Experiment Hackerangriff erwünscht

Neues aus Altem zu machen, ganz im Sinne eines Remixes, darum geht es beim Digitalisierungs-Experiment „Coding da Vinci“. Aus dem Porträtbestand des Archivs am Deutschen Museum stammen die historischen Fotografien der Chemiker Oscar Loew (links) und Michel Eugène Chevreul. Für das Projekt werden zahlreiche Bilder und Metadaten online verfügbar gemacht.

(Foto: Deutsches Museum (2), Alamy/Mauritius Images)

Unter dem Motto "Coding da Vinci" sollen Programmierer und andere Kreative museale Schätze in digitale Remixe überführen

Von Jürgen Moises

Entstauben, zum Leben erwecken. Das sind Wörter, Formulierungen, wie man sie recht oft gehört hat am vergangenen Wochenende im Gasteig. Dort fand in der Stadtbibliothek mit mehr als 180 angemeldeten Teilnehmern und etwa 30 Mitarbeitern der "Kick-Off", die zweitägige Auftaktveranstaltung zu "Coding da Vinci Süd" statt. Dem ersten "Kultur-Hackathon" im Süden Deutschlands. Hackathon, das ist eine Wortschöpfung aus Hack und Marathon und meint eine Veranstaltung, bei der Programmierer, Designer oder Künstler meist in spontan zusammengefundenen Gruppen Prototypen für Software-Produkte entwickeln. Das können Handy-Apps, Webseiten oder Videospiele sein, die, das gehört zum Konzept, auf offenen, also frei verfügbaren und kostenlos nutzbaren Daten beruhen.

Bei "Coding da Vinci" als Kultur-Hackathon sind das in dem Falle Daten wie Fotos oder Dokumente, die von Museen, Universitäten oder Gedenkstätten stammen. Insgesamt 30 Institutionen in Bayern und Baden-Württemberg haben sich von den Veranstaltern überreden lassen, diese zum Download auf codingdavinci.de zur Verfügung zu stellen. Darunter sind Bilder von internationalen Postbeuteln aus dem Nürnberger Museum für Kommunikation, historische Handwerksschautafeln aus dem Landesmuseum Württemberg, Jesuitentafeln aus dem Stadtmuseum Landsberg, Luftangriffspläne aus dem Stadtarchiv Stuttgart oder historische Münchner Speisekarten aus der Monacensia.

Die Ziele des Hackathons? Bei den "One Minute Madness"-Kurzvorträgen, in denen die Datengeber meist recht humorvoll ihre digitalisierten Schätze vorstellten, war, wie erwähnt, vom Entstauben oder Verlebendigen die Rede. Und der zukünftige Münchner Kulturreferent Anton Biebl sagte in der Begrüßungsrede: "Wir wollen von den kreativen Köpfen etwas lernen." Darüber hinaus gehe es, so Biebl weiter, auch um große Fragen, "die sich allgemein für die Gesellschaft im Zuge der digitalen Transformation stellen". Und die für Institutionen wie Museen, deren berufliche Aufgabe der Blick in die Vergangenheit ist, noch einmal eine besondere Herausforderung darstellen.

Diesen einen Schubs in Richtung digitale Zukunft zu geben sowie die Chance, Dinge mal auszuprobieren - auch darum geht es bei "Coding da Vinci", das als Format 2014 in Berlin entstanden ist. Beim Kick-Off, der mit teilweise mehr als 1000 Zuschauern auch im Internet übertragen wurde, waren Mitglieder des Gründungsteams anwesend, darunter Anja Müller von "digiS" in Berlin. Sie und ihre Kollegen erzählten von den Erfolgen der vergangenen Jahre, etwa dem, dass man auf der Website aktuell mehr als 200 offene Datensätze finden kann. Aber auch von Anfangsschwierigkeiten war die Rede. Davon, dass das Wort "Hacking" für Museen wie eine Bedrohung klang und sie diese erst davon überzeugen mussten, dass das Herausgeben ihrer Kulturschätze als Datensätze für sie ein Gewinn sein kann.

Inzwischen ist "Coding da Vinci" eine etablierte Marke. Es gab Veranstaltungen im Norden, im Osten und im Rhein-Main-Gebiet; im Januar wurde eine Geschäftsstelle in Frankfurt eröffnet. Außerdem hat die Kulturstiftung des Bundes für acht regionale Hackathons 1,2 Millionen Euro bereitgestellt. Was "Coding da Vinci Süd" angeht, so wird dieser von elf Veranstaltern getragen, zu denen etwa das Bayerische Filmzentrum, Games Bavaria oder das Deutsche Museum gehören. Und dann kommen noch die fast 200 Teilnehmer dazu, die neben Bayern und anderen Bundesländern dank des Goethe-Instituts vereinzelt aus Ländern wie Brasilien oder Tansania stammen.

Sich gegenseitig sowie die Datengeber kennenzulernen, Teams zu bilden und bereits an die Arbeit zu gehen, darum ging es nun beim Kick-Off. Dabei fiel auf, dass unter den Teilnehmern viele Frauen waren und neben Computer-Spezialisten auch Kunsthistoriker oder Archäologen. Was zeigt, dass die Liaison zwischen Kultur und Technik auch auf Hacker-Seite stattfindet. Entsprechend bunt gemischt waren die 18 Teams, die am Samstag erste Projektideen vorstellten. Ein paar klangen durchaus konkret, wie etwa die, anhand der internationalen Postbeutel ein Geografie-Quiz zu entwickeln. Oder ein Evakuierungs-Spiel zu machen, das auf Luftangriffsplänen basiert. Anderes klang dagegen noch recht vage. Aber bis zur Preisverleihung und Ausstellung der Projekte am 18. Mai in der Nürnberger Tafelhalle sind es noch sechs Wochen Zeit. Zu gewinnen gibt es Karten für Kulturveranstaltungen oder einen Co-Working-Platz auf Zeit. Wobei das eher symbolische Preise sind. Der eigentliche Gewinn soll darin liegen, dass sich im Idealfall langfristige Beziehungen zwischen Kulturbewahrern und Hackern bilden. Und der Hackathon tatsächlich zum gemeinsamen Langstreckenlauf wird.