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Europa und der Islam:Um Gottes Willen

Steht das Ende des europäischen Christentums bevor? Werden Christen neben einem brutalen Islam bald die verachtete Minderheit sein? Eine Prophezeiung.

"Das muss ein ziemlich kurzes Buch werden", sagen meine Kollegen immer, wenn ich ihnen davon erzähle, dass ich über Religion im Europa der Gegenwart schreibe. In Nordamerika und weiten Teilen Europas glauben viele Menschen an das baldige Ende des europäischen Christentums. In den voreiligen Nachrufen wird fast immer ein brutaler Islam erwähnt. Den halten viele Kommentatoren für die erschreckende, neue Realität. Vor allem unter konservativen Amerikanern ist die Ansicht, dass sich Europa in "Eurabien" verwandelt, weit verbreitet. Damit meinen sie einen Kontinent, in dem Christen als verachtete Minderheit neben einer muslimischen Mehrheit leben werden - so wie es in vielen Regionen des Mittleren Ostens bereits an der Tagesordnung ist.

Dabei sieht die Zukunft vermutlich ganz anders aus. In den meisten Teilen Europas sind die christlichen Traditionen überraschenderweise stärker denn je - ausgerechnet auf einem Kontinent, den man lange für einen Sumpf verschiedenster Glaubensrichtungen hielt. Doch obwohl unzählige Statistiken den Verfall von formal festgelegten religiösen Riten und den Abfall von den staatlich anerkannten Kirchen beweisen, kann man deutliche Hinweise für ein neues Wachstum der Religion entdecken. Das hat viel mit Europa selbst zu tun, liegt aber auch an seinen neu eingewanderten Bevölkerungsgruppen. Europa hat in der Vergangenheit deutlich gezeigt, dass der Kontinent ein Entwicklungslabor für neue Glaubensrichtungen, neue religiöse Strukturen und Interaktionsprozessen sein kann.

Zwischen den Trümmerhaufen

Diese Dynamik sorgt dafür, dass sich Religionen an ein säkular dominiertes Umfeld anpassen können. Das ist wichtig, denn sowohl das Christentum als auch der Islam werden - wenn sie in ihrer bekannten, historischen Ausrichtung verharren - große Schwierigkeiten haben, in Europas säkularem Milieu zu überleben. Aber anstatt still und leise zu verschwinden, haben sich beide Religionen auf eine Art "Eurosäkularität" (Peter Berger) eingelassen. Dieser Anpassungsprozess läuft noch immer.

Egal ob Protestanten, Katholiken oder Orthodoxe - die Menschen in Europa haben sich in den letzten 40 Jahren weit von den traditionellen Mustern und Regeln des religiösen Lebens entfernt. Im Westen Europas ist die Anzahl der Kirchgänger stark zurückgegangen, außerdem sind die Anzahl der Ordinationen und die Zahl der Priesterseminare stark geschrumpft. Im Gegensatz dazu bewahrten osteuropäische Länder, zum Beispiel Polen und die Slowakei, ihre alte Leidenschaft für die Religion. Aber zwischen den Trümmerhaufen der Religion kann man Zeichen von Glauben finden wie etwa die gigantische Bereitschaft von Europäern aller Altersklassen, christliche Massenveranstaltungen zu besuchen. Man denke nur an den Weltjugendtag, der von der katholischen Kirche organisiert wird.

Ein weiteres markantes Merkmal des heutigen Glaubens ist eine leidenschaftliche, fast mittelalterlich zu nennende Hingabe, der viele Europäer verfallen sind: Man pilgert wieder. Die religiösen Wanderungen erfreuen sich ähnlich großer Beliebtheit wie im 14. Jahrhundert. Alte Schreine wurden wiederbelebt, viele neue sind zusätzlich ausgestellt worden. Natürlich stellt sich die Frage, ob diese Millionen von Besuchern wirklich spirituell motivierte Pilger sind oder eher normale Touristen. Aber genau die gleichen Zweifel kann man auch bei den Pilgern des Mittelalters formulieren. Außerdem behaupten viele Teilnehmer von sich selbst, die Wanderungen würden ihren Glauben kräftigen.

In Eurabien

Den Kirchgang selbst erachten viele Europäer nicht mehr als notwendig. Aber das heißt noch lange nicht, dass sie ihre christlichen Wurzeln verleugnen würden. Trotz der offensichtlichen Säkularisierung ihrer Gesellschaft sagen sechzig bis siebzig Millionen westeuropäischer Christen, dass Religion in ihrem Leben eine große Rolle spiele. Deshalb ist es eigenartig, dass Kommentatoren wegen der Präsenz von rund 15 Millionen Moslems die Drohkulisse "Eurabien" beschwören, anstatt ihre Aufmerksamkeit einer christlichen Phalanx zu schenken, die um ein Mehrfaches größer ist.

Neben dem harten Kern der bekannten Gläubigen bezeichnen sich außerdem Millionen von Europäern als Christen, obwohl sie selten eine Kirche betreten. Selbst im säkularen England bezeichnen sich 72 Prozent bei ihrer Steuererklärung als Christen, das sind immerhin 35 Millionen offiziell registrierte Gläubige. Während der Religions-Debatten der letzten Jahre - besonders während der Mohammed-Karikaturen-Affäre - hat die Aussicht auf einen größer werdenden Islam viele "lauwarme" Christen dazu gebracht, sich über das, was im klassischen Europa vielleicht verschwinden könnte, Gedanken zu machen.

Für manche von ihnen führte dieser Denkprozess zu einer Wiederentdeckung ihrer europäisch-christlichen Wurzeln. Dabei haben manche von ihnen vor noch nicht allzu langer Zeit sämtliche religiösen Einflüsse auf die Gesellschaft rundum abgelehnt.