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Die Vorgeschichte der Bücherverbrennung:Ketzer, Feuer und Schrift

Der Tag der Bücherverbrennung war 1933 als rituelle Wiederholung des Jahres 1520 angelegt. Die abendländische Vorgeschichte der Bücherverbrennung.

Kaspar Renner

Die wohl ketzerischste These zum Verhältnis von Schrift und Feuer geht auf den französischen Philosophen Jacques Derrida zurück. In seinem kurzen Aufsatz "Feuer und Asche" aus dem Jahr 1982 behauptet er, dass jedes Verstehen auch ein Verbrennen, also gewissermaßen ein pyrotechnischer Effekt sei. Der Sinn eines Satzes könne immer nur einen Augenblick aufflackern; übrig bleibe dann nichts als Asche, die zu dem Feuer, das sie erzeugt hat, keine Ähnlichkeit aufweist.

So strittig dieser Vortrag auch sein mag, so deutlich zeichnet sich darin eine Differenz ab, welche die Geschichte des abendländischen Denkens geprägt hat. Es geht dabei um die Frage, ob ein materielles Zeichen einen ideellen Sinn freisetzen kann, ohne dabei zu verlöschen.

Aufgerufen ist damit zugleich der elementare Gegensatz von Schrift und Sprache, der im Judentum wie auch im Christentum aufscheint. Dieser Widerspruch zeigt sich bereits in der doppelten Selbstoffenbarung Gottes im Alten Testament: Am Berg Horeb verkündet er seinen Namen in Gestalt eines feurigen Engels, auf dem Sinai übergibt er sein mit flammenden Blitzen geschriebenes Gesetz.

Das Feuer erscheint in dieser Tradition als göttliches Medium, in dem sich die Wahrheit manifestiert; im Neuen Testament ist dann erstmals die Rede davon, dass dieses Feuer auch den Irrtum auslöschen soll. So schildert die Apostelgeschichte, wie die teils jüdischen, teils griechischen Einwohner der Stadt Ephesos ihre (Zauber-)Bücher verbrennen, nachdem Paulus sie zum Christentum bekehrt hat.

Die Nationalsozialisten haben alles daran gesetzt, sich in diese Geschichte einzuschreiben. Besonders offenkundig war dabei ihre Bezugnahme auf die Reformationsbewegung: Die "Zwölf Thesen wider den undeutschen Geist" sollten an die 95 Wittenberger Thesen erinnern.

Der Tag der Bücherverbrennung war dann als rituelle Wiederholung des Jahres 1520 angelegt. Damals hatte Martin Luther auf die päpstliche Bannandrohungsbulle reagiert, die ihn aufforderte, seine Irrtümer innerhalb von 60 Tagen zu widerrufen und seine eigenen Bücher zu verbrennen, um nicht zum Häretiker erklärt zu werden. Stattdessen ließ Luther einige Exemplare des Kanonischen Rechts abfackeln und entzog dem Urteil, bevor es vollstreckt werden konnte, somit symbolisch seine Rechtsgrundlage.

Die nationalsozialistische "Bewegung" nun trat selbst in der Rolle des Großinquisitors auf - und weit hinter die Praktiken der Heiligen Inquisition zurückfiel, wie sie die katholische Kirche entwickelt hatte. Bereits in frühmittelalterlichen Ketzerverfolgungen war das Feuer Teil einer feinen Differenzierungstechnik. So stellte sich etwa die Frage, ob häretische Texte, die viele Irrtümer, aber auch einige Wahrheiten enthielten, in Gänze verbrannt oder nur partiell "expurgiert" werden sollten (da nach der biblischen Gleichnislogik mit dem Unkraut nicht auch der Weizen gerupft werden dürfe). In der siebten These "wider den undeutschen Geist" wurde hingegen die jüdische Religion mit der hebräischen Sprache verwechselt und somit alles von Juden Geschriebene schlicht als undeutsch deklariert.

Man könnte also sagen, dass sich in der Bücherverbrennung von 1933 eine zweite kulturgeschichtliche Bedeutung des Feuers aktualisierte. Das Feuer diente hier nicht mehr dazu, zwischen Wahrheit und Irrtum zu unterscheiden, sondern dazu, auch noch die letzte Differenz zu löschen, also den Tod herbeizuführen - der, wie Jacques Derrida in seinem Aufsatz zu "Feuer und Asche" ausführt, seit der platonischen Philosophie ja immer wieder mit der Schrift selbst identifiziert wurde; denn allein ihre grammatische Struktur kann den Sinn, der beim Lesen freigesetzt und dann pulverisiert wird, gleichsam wie eine Urne konservieren.

Am 10. Mai hingegen brannte, man denke an Heines berühmtes Diktum, mit jedem Buch stellvertretend auch ein Mensch - wobei sich dieser symbolische Bezug im Vergleich zum Mittelalter verschoben hatte. Zwar mussten Häretiker damals bisweilen zwei Tode sterben; sie wurden bis ins Grab verfolgt, notfalls exhumierte man ihre Gebeine, um sie - wie im Fall John Wyclifs Anfang des 15. Jahrhunderts - gemeinsam mit ihren ketzerischen Büchern verbrennen zu können.

Zugleich aber barg jede Verbrennung auf dem Scheiterhaufen, die noch zu Lebzeiten stattfand, die Hoffnung auf die Salvierung vom ewigen Höllenfeuer. Eine solche Heilshoffnung gab es 1933 nicht. An die Stelle des Todes sollte die totale Annihilation treten, die Auslöschung eines Menschen nicht nur aus dem Leben, sondern auch aus dem Tod. Doch was die Nationalsozialisten verbrannten, war nicht der Geist, sondern nur seine Asche.

© SZ vom 10.5.2008/beu
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