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Eine kleine Nachtkritik: Kerner:Der Ritt auf der Nazi-Welle

Könnte der Faschismus in Deutschland wieder auferstehen? Bei Kerner wurde über den neuen Film "Die Welle" diskutiert - erschreckend war vor allem die Banalität der Argumente.

Tomasz Kurianowicz

Die deutsche Geschichte scheint zu komplex, als dass sie einfache Antworten bereithielte. Wie konnte eine faschistische Partei in Deutschland die Macht ergreifen? Warum hat es Konzentrationslager gegeben? Und wieso gab es nur geringen Protest? Man kann darüber schreiben, man kann darüber diskutieren oder auch versuchen, rationale Muster für das eigene Verständnis zu finden: Am Ende siegt die Ratlosigkeit. Ist ausgerechnet eine Johannes-B.-Kerner-Sendung der entsprechende Rahmen, sich dem heiklen Thema zu nähern?

Hintergrundfiguren bei "Kerner": "Welle"-Hauptdarsteller Jürgen Vogel und Regisseur Dennis Gansel.

(Foto: Foto: dpa)

Dennis Gansel stellte bei Kerner seinen neuen Kinofilm "Die Welle" vor, der ein Versuch ist, Antworten auf eben jene komplexen Fragen zu finden.

Die Sendung nahm den Film zum Anlass, um über ein Experiment zu sprechen, das zuerst zur Grundlage für das millionenfach verkaufte Jugendbuch von Morton Rhue wurde: Der Amerikaner Ron Jones kam ins Studio, um von seinem 1967 durchgeführten Versuch zu berichten.

Jones wollte in der Highschool, an der er unterrichtete, herausfinden, ob das gesellschaftliche Bedürfnis nach einer Diktatur auch in der Gegenwart existiert: Er gründete eine Art geheime Gruppierung, die sich durch kollektive Symbole, ein intensives Gemeinschaftsgefühl, strikte Disziplin und eine charismatische Führerpersönlichkeit definierte. Wer nicht mitmachte, wurde von den Mitgliedern unter Druck gesetzt. Das Experiment drohte schließlich zu eskalieren: Sowohl Jones als auch seine Schüler verloren die Kontrolle über ihr Handeln.

Ein Gaukler beim Taschenspielertrick

Bei Kerner konnte Ron Jones nur wenige erkenntnisreiche Einsichten liefern, die über die gängigen Gemeinplätze hinausreichten. Er wies auf das Gruppengefühl hin, das er bei den Schülern auslösen wollte, oder auf die positiven Veränderungen, die ihm anfangs noch auffielen. Seine Taktik schien tatsächlich zu wirken. Selbst Außenseiter fühlten sich plötzlich als wertvoller Teil einer Gemeinschaft.

Die Gäste in Kerners Studio waren als sinnvolle Ergänzung zu Jones' Erfahrungsbericht gedacht: Unter ihnen waren Personen, die an dem Experiment teilgenommen hatten und von ihrer persönlichen Wandlung berichteten. Die Ergebnisse und Interpretationen waren jedoch allzu banal, um damit die Logik der NS-Genese zu erhellen.

Symptomatisch war das von Ron Jones ad hoc nachgespielte Experiment in Kerners Studio, bei dem der ehemalige Lehrer drei junge Schüler der Hamburger Albert-Schweitzer-Schule in einer Reihe positionierte. Er ließ sie einige Schritte vorwärts laufen, reichte ihnen ein Stück Papier und forderte das Publikum auf, nach jedem Manöver zu klatschen.

Wen wunderte es, dass die Schüler seine Befehle bedingungslos befolgten? Niemanden. So glaubte man einem Gaukler bei Taschenspielertricks zuzuschauen, dessen Hypothesen den einzig möglichen Schluss zuließen: Jeder Mensch könne von einem starken Befehlshaber instrumentalisiert werden. Da bedarf es schon mehr Feingefühl, um tiefere Einsicht zu entlocken.

Politische Zwänge

Überraschenderweise hielten sich die Protagonisten des Films "Die Welle" mit überschwänglichen Monologen zurück: Sowohl Hauptdarsteller Jürgen Vogel, als auch Regisseur Dennis Gansel waren bloß Hintergrundfiguren. Viel Sendezeit bekam dafür Uschi Glas, die zwar nichts mit der "Welle" zu tun hatte, dafür aber einen Film vorstellte, der bald im öffentlich-rechtlichen Fernsehen läuft und dementsprechend beworben werden muss. Die PR-Welle rollt.

Wie skurril solche Konstellationen auch sind: Uschi Glas sprach sachkundig und vor allem nicht am Thema vorbei. Sie erzählte über ihre Erfahrungen mit der Elterngeneration und warum gesellschaftliche Zwänge Diktaturen ermöglichen. Diskussionswürdig war ihre Anmerkung, dass sie die Zeit um das Jahr 1968, in der sie ihre Karriere begann, als beklemmend empfand: Der politische Druck der Schauspieler-Kollegen und der Zwang, sich zu einem linken Milieu zu bekennen, seien enorm gewesen. Man fühlte sich an das hitzig debattierte Buch des Historikers Götz Aly "Unser Kampf" erinnert, in dem er eine Parallele zwischen der 68er- und der Nazi-Bewegung zieht.

Zum Schluss war die Bilanz enttäuschend, aber nicht aussichtslos: Mit welchen gesellschaftlichen und historischen Problemen man auch konfrontiert wird: Die Antworten stehen auf keinem Rezept. Fragen lohnt sich trotzdem. Aber nicht unbedingt bei Kerner.

© sueddeutsche.de/mako/grc
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