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Ein TV-Werkstattbericht:Erotik, aber bitte mit Moral

Ehefrau freundet sich mit der Geliebten an - der Plot zum heute in der ARD gezeigten Film "Die Freundin der Tochter" aus der Feder von Doris J. Heinze kommt unserem Autor bekannt vor.

Joseph von Westphalen

Mitte der 90er hatte mich der mir bis dahin unbekannte Matthias Esche, heute Bavaria, damals Neue Deutsche Filmgesellschaft (ndf), gebeten, ein Drehbuch für ihn zu schreiben. Stichwort: "intelligente Komödie". Aber bitte wirklich intelligent! Alberne Komödien gebe es zuhauf.

doris j. heinze dpa

Wenn jemand Sinn für das Buch habe, hieß es, dann die ehemalige Fernsehspielchefin Doris J. Heinze.

(Foto: Foto: dpa)

Ich hatte (und habe) kaum aktive Erfahrungen mit der Filmwelt und dem Drehbuchschreiben. Das war der ndf egal. Sie fanden die (gar nicht so häufigen) Dialogpassagen in meinen Romanen so witzig und natürlich, dass sie mir ein Drehbuch zutrauten. Ich brauchte nicht mal ein Treatment oder Exposé zu liefern, meine Romane wiesen mich offenbar hinreichend aus. Ob ich eine Idee hätte? Na, Liebe natürlich, sagte ich, ohne Liebe geht nichts. Und Liebe ist ohne Untreue kaum zu haben, also übt die Ehefrau Rache.

Liebe sei schon mal gut, und Rache sei sogar sehr, sehr gut, hieß es zu meiner Überraschung. Ich hatte das eigentlich nicht so ernst gemeint. Und wie ich mir die Rache vorstelle? Die übliche alberne und unintelligente Rache kennen wir alle, sagte ich, von der Antike bis Hollywood immer die gleichen Tobsuchtsanfälle: Untreue Männer werden von ihren betrogenen Frauen vergiftet oder erstochen oder erschossen oder wenigstens durch teure Scheidungen ruiniert. Eifersüchtig rasende Menschen, egal ob Männer oder Frauen, sind von mir nicht zu bekommen, das ist mir zu gewöhnlich.

Deswegen sollen Sie ja ran, sagten die ndf-Leute. Wie denn meine intelligente Rache aussehen könnte? Ich sagte: Meine betrogene Ehefrau befreundet sich mit der Geliebten ihres Mannes. Das irritiert diesen maßlos. Vor allem entschärft das die Geliebte und die Liebschaft. Das ist die raffinierteste und klügste Art, sich an einem untreuen Mann zu rächen - und außerdem mal was Neues. Schreiben Sie los, hieß es, wir warten.

Bei einer Tasse Kaffee war mir die Grundidee zu einem Film eingefallen. 20 oder 25 Tausend (Mark) würde ich für das Drehbuch bekommen. Hochstimmung. Die ndf hatte dann Schwierigkeiten, Produzenten oder Abnehmer für das fertige und korrekt bezahlte Drehbuch zu finden. Immer wieder sprangen Geldgeber ab. Im Zuge dieser Bemühungen ging die Reise auch einmal nach Hamburg zur NDR-Fernsehfilm-Chefin Doris Heinze. Die, hieß es, sei Klasse. Wenn jemand Sinn für mein Buch habe, dann sie.

Die nette Frau Heinze

Frau Heinze war sehr nett. Sie kommentierte das Drehbuch amüsiert, wir unterhielten uns bestens und rissen Witze über meine Figuren. Sie machte ein paar Verbesserungsvorschläge, die mir einleuchteten. Die ndf hatte einen Regisseur gewonnen, wir gingen in Bars, erwachsene Männer, und schwärmten wie Halbwüchsige von den Schauspielerinnen, mit denen wir meine Rollen besetzen würden. Hauptdarsteller sollte Edgar Selge sein. Der freute sich schon auf seine Rolle als Erotomane zwischen lauter begehrenswerten Frauen.

Denn da war nicht nur eine Affäre: Ist die Geliebte von der intelligent Rache übenden Ehefrau erst zur Freundin gemacht und damit für den treulosen Gatten enterotisiert, muss der sich, da er nun mal nicht treu sein kann, eine neue suchen. Die wird dann mit dem gleichen Enterotisierungsprogramm von der Gattin entschärft. Und so weiter. Weil es ein erotisches Durcheinander gibt, sollte der Film "Der Liebessalat" heißen. Auch eine Anspielung an Truffaut.

Es gab aber keinen Film, es gab nur Absagen. Der Held ist unbelehrbar. Das ist der Witz. Deswegen aber, erklärte mir die ndf, hatte letztlich niemand den Film produzieren wollen. Denn auch in der ersehnten intelligenten Fernsehkomödie muss Einsicht einkehren und eine Mindestmoral herrschen.

Derart subtile Rache und im herkömmlichen Sinn völlig unbestrafte Seitensprünge - das geht nicht. Nicht im deutschen Fernsehen um 20.15 Uhr. Nicht mal bei den Privaten. Ein Co-Produzent knüpfte seinen Einstieg mit zwei Millionen (Mark) an eine Bedingung: Am Schluss des Films müsse der Ehemann geläutert zu seiner Frau zurückkehren und Treue schwören. Das aber wäre keine intelligente Komödie mehr, sondern Dutzendware. Ich wollte nicht. Selge sagte: Ich könnte das so verlogen spielen, dass kein Zuschauer dem Schwur glaubt.

Da kein Film aus dem Drehbuch wurde, machte ich einen Roman daraus. "Der Liebessalat" (2002). Von seiner Frau klammheimlich um jede neue Liebschaft gebracht, beschließt der Held, wenigstens ein Drehbuch über sein Missgeschick zu schreiben. Das war meine unauffällige aber authentische Rache an den spießigen Sendern. (Die Presse, die den Roman dann bekam, zeigte mir allerdings, dass auch die Literaturkritik mit unbestrafter Frivolität ihre Schwierigkeiten hat.)

Am Ende wieder säuerlich

Der Fall Heinze geht mich nichts an. Was da recht und unrecht war, interessiert mich nur beiläufig. Was mich tatsächlich interessiert und betrübt, ist die Tatsache, dass auch die bis vor kurzem als geschmackssicher gepriesene NDR-Fernsehfilm-Chefin ohnmächtig war. Dass selbst mit ihren Einflüssen die pfiffige und unverbrauchte Grundidee eines Plots (egal, von wem sie ist), so lange mit saurer, herkömmlicher Moral verrührt wird, dass eben statt einer aufgeklärten Komödie nur ein weiterer von Hunderten säuerlichen Filmen über männliche Verirrungen herauskommt.

In Doris Heinzes Film "Die Freundin der Tochter" spielt auch Edgar Selge die männliche Hauptrolle. Ich weiß nicht, ob ihm die Läuterung viel Spaß gemacht hat. Der streckenweise bitterernste Film hat mit dem heiteren alten Drehbuch so gut wie nichts mehr zu tun. Nur die Grundidee ist die gleiche: die betrogene Ehefrau, die mal nicht tobt, sondern die Geliebte des Mannes zur Freundin macht.

Ob sich Doris Heinze beim Schreiben ihres Drehbuchs an meines erinnert hat? Eher nicht. Warum sollte sie nicht von selbst auf diese doch eigentlich naheliegende weibliche List gekommen sein?

© SZ vom 23.9.2009/rus
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