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Film:Tim Burtons Bilderkabinett

Roald Dahl hat den Kult-Roman geschrieben, die erste Verfilmung mit Gene Wilder war ein voller Erfolg. Nun hat sich der Meister der expressionistischen Bilder daran gemacht und "Charlie und die Schokoladenfabrik" neu inszeniert. Von Jürgen Schmieder

Es ist die Vorstellungskraft des kleinen Charlie Bucket, die in den ersten Minuten des Films dominiert. Er öffnet eine Tafel Schokolade, die er sich von seinem letzten Geld gekauft hat. Darin befindet sich das Ticket zum Tag seines Lebens, eine goldene Eintrittskarte für die Schokoladenfabrik von Willy Wonka. Man sieht, wie er sich diesen Ort vorstellt, den seit 15 Jahren kein Mensch mehr besuchen durfte. Tim Burton lässt Raum für die Vorstellung in seinem neuen Film "Charlie und die Schokoladenfabrik".

Die Buckets sind eine der ärmsten Familien in der Stadt, sie müssen sich täglich von Kohlsuppe ernähren. Charlies Vater arbeitet am Fließband einer Zahnpastafabrik, seine Großeltern teilen sich zu viert ein Bett. Sie leben in einem Haus, das schiefer steht als der Turm in Pisa und von allen Seiten her einzustürzen droht.

Doch die Familie lässt sich nicht unterkriegen, vor allem nicht Charlie. Immer gut gelaunt baut er sich ein Modell von der berühmten Schokoladenfabrik und lauscht den Geschichten seines Großvaters, der einst dort arbeitete. Und nachts - als er einen letzten Blick aus dem Fenster wirft - stellt er sich dann vor, wie es aussehen könnte im Inneren der mystischen Fabrik.

Das Übertreffen der Vorstellung

Tim Burton ist ein Meister darin, diese Vorstellungskraft noch zu übertreffen. Willy Wonka entführt die fünf Gewinner seines Preisausschreibens in eine süße Welt: Schokolade fließt über einen Wasserfall in einen Bach, darüber führt eine Brücke aus essbarem Pfefferminz, am Ufer stehen Büsche aus Kirschcreme. Alles wird hergestellt von den Oompa Loompas, elfenartige Geschöpfe, die ihrem Herrn für ein paar Kakaobohnen jeden Wunsch erfüllen. Die Kinder sind begeistert, davon haben sie alle geträumt: Der verfressene Nimmersatt Augustus, der vorlaute Schlaumeier Mike, das überehrgeizige Starlet Violetta und das verwöhnte Gör Veruca. Und natürlich der herzensgute Charlie, der aus dem Staunen nicht mehr herauskommt.

Willy Wonka lädt seine Gäste ein, alles tun zu können, was sie möchten. Sie sollen keine Rücksicht nehmen auf die Einrichtung - sie ist ersetzbar. Auch nicht auf ihre Begleitpersonen, schließlich geht es um einen Preis: Am Ende des Tages erhält eines der Kinder eine besondere Überraschung. Sofort gehen die Teilnehmer auf Erkundungstour, jeder auf seine Art.

Doch Willy Wonka hat eine andere Vorstellung von diesem Tag: Ein Kind nach dem anderen verschwindet, jedes aufgrund seiner negativen Eigenschaften: Maßlosigkeit, Stolz, Habsucht, Arroganz. Die Regel lautet: Sei brav, und wirst gewinnen. So bleibt am Ende nur Charlie übrig, der sich zurückhält und sich ganz dem ergibt, was nicht einmal seine Vorstellung ihm eingeflüstert hatte. Er ist der Sieger, und Willy Wonka stellt ihm seinen grausamen Gewinn vor: Ihm soll alles gehören, die gesamte Fabrik - aber nur dann, wenn er seine Familie für immer verlässt.

Überhaupt ist der Besitzer des Schokoladen-Paradieses eine undurchsichtige Figur. Genüsslich betrachtet er das Verschwinden der Kinder, Reue kennt er nicht. So hat Roald Dahl seine Figur angelegt: Grausam und kalt, mit der eigenen Vergangenheit im Kampf. Johnny Depp muss bei seiner Interpretation in die Fußstapfen von Gene Wilder aus der Originalverfilmung "Willy Wonka und die Schokoladenfabrik" aus dem Jahr 1971 treten.

Depp ist es gewohnt, physisch oder psychisch verwundete Personen darzustellen. Doch in der Figur Willy Wonka scheint er keinen Spaß gefunden zu haben, er agiert nicht mit dem Genuss, mit dem er in "Edward mit den Scherenhänden" oder "Die neun Pforten" glänzt. Wohl auch deshalb konzentriert sich Burton mehr auf Charlie, der von Freddie Highmore glaubhaft naiv verkörpert wird.

Und es bleiben natürlich die Bilder des Expressionisten Burton. Seine Schlussszene könnte aus einem Robert Wiene-Film stammen, doch der Regisseur hat längst seine eigene Kategorie: Burtonesque. So zeigt er in seiner eigenen Sprache, dass bei aller Grausamkeit und Schadenfreude das Happiest Ending eintreten kann. Mit dieser Gewissheit lässt er seine Zuschauer zurück. Und mit einer Vorstellung davon, was er in seinem nächsten Film zeigen wird. Damit er es wieder übertreffen kann.