Fernsehgerichte und Gerichtswirklichkeit Das Eisbergprinzip

Deutsche Gerichtsbarkeit im Fernsehen und in der Wirklichkeit - eine Spurensuche zwischen Hühnerstall und Dekolleté.

Von Von Roman Pletter

(SZ vom 19.08.2003) — Der arme Tropf will nicht erkannt werden. Er hat sich eine Perücke aufgesetzt, die aussieht wie die Haarpracht von Heino, und auf seiner Nase sitzt eine sehr große Sonnenbrille. Nur widerwillig trennt Heinz Bauer sich von der Maskerade, als der Richter ihn darum bittet. Das alles ist ihm sehr peinlich: Seit Jahren schläft er auf der Couch, weil in seiner Ehebett-Hälfte Howard Carpendale liegt - aus Plastik modelliert.

Hello again

Und jetzt soll Frau Bauer Herrn Bauer mit einem Hammer niedergestreckt haben, weil der ihr angeblich alle Howi-Fan-Artikel samt Puppe kaputt gemacht habe aus Eifersucht. Frau Bauer streitet das Niederstrecken ab, Herr Bauer das Kaputtmachen. Frau Bauer spricht wie Carpendale und begrüßt jeden mit Hello again. Ihr Mann spricht von Scheidung. Da hakt sich Frau Bauer bei ihrem Anwalt unter, fängt an zu schunkeln und singt "Was ist geblieben von deinem Mich-Lieben?"

Im Regieraum in Köln-Ossendorf müssen die Techniker aufpassen, dass sie vor Lachen nicht an den falschen Knöpfen drehen. In ein paar Wochen werden Millionen Fernsehzuschauer sich auf die Schenkel hauen, wenn sie bei RTL Das Strafgericht mit Ulrich Wetzel sehen.

Ein paar Kilometer weiter in der Luxemburger Straße sitzen in einem Saal des Kölner Landgerichtes drei Richter, zwei Schöffen, ein Anwalt und sein Mandant mit zwei Zuschauern. Es geht um Drogen und um Menschenhandel. Es ist still im Saal, und es gibt keine Kameras. Hinter den Richtern steht ein Aktenwagen, aus denen der Vorsitzende ab und zu Fotos fischt. Die Sitzung dauert schon drei Stunden. Das ist Gericht im Namen des Volkes. Das ist die Wirklichkeit.

Nachmittags im Fernsehen urteilen die Richter im Namen der Quote: Es geht um "Teure Liebe", "Afrikanischen Liebestrank" oder "Der verrückte Fan". Alexander Hold, Barbara Salesch, Ulrich Wetzel, Ruth Herz - sie alle sind echte Richter von echten Gerichten. Ihre Shows bei Sat 1 und RTL prägen das Bild, das viele Menschen von der Justiz in Deutschland haben.

Aber an welcher Stelle stimmen diese Shows mit dem Alltag an deutschen Gerichten überein, wo Richter im Zehnminutentakt über Ordnungswidrigkeiten zu urteilen haben oder in monatelangen Verfahren über Menschenhandel?

Spurensuche. Köln-Ossendorf. Im Coloneum, einem mehrstöckigen Gebäude voller Fernseh-Studios, entsteht Unter Uns für RTL und Die Jugendberaterin für Pro Sieben, und manchmal sucht RTL hier mit Deutschland den Superstar. Im Coloneum hat auch der Jurist Christoph Knechtel sein Büro.

Knechtel hat Alexander Hold entdeckt, den erfolgreichsten aller Fernsehrichter, und nun produziert er mit Kirch Media Entertainment (KME) für RTL Das Strafgericht. KME ist außerdem mit Lenßen & Partner (Sat 1) am Start. Die Kölner Produktionsfirma Filmpool schickt in Jugendgericht, Familiengericht (beide RTL) und Richterin Barabara Salesch (Sat 1) drei weitere Sendungen in den Wettbewerb um Marktanteile, den die Gerichtsshows nachmittags mittlerweile unter sich ausfechten.

KME-Scout Knechtel war schon am Telefon von "diesen Formaten" völlig begeistert. Nicht die Tat sei wichtig, sondern das, was zwischen den Leuten passiere. Und deshalb schauten auch täglich Millionen Mütter zu, wenn es um den Diebstahl gehe, den ein Jugendlicher begangen habe. Nicht der Diebstahl sei das Thema, sondern der Junge, der mit der Pubertät nicht fertig werde. "Das Eisbergprinzip" nennt Knechtel das.

Die Eisberge entstehen in den Büros nebenan. Auch der Howard-Carpendale-Fall wurde dort ersonnen. Andere Fälle werden in Zeitungsmeldungen entdeckt. Dann machen sich Drehbuchautoren darüber her und Juristen. Später sind die Casting-Agenturen an der Reihe. Die TV-Juristen verziehen keine Miene.

Sie sind Profis: Neben dem Richter haben auch die Anwälte und Staatsanwälte in allen Shows von KME und Filmpool in echten Gerichten Anklageschriften verlesen und Plädoyers gehalten. Funda Bikacoglu-Heuser, Staatsanwältin beim Strafgericht, gewöhnlich Anwältin in Köln, ist ein Scharnier zur Wirklichkeit. Während sich die TV-Richter vom Gerichtsdienst beurlauben lassen, arbeitet die Anwältin weiter in einer Gemeinschaftskanzlei mit ihrem Schwager in Köln-Kalk.

Bikacoglu-Heuser bringt in ihrer Kanzlei den Kaffee selbst, kümmert sich um Gerichtstermine und tippt Briefe in ihren Computer. Es gibt keine Sekretärin. Sie sagt Wörter wie "totaler Kokolores", wenn es um schändliche Verdrehungen der Gegenseite geht, oder "total Ablachen", wenn die Rede auf lustige Drehtage kommt.

Das ist die eine Seite. In Köln-Kalk geht es um Ordnungswidrigkeiten, Führerscheinentzug, Fahrerflucht und Schießereien. Man kann sich vorstellen, wie sie da sitzt vor ihren Mandanten an dem sehr großen Schreibtisch, die Tassen zurecht schiebt mit den Äpfeln drauf und starkem Kaffee darin und sagt: "Erzählen se mal."

Neulich noch sei sie zum Nachtbriefkasten am Gericht gehetzt mit dem Fahrrad - weil "die blöde Karre" nicht mehr fuhr -, um eine Frist einzuhalten. Für die Anwältin Funda Bikacoglu-Heuser hat sich nicht viel verändert, auch wenn sie im Fernsehen die Staatsanwältin spielt.

Jürgen Mannebeck ist auch einmal gefragt worden, ob er nicht Lust habe, Fernsehrichter zu werden. Mannebeck ist seit 1977 Richter, inzwischen am Kölner Amtsgericht und dessen Sprecher. Er ging nicht: "Ich wollte dann ja irgendwann auch wieder zurück", sagt Mannebeck. Begeistert war er nicht einen Augenblick über die Offerte: "Es weiß doch kein Mensch, wenn er die Show gesehen hat, wie ein echter Strafprozess abläuft."

Vor Gericht sei Streit zwischen Verteidiger und Staatsanwalt die Ausnahme, im Fernsehen die Regel. In Wirklichkeit seien 90 Prozent der Täter geständig, im Fernsehen nie. Ein Strafrichter am Amtsgericht in Köln erledigt im Jahr im Schnitt 638 Fälle, 638 Schicksale. "Da sitzt ein Junkie und Sie versuchen, dass der doch noch eine Chance bekommt." So ein Fall interessiere das Fernsehen nicht. Das Fernsehen wolle Show.

Hauptsache, niemand brüllt

Spurensuche. Kölner Landgericht. Es geht um Menschenhandel. Ein Berufsboxer ist als Zeuge aufgerufen mit kahlem Schädel, braun gebrannt und mit Schultern wie ein Ochse, die sich, wenn er sich setzt, bis zu den Ohren hoch schieben. So könnte er auch zum Fernsehen kommen. Aber er ist ganz leise, sein Anwalt handelt einen Kompromiss aus, nichts Spektakuläres. Die Verhandlung ist bestimmt nicht fernsehtauglich.

Am Set von Richter Alexander Hold in München-Unterföhring stoppt eine Stimme aus dem Regieraum den Dreh, weil die Uhr des Angeklagten das Licht ungünstig in die Kameras lenkt. Das Studio sieht aus wie die Gerichte in amerikanischen Filmen. Für Darstellerinnen gibt es nur eine Rocklänge irgendwo zwischen Gürtel und Knie, aber eher Richtung Gürtel.

Und Riesenbrüste mit Dekolleté zum Reinfallen. Die Gerichtsschreiberin hat eine Frisur, die so gegossen aussieht wie bei einem Playmobilmännchen. Kameras gleiten geräuschlos auf drei Beinen über den Boden. Der Fall: Ein Heiratsvermittler hat einem Jungbauern für 20.000 Euro ein Mädchen angedreht, das nicht so aussieht, als habe es große Freude an der Landwirtschaft und den Feinheiten der Hühneraufzucht.

Richter Alexander Hold verurteilt den wucherischen Vermittler zu 13.000 Euro Strafe und tröstet den reingefallenen Landwirt: "Wahrscheinlich ist das für alle besser: Für Sie, für die junge Frau und für die Hühner."

Die Suche nach der Wahrheit ist oft grausam. In einem anderen Saal am Kölner Landgericht geht es um einen Jungen, der ein Mädchen liebt. Das Mädchen ist deshalb mit den Nerven am Ende. Sie sitzt im Zeugenstand vor den Richtern, schaut auf das Tischchen vor sich und hat die Schultern hoch gezogen.

Die braunen Haare zusammengebunden. Sie erzählt, wie der Junge nicht akzeptieren konnte, dass sie nichts von ihm wollte, wie er sie beleidigt und bedroht habe mit unzähligen Anrufen, bis sie nicht mehr konnte.

Der Junge schweigt. Der Gutachter diagnostiziert bei ihm die Asberger-Problematik: "Der Idiot, der nicht dumm ist. Das ist eine statische Störung. Diese ist nicht therapiefähig." Sie bedeutet auch, dass der, der sie in sich trägt, Unrecht nicht erkennt. Der Gutachter schlussfolgert: Jugendarrest als "Schuss vor den Bug".

"Millionen Menschen ziehen ihr Bild über Justiz und Rechtsstaat aus unserer Sendung", sagt Alexander Hold. Er sitzt in einem Containerbüro in München-Unterföhring und weiß, dass er für sehr viele in Deutschland "der Richter" ist.

Ihm ist wichtig, dass niemand beschimpft wird im Fernseh-Gerichtssaal und wenn, dann verhängt er Ordnungsgelder. Das ist anders als in den Talk-Shows, die von den Gerichtsshows aus dem Nachmittagsprogramm verdrängt wurden, anders als bei Arabella, die ein paar Studios weiter gerade "Brasilianische Bikiniluder" und "Wer ist klüger" aufzeichnet.

Vor Aussagen belehrt Hold seine Zeugen über Rechte und Pflichten, und in den Urteilen erklärt er, dass das Strafurteil nichts zu tun habe mit der Zivilklage und dass das Geld extra eingeklagt werden müsse.

Auch echte Gerichte sind oft Bühne

Hold bekommt Heiratsanträge und Fanpost. Und einmal hat ein Mann geschrieben, der den Fallwinkel eines Messers berechnet hatte und nachweisen wollte, dass ein Fernseh-Urteil auf falschen Annahmen basiert habe. Wenn Hold merkt, dass juristisch was faul ist, lässt er auch vor dem Gerichtsdreh die Aktenlage geprüft. Dass das Fernsehen die Wirklichkeit verdrehe, glaubt er nicht. Schließlich dürfe man eines nicht vergessen: "Das echte Gericht ist oft auch eine Bühne. Viele Leute erwarten von ihren Verteidigern eine Show."

Nach den Aufzeichnungen bei Richter Hold steht ein Mädchen hinter der Kulisse. Das Mädchen wurde eben wegen versuchten Totschlags zu dreieinhalb Jahren verurteilt. Jetzt steht sie hinter der Bühne und ist frei. Sie besucht in Wirklichkeit die 12. Klasse eines Gymnasiums, lächelt schüchtern und ein bisschen stolz, weil sie vor Gericht so überzeugend geweint hat. "Famous" steht groß auf ihrem T-Shirt.

"In einer echten Verhandlung", sagt Jürgen Mannebeck vom Kölner Amtsgericht, "stellt sich eine Tat, die nach Aktenlage von Rohheit sprach, manchmal ganz anders dar. Dann sitzt ein armer Kerl vorm Richter und erzählt seine Lebensgeschichte. Man braucht nur nur drei Dinge zu fragen: Drogen? Familienverhältnisse? Heim?" Klischees, würde mancher sagen. "Gerichte zeigen das Leben", sagt Mannebeck. "Auch den Bodensatz der Gesellschaft."

Gegen die Fernseh-Shows hat Mannebeck nichts. Er hält sie aber nicht für besonders wichtig.