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Film "La mala educación - Schlechte Erziehung":Die Kinder des Olymp

Pedro Almodóvars Film über ehemalige Klosterschüler erzählt die Geschichte von einem Abschied, der zweimal erfolgen muss.

Von Fritz Göttler

Abwärts geht es in diesem Film, unaufhaltsam abwärts, und das Kino, scheint es, liegt an einem Weg, der direkt in die Hölle führt. Das lokale Kino heißt zwar Olympo, aber das muss eine boshafte Ironie der Geschichte sein.

"Quizás?" - ein Dämonische Vielleicht herrscht über dem Geschenen.

(Foto: Foto: clubcultura)

Im Jahr 1980 beginnt die Geschichte dieses Films, in Madrid, irgendwann geht es dann zurück in die Kindheit, in die frankistischen Sechziger, später gelangt man nach Valencia, aber da hat man bereits die Orientierung verloren, ist nicht mehr sicher, welchen Erinnerungen man gerade folgt und wie stark man ihnen vertrauen darf, merkt allenfalls in letzter Sekunde, dass man gerade einer Film-im-Film-Szene folgt, einem Spiel im Spiel, und ist dennoch hemmungslos verzweifelt, wenn einer der Figuren, in die man eine Menge Sympathie investiert hat, plötzlich der Hals gebrochen wird.

Ein dämonisches Vielleicht herrscht über dem Geschehen - einmal wird demonstrativ und lasziv das Lied "Quizás, Quizás, Quizás" zelebriert. Ein kunstvolles Verwirrspiel, mein film noir, sagt Pedro Almodóvar süffisant, und damit spielt er nicht nur auf die schwarzen Röcke der Priester an, die eine wichtige Rolle spielen, sondern aufs klassische Hollywoodgenre. Filme wie "Laura" oder "Out of the Past" sind, was den Grad der Verrätselung angeht, durchaus Vorbilder gewesen, erklärt der Filmemacher, und der junge Gael García Bernal sei seine Stanwyck gewesen oder seine Veronica Lake.

Bewegung, die am Ende gar kein Ziel mehr braucht

Die Geschichte beginnt eigentlich ganz einfach, im Büro des jungen erfolgreichen Filmemachers Enrique Goded (Fele Martínez), der an seinem Schreibtisch hockt und Meldungen aus der Zeitung ausschneidet, faits divers, die er irgendwann in Filme zu verwandeln hofft. Die kleine Geschichte vom Motorradfahrer zum Beispiel, der im Sattel stirbt und dennoch weiter durch die Nacht braust, kilometerweit, zwischen zwei Polizisten. Eine gespenstische Vorstellung vom Leben klingt in diesem Schnipsel an, als einer Bewegung, die am Ende gar kein Ziel mehr braucht.

Eine andere Geschichte, ebenso unerhört, in ihrer Dynamik aber völlig konträr, berichtet von einer Frau in Taiwan, die im Zoo plötzlich ins Krokodilbecken springt, eins der Tiere in Verzückung packt und umklammert hält, während die anderen sie zerfleischen. Mit langsamen, bedächtigen Bewegungen schneidet Enrique die Meldungen aus - das Geschäft mit den Emotionen hält sich selber frei von Erregung.

Ein Engel tritt ein

Aber dann begehrt ein junger Typ Einlass, er drängt sich ins Büro und ins Leben von Enrique Goded. Ein schmuddeliger, aufgeschwemmter, bärtiger Junge, aufdringlich und fast autistisch in seiner Unfähigkeit, auf andere einzugehen. Ignacio nennt er sich, gespielt von Bernal, und er ist ein Wiedergänger - die beiden Jungs waren in der Kindheit gemeinsam im katholischen Internat der Salesianer, unter der Herrschaft des Padre Manolo. Ignacio ist inzwischen Schauspieler geworden und beharrt auf einer neuen Identität, man soll ihn Angel nennen.

Er hat eine Geschichte dabei, für einen neuen Film von Enrique, es ist seine eigene Geschichte, und er selbst will unbedingt die Hauptrolle spielen.

Es sind Momente aus Almodóvars eigener Kindheit in die Geschichte Ignacios verwickelt - was den Film allerdings noch nicht autobiografisch macht: Alles was nicht autobiografisch ist, erklärt Almodóvar, ist Plagiat. In den Siebzigern hatte, wir erinnern uns, eine neue Ästhetik sich durchgesetzt, die gemeinsame Arbeit von Psychologie und Zeichenwissenschaften hat gezeigt, dass ein reines Denken ohne einen Körper nicht denkbar war, und dass das Begehren eine unübersehbare gesellschaftliche Produktivkraft sein muss.

Almodóvar rekurriert auf diese Erkenntnisse und macht daraus einen Wirbel von falschen und fiktiven Identitäten, vom falschen Leben im richtigen und umgekehrt. Mit seinen wilden Filmen der Achtziger hat er demonstriert, wie wichtig die Rituale im Kino sind. Inzwischen ist er so cool und abgeklärt in seinem Stil, in seiner mise en scène, wie es einst Preminger war. Ein schwarzer Film, es geht um Pädophilie, das hat für Furore gesorgt schon vor dem Start.

Mechanismen der Verführung

Der Padre Manolo kann der Verführungskraft der kindlichen Unschuld nicht widerstehen - und wenn man Ignacio am Fluss "Moon River" singen hört, das Lied von Holly Golightly, spürt man warum. Aber Almodóvar will keine Abrechnung mit der Kirche und ihren Verfehlungen in Francos Spanien - sein Film handelt von den Mechanismen der Verführung an sich. Der man nur entgehen kann, wenn man den Lauf der Welt anhält, wenn man innehält im Fluss der Zeit.

Als der alte Freund sich bei Enrique einquartiert, hechtet er begeistert in den Swimmingpool - aber wenig später sieht man ihn, wie er am Rand kauert, den Kopf unter Wasser - ein Kind, das am liebsten nie wieder zurückkehren würde in die wirkliche Welt. Man kennt diese Hoffnung auf das Nichts der Katatonie aus "Sprich mit ihr", Almodóvars vorigem Film. Ein komplexer Film, aber am Ende erkennt man, dass es eine einfache Geschichte ist.

Die Geschichte eines Abschieds, der zweimal erfolgen muss. Die zwei Jungen wurden getrennt, nachdem einer das Opfer von Padre Manolo wurde. Jahre später will der eine den Kontakt wieder aufnehmen, beginnt einen Brief - es ist einer der kürzesten und schönsten der Filmgeschichte. "Ein Brief erreicht immer seinen Empfänger", lautete eine der Formeln, für die Lacan in den Siebzigern legendär wurde, die Formel der intersubjektiven Kommunikation: "Ihr zufolge, sagen wir, empfängt der Sender seine Botschaft vom Empfänger in umgekehrter Form wieder."

Almodóvar erzählt die Geschichte, wie dieser Brief zugestellt wurde, und dass sie so verwickelt und unübersichtlich wird, liegt an den Gesetzen der Liebe und ihrer Fiktionen. Das Kino ist ein Tempel in diesem Film, am Eingang finden sich zwei große Frauenköpfe, rätselhaft wie die Götterfiguren in den antiken Religionen. Zwei Plakate mit dem Star Sara Montiel in "Esa mujer", einer Sirene des spanischen Kinos.

Die Jungen folgen ihrem Ruf, zur Selbstbefriedigung. Das Kino ist schon immer der Gegenpol zur Kirche gewesen, und das schwarze Melodram, das sich der komplexen Dialektik von Schuld und Sühne widmet, ist auch eine Studie in Sachen Kommunikation. Almodóvar erzählt gern, wie die Padres seinen Gesang aufnahmen und am Kirchentor abspielten, um die Leute in die Kirche zu locken. Er liebt die Rituale der katholischen Kirche: "Ob man's glaubt oder nicht, es ist eine wunderschöne Zeremonie.

LA MALA EDUCACIÓN, Spanien 2004 - Regie, Buch: Pedro Almodóvar. Kamera: José Luis Alcaine. Schnitt: José Salcedo. Musik: Alberto Iglesias. Kostüme: Paco Delgado, Jean-Paul Gaultier. Mit: Gael García Bernal, Fele Martínez, Daniel Giménez-Cacho, Javier Cámara, Lluís Homar, Petra Martínez, Nacho Pérez, Raúl García Forneiro, Francisco Boira, Juan Fernández, Alberto Ferreiro, Roberto Hoyas, Francisco Maestre, Leonor Watling. Tobis, 106 Minuten.

© SZ vom 29.9.2004
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