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Essays:Nicht suchen, aber finden

"Eine Experten-Revue in 89 Nummern" heißt das neueste Produkt aus Hans Magnus Enzensbergers Werkstatt. Und wieder einmal schwelgt er da in Serendipität.

Was haben die verschiedenen Anwendungsgebiete der Eulerschen Zahl, Bierdeckel, das Flaggenalphabet, Vakuumpumpen, Wörterbücher für Rotwelsch und verzierte Kanaldeckel gemeinsam? Es sind Dinge, über die man sich wundern kann, wenn man Hans Magnus Enzensberger folgt. In seiner "Experten-Revue in 89 Nummern" bedient der Lyriker und Essayist das zuverlässig unterhaltsame Prinzip der Wunderkammer: Er sammelt Seltenes und Kurioses, aus der Zeit Gefallenes und Nebensächliches, das seinen Unterhaltungswert aus der großen Ernsthaftigkeit bezieht, mit dem es von denjenigen untersucht wird, die dieser Auseinandersetzung ihr Leben gewidmet haben. Denn Ordnungsprinzip der Enzensbergerschen Wunderkammer ist, wie der Titel bereits verrät, das Expertentum.

Zu den versammelten Experten gehören historische Persönlichkeiten und Menschen, die sich einem abwegigen Hobby oder aus der Zeit gefallenen Handwerk widmen. Enzensberger würdigt einen Fachmann für Astrologie (Girolamo Cardano, der Horoskope für Petrarca und Dürer erstellt und nebenbei die mathematische Wahrscheinlichkeitstheorie begründet hat) ebenso wie einen für Schrauben (Herr P., der den Autor in einer Baumarktfiliale mit dem 592 Seiten starken "Profibuch" in die Welt der Senkköpfe und Innensechskantschlitze einführt); er widmet sich der Pomologie, also der wissenschaftlichen Untersuchung von Äpfeln und ihrem Erfinder Johann Hermann Knoop und Herbert Gericke, den langjährigen und zumeist übellaunigen Direktor der Villa Massimo in Rom, und dessen Leidenschaft, der Beizjagd.

Das Sammeln denkwürdiger Realien ist natürlich alles andere als neu. Man findet es in historischen Kuriositätenkabinetten und seit vielen Jahren auch in Zeitschriften wie der jüngst eingestellten Neon, die ihrem studentischen Publikum mit jeder Ausgabe eine Zusammenstellung von "Unnützem Wissen" präsentierte. Es macht auch den Witz jedes sogenannten Wiki Walks aus, bei dem man eigentlich nur schnell etwas in der Wikipedia nachschlagen wollte und sich dann den ganzen Abend lang von einem weiterführenden Link zum nächsten klickt. In der Fachsprache der Informationswissenschaft heißt dieses Prinzip Serendipität: Es bezeichnet jenes schöne Moment, in dem man etwas findet, das man gar nicht gesucht hat, das sich aber sofort als nützlich, interessant oder unterhaltsam entpuppt.

Hans Magnus Enzensberger, 2002

Der Dichter, Essayist und Herausgeber Hans Magnus Enzensberger, geboren 1929 in Kaufbeuren.

(Foto: Regina Schmeken)

Dieses Gefühl erlebt man beim Lesen von Enzensbergers Expertenrevue leider eher unregelmäßig. Manche seiner Entdeckungen sind so bekannt, dass sie banal wirken. Häufiger aber krankt seine Zusammenstellung daran, dass die literarische Wunderkammer aktuell so populär ist: Es sind in den letzten Jahren sehr viele Essaybände erschienen, die sich der Sammlung von exzessiv dokumentierten Wunderlichkeiten widmen. Vorreiter sind dabei Independent-Verlage wie etwa "Das Kulturelle Gedächtnis", wo unlängst etwa unter dem Titel "Wohl bekam's!" eine kommentierte Sammlung historischer Menükarten erschien. Am bekanntesten ist vielleicht die Reihe "Naturkunden" bei Matthes & Seitz, aus deren Bänden Enzensberger auch ausführlich zitiert.

Man kann kaum anders, als sich über Berufe wie Wobbler und Köderin zu freuen

Man hat hin und wieder den Eindruck, dass er für die "Experten-Revue" im Wesentlichen aus den Neuerscheinungen der letzten Jahre die für ihn interessantesten Rosinen herausgepickt und mit dem ein oder anderen Wikipedia-Fund zu einer Art Meta-Essay kombiniert hat, der mehr wie ein Katalog mit Empfehlungen zur weiteren Lektüre wirkt. Wer die deutsche Literaturlandschaft in den vergangenen Jahren halbwegs aufmerksam beobachtet hat, für den sind viele von Enzensbergers Novitäten eher zweiter Hand.

Viel stärker wirken hingegen die Kurzessays, in denen er sich Expertisen widmet, für die er erkennbar selbst in weniger bekannten oder schwerer zugänglichen Archiven recherchiert hat: Die Auseinandersetzung mit dem 1990 von der Bundesagentur für Arbeit publizierten "Schlüsselverzeichnis für die Angaben zur Tätigkeit" und den in ihm aufgeführten Berufen ist zum Beispiel so ein Fall, in dem man kaum anders kann, als sich mit Enzensberger über die systematische Erfassung von Berufen wie Mulzer, Wobbler, Köderin, Stegreifdichter, Buggler, Zäckler oder Biermädchen zu freuen.

Überhaupt ist es die Freude an Fachbegriffen und beinahe vergessenen Handwerkskünsten, die sich als roter Faden durch dieses Buch zieht, egal, ob es um die Entwicklung des Internationalen Phonetischen Alphabets, den Fachhandel mit Terrariumfutter oder die Kragenformen eines Herrenhemds geht.

"Je weniger man schreibt, desto mehr Bücher erscheinen von einem."

In ihrer Aufmachung wirkt die "Experten-Revue" mit ihren eingestreuten schwarz-weißen Illustrationen wiederum eher wie eine mutlose Kopie der aufwendig illustrierten, farbig gedruckten, und mit bibliophilen Extras wie Lesebändchen, Prägung und Farbschnitt ausgestatteten Bücher, die in den letzten Jahren in kleineren Verlagen erschienen sind. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn man berücksichtigt, wie sehr diese Verlage sich offensichtlich die Bücher der "Anderen Bibliothek" zum Vorbild genommen haben, die Enzensberger von 1985 bis 2004 herausgegeben hat.

Hans Magnus Enzensberger: Eine Expertenrevue in 89 Nummern. Suhrkamp, Berlin 2019. 335 Seiten, 24 Euro.

Hans Magnus Enzensberger feiert in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag. Es sei verrückt, hat er dem Bayerischen Rundfunk zu diesem Anlass in einem Interview gesagt: "Je weniger man schreibt, desto mehr Bücher erscheinen von einem." Das impliziert ja im Umkehrschluss: (Fast) alles, was Enzensberger schreibt, wird auch publiziert. In der Tat wird man das Gefühl nicht ganz los, dass der Suhrkamp-Verlag dieses Buch in erster Linie nicht des Inhalts wegen, sondern aufgrund des Autorennamens auf dem Cover aufgelegt hat. Man kann das als Respekt vor einem großen Intellektuellen verstehen, der die deutsche Literatur der letzten Jahrzehnte wie nur wenige andere geprägt und sich im Alter von 90 Jahren eine weitgehende Narrenfreiheit wohlverdient hat.

Man kann darin aber auch eine Ideenlosigkeit wittern, wie man sie aktuell häufig im Kino antrifft, wenn Filmstudios die x-te Fortsetzung einer etablierten Erzählung bringen, anstatt etwas Neues zu entwickeln. Enzensbergers literarisches und intellektuelles Werk ist, spätestens seit seinem "Baukasten zu einer Theorie der Medien" von 1970, in vielerlei Hinsicht ein Gegenentwurf zu Hollywood und Unterhaltungsindustrie; umso auffälliger wirkt da die strukturelle Ähnlichkeit von "Experten-Revue" und Filmen wie "Spider Man 3".