingen die deutschen Filmemacher oft zu Werke, sagten Schipper und Wokalek, die zudem vielen Kollegen bescheinigte, dass ihr schauspielerischer "Herzschlag" oft kaum durchs hübsche Kostüm dringe. Der Kritiker-Verband erwärmte sich indessen für ein ganz anderes Werk der Reihe: den sexuell recht unverkrampften "Schau mich nicht so an" der jungen, mongolischstämmigen Regisseurin Uisenma Borchu. Sie erzählt darin die Geschichte einer Ménage-à-trois, deren eine Seite des Dreiecks Josef Bierbichler verkörpert.

© SZ vom 06.07.2015

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