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Film: "Transamerica":Die Reise des verlorenen Sohnes

Der attraktive, coole Toby zeigt sich widerspenstig und herausfordernd. Bree verschweigt erst mal ihre Identität und spielt sich als Gouvernante auf: Sie versucht, von zaghaften väter-/mütterlichen Impulsen getrieben, dem Jungen Benehmen beizubringen: Wie man mit Messer und Gabel isst, kein Fastfood mehr, sondern vegetarische Kost, wie man sich einer gewählten Ausdrucksweise bedient...

In Rosa und Lila

Faszinierend, wie Felicity Huffman diesen Gouvernantenton entfaltet und durchhält - sie hätte dafür einen Oscar verdient, konnte sich aber gegen Reese Witherspoon nicht durchsetzen. Und das explosive Potenzial des Themas Transsexualität ging natürlich noch weit über die Brisanz der schwulen Cowboys in "Brokeback Mountain" und des Homo-Genies Capote hinaus. Huffmans Bree ist eine zimperliche, pingelige, altjüngferliche Frau, die genau darauf achtet, dass der Farbton des Lidschattens zum Rosa und Lila ihres Kostüms passt, und dass das Schminktäschchen wie ein Tabernakel der Weiblichkeit am Handgelenk baumelt. Raffiniert modelt sie ihre Stimme ins Monotone, lässt sie wie eine mühevoll verstellte Männerstimme klingen. Ihrem Gang verleiht sie das Püppchenartige, auf das Geishas hingedrillt werden.

Ganz im Gegensatz zur schrillen Travestie-Theatralik, wie sie Pedro Almodãvar seinen Transsexuellen in "Alles über meine Mutter" verleiht, will diese Bree so brav und proper erscheinen wie eine Hausfrau der fünfziger Jahre. Als würde diese Unscheinbarkeit, diese biedere Frauen-Normalität sie bewahren vor den schmerzhaften Erfahrungen des Angefeindet- und Ausgegrenztwerdens.

Das Schreckbild des unnachsichtigen Matriarchats

In der Antike oder in Stammeskulturen wurden Transsexuelle als geheimnisumwitterte Gestalten, die der Geisterwelt nahe sind, verehrt - im provinziellen Amerika, das Bree und Toby durchqueren, gelten sie als Monster. Und ganz besonders in den Augen von Stanleys eigenen wohlsituierten Middleclass-Eltern, bei denen er mit Toby Station macht. Die Mutter fasst ihm zur Begrüßung erst mal ungeniert und demütigend zwischen die Beine, und will Toby als Ersatz für den "verlorenen Sohn" adoptieren.

Diesem Schreckbild des unnachsichtigen Matriarchats konfrontiert sich ein transsexuelles Mutterbild, das Elemente beider Geschlechter zusammenbringt und die streng fixierten Parts versöhnt. Eine wunderbare Episode führt zum Indianer Calvin Two Gates (Graham Greene): eine in sich ruhende Vaterfigur mit Gitarre und Cowboyhut. Er macht Bree Avancen und deutet dabei an, dass er um ihr Geheimnis weiß. Woraufhin Bree innehält - erschrocken, geschmeichelt, gerührt - und tatsächlich errötet. Fast eine Liebesgeschichte, ein Moment utopischen Glücks.

TRANSAMERICA, USA 2005 - Regie, Buch: Duncan Tucker. Kamera: Tom Camarada. Schnitt: Pam Wise. Musik: David Mansfield. Mit: Felicity Huffman, Kevin Zegers, Fionnula Flanagan, Elizabeth Pena, Graham Greene, Burt Young, Calpernia Addams. Falcom, 103 Min.