Fernsehen Hühnerkämpfe

Der "Bachelor" bei RTL: Ein menschliches Vakuum.

Von Von Oliver Fuchs

Sagen wir es frei heraus: Diese Serie war die fieseste, abgründigste und verkommenste TV-Sendung seit Menschengedenken. Selten fühlte man sich so hilflos vor dem Fernseher, nie war man näher dran, den Apparat anzuschreien: Schluss jetzt, Gnade bitte, ich kann nicht mehr! Warum bloß hat RTL kein Sorgentelefon eingerichtet für all die durch seinen Bachelor traumatisierten Zuschauer? Wir waren einsam in den Stunden der Not.

Schwacher Trost: Marcel hat sich für die nette Juliane entschieden.

(Foto: Foto: dpa)

Bei schwerem psychischen Leid hilft oft nur eins: Erinnerung, Aufarbeitung - und so wollen wir dem Schrecken noch mal ins Gesicht sehen und rekapitulieren. Worum ging es? Ein Beau namens Marcel selektiert aus 25 hübschen Jung-Frauen im bewährten Container-Prinzip sukzessive seine angebliche "Traumpartnerin". Soweit alles okay. Nicht weiter schlimm, Fernsehen halt. Zu verkraften wäre auch noch gewesen, dass Marcel sich von Folge zu Folge mehr und mehr als seelenloses Psycho-Wrack erwies, dessen intellektuelle Kapazität gerade ausreicht, um Sachen zu sagen wie "Ich halte dich für eine intelligente Frau, die aber auch sehr viel im Kopf hat". Dass die ultra-devoten, großteils mäuschenhaften Kandidatinnen sich dennoch Hühnerkämpfe um seine Aufmerksamkeit lieferten - tja, so ist nun mal das Leben.

Alles, alles Lüge

Politikerinnen in Österreich störten sich an der "frauendiskriminierenden" Grundkonstellation, auch der ORF-Programmbeirat forderte - allerdings vergebens - einen Sendestopp. An einen "arabischen Kamelhandel" fühlte sich die SPD-Bundestagsabgeordnete Sabine Bätzing erinnert, und Katherina Reiche, die informelle Frauen-Beauftragte der CDU, fand die Sendung "besonders als Mutter zweier Töchter beschämend". Genau besehen war der Bachelor aber nicht nur frauen-, sondern mindestens genauso männerdiskriminierend. Das inflationär gebrauchte Wort "menschenverachtend", hier trifft es den Sachverhalt ziemlich genau.

Schwer zu sagen, was am widerwärtigsten war: Die reaktionäre Rote-Rosen-Romantik, der Villa-in-Südfrankreich-Kitsch, die schwülstigen Candlelight-Dinner, die verlogenen Kennenlernspiele im Hubschrauber, am Exklusiv-Strand oder auf dem Boot. Alles, alles, alles war Lüge. Nur einmal ist Marcel versehentlich ein wahrer Satz herausgerutscht: "Ich hoffe, dass ich heute Abend noch ein Gefühl bekomme."

Ins Dasein geworfen

In diesem Moment stand der Bachelor nackt vor uns, trotz edlem Sakko, und wirkte wie ein naher Verwandter von Michel aus Houellebecqs Roman Elementarteilchen: ein trauriger westeuropäischer Mann am Anfang des 21. Jahrhunderts, ins Dasein geworfen, emotional verarmt, sexuell verelendet, moralisch verwahrlost. Ein menschliches Vakuum.

Es ist ein schwacher Trost, dass sich Marcel am Ende wenigstens für die nette Juliane, 22, Schornsteinfegerin, 88-62-91, entschieden hat und nicht für die undurchsichtige Nicole, 28, was ihn summa summarum für Bild zum "Bettscheler" machte. Es ist ein schwacher Trost, dass angesichts der bescheidenen Quote eine Fortsetzung bei RTL doch sehr fraglich ist. Es ist ein schwacher Trost, dass die Frauen das ganze Theater - hoffentlich - nicht für Marcel, sondern nur für die Kamera veranstaltet haben.