Die NS-Zeit als Familienroman Bruder Hitler

Monumentale Intimität: Nach Jahren der Anklage und der Empörung wird in der neuesten Literatur ein Wunsch nach Versöhnung mit der NS-Zeit spürbar. Wenn schon nicht mit der ganzen Geschichte, dann wenigstens mit der der Familie. Ausdruck eines ungebrochenen Vertrauens auf Rettung durch Kunst.

Von ULRICH RAULFF

Furchtbar an Hitler ist, dass er mit der Zeit nicht kleiner, sondern größer wird. Je weiter wir uns von ihm entfernen, um so schneller wächst sein Schatten. Wie oft dachten wir schon, der Spuk sei vorbei? Nach dem Historikerstreit der achtziger Jahre, nach der deutschen Einigung, nach dem 9. September: Jedesmal schien es. als würde nun eine neue Seite im Buch der Geschichte aufgeschlagen. Das Gegenteil war der Fall, es gab mehr Hitler von Jahr zu Jahr. Als müsste jeder Schauspieler in seinem Leben einmal den Führer gespielt, als müsste jeder Historiker einmal seinen Hitler geschrieben haben. Für die Deutschen ist Hitler das Ende der Geschichte wie einst das Reich Christi oder die Revolution.

Die Autoren tragen etwas in der Hand: die ¸¸Zeitkapsel". Sie enthält die materiellen Überreste, Briefe, Fotos, ein Notizbuch, eine Uhr. Sie sind Schüler der Microhistoire und der Oral History, Zeitgenossen der Wehrmachtsausstellung.

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Deshalb suchen Schriftsteller und Historiker nach immer neuen Formeln, das Gespenst zu bannen. Die jüngste hat die Form einer Geschichtsschreibung in der ersten Person angenommen. Immer mehr Autoren und Autorinnen gehen auf die Suche nach vergessenen oder verdrängten Familienmitgliedern, deren Lebenslinien sich mit den Windungen der Politik im 20. Jahrhundert verschlungen haben: Väter, Brüder, zunehmend Großväter. Nazideutschland kehrt wieder als Familienroman und Autoanalyse.

Naturgemäß kommen bei diesen Unternehmen auch andere Personen ins Bild, Frauen, Mütter, Töchter; am Ende sieht man ganze Familien auf dem Weg vom Kaiserreich in die zweite Republik. Durch alle Erzählungen hindurch spürt man den Wunsch, die Väter, die nicht mehr zu ändern, die Brüder, die nicht mehr zu retten sind, wenigstens nachträglich zu verstehen. Spürbar ist der Wille, das Maß ihrer Mitwisserschaft und Schuld zu überprüfen, aber diesmal in Kenntnis ihrer individuellen Geschichte.

Das ist neu an dieser literarischen Suchbewegung nach den verlorenen Vätern, Brüdern und Großvätern: Nach Jahren der Anklage und der Empörung wird ein Wunsch nach Versöhnung fühlbar, und wenn schon nicht mit der ganzen Geschichte, dann wenigstens mit der der Familie. Und ein unausgesprochenes Vertrauen auf Rettung durch die Kunst.

Zwar kommen die jüngsten Zugänge zu dieser Art Geschichtsschreibung oder Geschichtsertastung - tatsächlich handelt es sich um ein vorsichtiges Ertasten schmerzhafter und schmerzfreier Zonen im Familiengedächtnis - eher von Seiten der Geschichte und der Autobiographie. Sie fußen auf historischen Recherchen, für die das ¸¸Vetorecht der Quellen" (Koselleck) gilt. Irgendwann aber überschreiten sie die Grenze zur Kunst, das heißt zur Literatur. Die jüngsten Versuche, dem Schatten Hitlers zu entkommen, stammen aus dem Labor der docufiction.

Harald Welzer, der die familiäre Überlieferung in der Bundesrepublik erforscht, hat in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift Mittelweg 36 die jüngere Literatur zur NS-Geschichte gesichtet. Welzer beginnt mit Günter Grass" Novelle ¸¸Im Krebsgang" und W. G. Sebalds Roman ¸¸Austerlitz", die vor zwei Jahren erschienen, es folgen Tanja Dückers" Erzählung ¸¸Himmelskörper", Uwe Timms ¸¸Am Beispiel meines Bruders", Ulla Hahns ¸¸Unscharfe Bilder" und Stephan Wackwitz mit ¸¸Ein unsichtbares Land", die alle im letzten Jahr erschienen sind. Das sind noch längst nicht alle. Bald sechzig Jahre nach Kriegsende explodiert die Nazi-Geschichte wieder, diesmal im Familienroman. Welzer sieht die ¸¸unscharfen Bilder", die für Ulla Hahns Roman titelgebend wurden, als emblematisch für die Gattung: Familienerinnerungen, so argumentiert er, belehren einen darüber, ¸¸dass ein innerfamiliales Erinnerungsvermögen prinzipiell die unscharfen Bilder der Rollen und Handlungen von Familienangehörigen in Zeiten des Tötens vorzieht. Es sind die konturlosen, vagen, eben unscharfen Bilder, die in Gestalt widersprüchlicher, nebulöser, fragmentierter Geschichten im Familiengedächtnis niedergelegt sind."

Nun ist das eine das Familiengedächtnis mit seinem notorischen Hang zur Unschärfe, zur Vermeidung der Härten, zur Unter- oder Übertreibung: Sigmund Freud beschrieb die ¸¸literarische" Produktion des Neurotikers, der sich bald als Findelkind, bald als Frucht eines erotischen Abenteuers seiner Mutter imaginiert, als ¸¸Familienroman". Das andere aber ist der Autor, der zu einer schwierigen Recherche ins Nebelheim der familiären Erinnerung aufbricht: Hat er keine andere Wahl, als diesen Roman fortzuschreiben? Muss auch er die unscharfen den scharfen Bildern vorziehen? Oder kann es ihm - gegen die Tendenz der Erinnerung - gelingen, die Lampe der Aufklärung nicht zu dimmen, sondern heller zu drehen?

Vielleicht lässt sich die Frage leichter anhand von Erzählungen beantworten, denen nicht literarische Figuren zugrunde liegen, sondern reale Personen. Personen, die ihre dokumentarischen Spuren in Personenstandsregistern, Wehrmachtsarchiven, Polizei- und Strafakten hinterlassen haben. So geschehen bei Uwe Timm, der über Leben und Sterben seines Bruders schreibt, der an den Folgen seiner Verwundung in der Schlacht von Kursk 1943 stirbt. So bei Thomas Medicus, der den Spuren seines Großvaters nachgeht, des Wehrmachtsgenerals Wilhelm Crisolli, der 1944 in der Toskana von Partisanen erschossen wurde (¸¸In den Augen meines Großvaters"; siehe SZ vom 2. März). Und so bei Wibke Bruhns, die in ¸¸Meines Vaters Land" von ihrem Vater Hans Georg Klamroth erzählt, der im August 1944 als Verschwörer in Plötzensee hingerichtet wurde.

Diese Suchenden, die sich aufmachen, um im Dunst der Geschichte und der frommen Lügen des Familiengedächtnisses die wirkliche Gestalt ihres Bruders, Vaters oder Großvaters zu finden, tragen etwas in der Hand, Medicus nennt es die ¸¸Zeitkapsel". Sie enthält die geringen materiellen Überreste, Briefe, Fotos, ein Notizbuch, eine Uhr. Die Autoren haben gelernt, mit unscheinbarem Material zu arbeiten. Sie sind Schüler der Microhistoire und der Oral History, Zeitgenossen der Wehrmachtsausstellung. Aus einem wackligen Amateurfoto holen sie eine atmosphärische Szene heraus (Medicus), aus einer krakeligen Bleistiftnotiz ein Drama (Timm). Bewusst oder unbewusst sind sie messianische Mikrologen, diese neuen Historiker, die wie Benjamin hinter jedem Komma die Pforte zum Paradies wittern. Oder das Tor zur historischen Wahrheit.

Wie sieht diese Wahrheit aus? Je länger die Suchenden unterwegs sind - und nicht umsonst stilisieren sie sich allesamt als Suchende in der ältesten literarischen Tradition Europas, auch wenn sie nicht den Gral suchen, sondern den Großvater und nicht das Goldene Vlies, sondern das Schwarze Korps -, um so deutlicher spürt der Leser, dass es eine Suche nach zwei Wahrheiten ist. Die eine ist die der Geschichte: des verschollenen Bruders oder Vaters im Kontext ihrer Zeit. Die andere ist die des Autors in seiner Zeit. Diese zweite Wahrheit hat einen anderen Charakter, sie ist individuell und intim: der Abdruck der Geschichte in der sensiblen Materie des Gefühls. Am Ende der Suche erscheint der endlich Wiedergefundene in monumentaler Intimität.

Diese Wahrheit kann zur wichtigeren werden: Mit jeder Seite von Uwe Timm erhärtet sich der Verdacht, dass der verlorene Bruder weniger das Ziel der Reise als der gefundene Schreibanlass für einen narzisstischen Autor ist. Am weitesten treibt Medicus das Spiel von Projektion und Übertragung, aber er hält es reflexiv und selbstanalytisch unter Kontrolle. Am meisten um ihr Sujet - den Vater - bemüht, am wenigsten egozentrisch zeigt sich Wibke Bruhns, nur fehlen ihr die erzählerischen Kunstmittel, deren auch eine Familiengeschichte bedarf. Ihr sentimentaler Schnodderstil rückt sie immer wieder in den Vordergrund der Szene, die doch eigentlich dem Vater gehören sollte.

Der Vater selbst bleibt stumm, weil der Abwehroffizier so verschwiegen war, wie seine Tochter redselig ist. Am Ende des Buches hat man viel über HG Klamroth, den Familienvater und Casanova, erfahren, aber nichts Neues über den Abwehroffizier, der in die Kreise des 20. Juli geriet: Wie und wann geschah das? Wurde er erst in den letzten Monaten zum Mitwisser - oder konspirierte er schon seit Jahren? Sicherlich ist Klamroth die historisch interessanteste Figur, faszinierender als der Soldat Timm oder der General Crisolli. Aber sein Bild bleibt unscharf, mit Ausnahme der allzu menschlichen Züge. Wo umgekehrt das historische Bild klar und scharf wird - wie in Medicus" detektivischer Ausforschung der Schuld seines Großvaters im Partisanenkrieg - gebührt das Verdienst am Ende wieder der kritischen Geschichtsforschung: In diesem Fall war es der Kölner Historiker Carlo Gentile, der den Fall Crisolli aufzuklären half.

Wie die meisten Kritiker dieses neuen Typs von Erinnerungsgeschichte sucht Harald Welzer nach den psychischen Entlastungsmechanismen, denen diese Art von Literatur dient: Es könnte sein, so vermutet er im Anschluss an Werner Konitzer, dass es neuerdings nicht mehr - wie in den Abrechnungen der 68er - um die Schuld der Elterngeneration im Dritten Reich geht. Sondern ¸¸um die Schuld der Kinder, ihr gegenüber die gebührende Empathie verweigert zu haben". Ist dies die jüngste Variante im deutschen interior design der Schuld? Wie so oft befriedigt die historische ¸¸Erklärung" in erster Linie ihren Autor selbst.

Eine andere Frage ist, ob die aktuelle Geschichtsschreibung in der ersten Person die ¸¸alte" Historie bereichern wird. Mit gutem Grund fürchten die Historiker die unscharfen Bilder einer mehr gefühlten als gewussten Geschichte. Sie werden das zum Anlass nehmen, auch sämtliche Darstellungsmittel ihrer neuen ¸¸Konkurrenten" in Bausch und Bogen zu verwerfen. Muss ihnen eigentlich die Reflexion auf ihre subjektive Präsenz im Bild der Geschichte ewig suspekt bleiben? Vermutlich werden die Historiker erst in dem Augenblick erwachen, wenn ihnen ihr Lesepublikum in lichten Scharen davonläuft. Und nach langer Beratung werden sie der Sache eine Nachwuchs-Sektion auf dem Historikertag widmen.

Die Geschichte als Familienroman dagegen muss sich in Misstrauen üben gegen die verkitschte und klischeegeladene Sprache, die so oft das Bild des Holocaust und der NS-Zeit fälscht. Zu leicht wird sonst, wie Norbert Gstrein in seiner Wiener Rede gesagt hat, aus Annäherung Anbiederung. Überdies steht sie vor einem eigenen Dilemma: Wie die Historie will sie forschen und wissen, aber wie das Gedächtnis will sie versöhnen und retten. Praktisch in jeder Zeile muss sie sich entscheiden, ob sie wissen oder ob sie retten will. Oft genug schließt eines das andere aus, aber das muss nicht immer so sein. Am wenigsten ist hier vom Gefühl zu erwarten; es bietet nur falsche Versöhnungen und unscharfe Bilder. Eine Versöhnung von Erkenntnis und Rettung gibt es, wenn überhaupt, nur in der Kunst. In diesem Fall ist es die Erzählkunst.