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Diskussion:Wenig kontrovers

Eine Islam-Debatte zum Dok-Fest-Abschluss

Von Cindy Riechau

Eigentlich sollte es eine Debatte über die mediale Berichterstattung über den Islam sein. Wird voreingenommen berichtet? Führen Negativschlagzeilen zu einer schwindenden Akzeptanz muslimischer Mitbürger? Die Diskussion zum Thema "Burkas, Bomben, Bauverbot - der Islam braucht eine neue Mediendebatte" sollte den Dok-Fest-Film "Mosche DE" abrunden. Diskutiert wurde von den Podiumsteilnehmern und Zuschauern in den Kammerspielen aber am Thema vorbei.

Offensichtlich gibt es für viele drängendere Fragen. "Werden nicht alle Gruppen in Deutschland ausgegrenzt? Die Katholiken, die Evangelen? Warum kommt den Muslimen eine Sonderrolle zu?", will ein Mann aus dem Publikum wissen. Als die Moderatorin und Mitorganisatorin des Dok-Festivals, Julia Teichmann, direkt zur nächsten Frage übergeht, verlässt der Zuschauer den Saal. Mina Salehpour, die Regisseurin des Films "Mosche DE", der die Positionen im Streit um das Bauvorhaben eines muslimischen Gotteshaus in Berlin vor zehn Jahren nachzeichnet, zeigt sich enttäuscht. "Ich wäre gerne auf seine Frage eingegangen", sagt sie.

Salehpour ist mit ihrer Familie als Kind aus dem Iran geflohen. Obwohl sie nicht religiös ist, sieht sie sich seit einigen Jahren ständig in der Rolle, Muslime verteidigen zu wollen - "einer Gruppe, der ich mich überhaupt nicht zugehörig fühle", wie sie sagt. Die 31-jährige Theater- und Filmregisseurin transportiert in der Diskussion als einzige wirkliche Emotionen. Schnell avanciert sie deshalb für das Publikum zur Figur der Identifikation. Für ihr stoisches Engagement, im Zug jedes Mal Diskussionen zu beginnen, weil ihr dort immer ein heterogenes Klientel begegne, erhält sie in der Kammer 3 großen Applaus.

Das Publikum dort ist weniger heterogen. Alle Anwesenden sind sich im Grunde einig: Niemand sollte ausgegrenzt, die Dinge stets differenziert betrachtet werden. So bemängelt der Imam Benjamin Idris auch, dass Diskussionen über Muslime zu oft in deren Abwesenheit geführt werden. Er bringt das Dilemma gut auf den Punkt: "Heute sind kaum Muslime hier und wenn wir in der Moschee diskutieren, sind eben leider keine Nicht-Muslime anwesend."

Ein Zuschauer würde indes gerne wissen, was in diesen Moscheen tatsächlich gepredigt werde. Journalist Sammy Khamis, der an diesem Abend als einziger wirklich über die Rolle der Medien spricht, rät zu einem Besuch. Die Frage, worüber der Imam einer bosnischen Gemeinde denn in seiner jüngsten Freitagspredigt gesprochen habe, beantwortet er brav und ob des harmlosen Themas zur vollen Zufriedenheit der Runde. Eine kontroverse Debatte sieht anders aus.

© SZ vom 15.05.2017
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