Die neuen Kuratoren Wir wollen unsere Ruhe

Damals war gerade der Kalte Krieg zu Ende, und auch die Geschichte schien langsam müde zu werden. Aber statt einfach ins Bett zu gehen, wollten viele noch einmal alles aufmischen und die Verhältnisse zum Tanzen bringen. Genau das ist das Problem. Denn wenn Rosenbaum recht hat und mittlerweile alle in einem Datenmeer ertrinken, mit Spam-Mails, tausend falschen Freunden auf Facebook und Millionen Tweets bis zum Morgengrauen - dann sind die meisten einfach nur noch müde, und nichts kommt für sie ungelegener als ein DJ, der die Lautstärke hochfahren möchte. Stattdessen sehnen sie sich nach der Strenge eines Kurators, der den ganzen Müll für sie loswird. Sie brauchen keine Ekstase, sie wollen ihre Ruhe.

Die Frage ist nur, ob immer mehr Kuratoren ihnen diese Ruhe verschaffen können. Suchmaschinen, da hat Rosenbaum recht, schaffen das sicher nicht. Denn schließlich ist ein guter Kurator ja gerade nicht berechen- und vorhersehbar. Fragt man zum Beispiel Hans-Ulrich Obrist, einen der mächtigsten Ausstellungsmacher im Kunstbetrieb, warum er sich denn gerade für diesen und keinen anderen Künstler entschieden hat, sagt er, ihn interessiere "das ganz andere Zeitkonzept". Das kann selbst Google nur schwer in einen Algorithmus fassen.

Überhaupt Obrist. Oder Klaus Biesenbach, "Curator at large" des New Yorker Museum of Modern Art (MoMA). Man hat bei der Lektüre von "Curation Nation" das Gefühl, der Netz-Großdenker hätte sich nicht wirklich mit den neuen Superkuratoren aus der Kunst beschäftigt. Vielleicht sind sie ihm mal auf einer Ideenkonferenz begegnet. Oder im Flugzeug. Denn oberflächlich passen die beiden globalen Eliten ganz gut zusammen: Wie die Internetdenker haben auch die Superkuratoren Ideen. Außerdem sind beide Vielflieger und Netzwerker.

Obrist beschäftigt eigens drei Praktikanten, um seine vielen Einfälle auszurecherchieren. Er fliegt erst 10 000 Kilometer nach Osten, um eine Kunstmesse in Hongkong zu besuchen, macht einen Zwischenstopp in London und fliegt dann 10 000 Kilometer nach Westen für ein Interview in Brasilien. Derweil stellt Biesenbach auf einer MoMA-Party deutschen Automanagern die John-Lennon-Witwe Yoko Ono vor, bringt den New Yorker Geldadel mit seinen Lieblingskünstlern ins Gespräch und gibt dem "koreanischen Wundergeiger" Hahn-Bin die geheime Handynummer seiner guten Freundin Madonna. Eine New Yorker Zeitung verlieh ihm für diese Leistungen das Ehren-Adjektiv "Übersocial".

Wirklich verstehen werden sich beide Milieus am Ende nicht. Denn während die Netzgemeinde ständig in die nächste oder übernächste Zukunft aufbricht, müssen Kuratoren, solange dieser Titel auch nur irgendwie einen Sinn ergeben soll, Sorge um die Vergangenheit tragen. Zwar werden die Pfleger historischer oder ägyptologischer Sammlungen selten Stars. Zwar drischt der Autodidakt und Gemeinplatzwart Biesenbach gern ungeheuer zeitgenössische Phrasen, die auf alles und jedes passen: "In unruhigen Zeiten wie jetzt, da im Nahen Osten mächtige Umbrüche stattfinden, China sich rasant entwickelt ebenso wie Russland, scheint ein solches Projekt nicht nur enorm spannend, sondern auch enorm wichtig zu sein."

Trotzdem können auch solche DJ-Kuratoren das Historische nur entleeren, aber nicht abwerfen. Denn genau das macht ja ihre Macht aus: Dass sie einen unbekannten Künstler "entdecken" und in eine Reihe mit Michelangelo, Van Gogh und Picasso rücken können. Nur solange sie als die Türhüter zur Geschichte erscheinen, macht ihre Entscheidung aus einem Stück Leinwand pures Gold.

Damit wäre auf das geradezu mathematische Problem verwiesen, das auftaucht, wenn wir bald wirklich in einer "Curation Nation" leben, wenn immer mehr Menschen Kuratoren werden, vom Flohmarktveranstalter über die neuen Internet-Unternehmer. Es gibt dann nämlich auch eine immer größere Anzahl "kuratierter Sammlungen", zwischen denen man sich entscheiden muss, und damit ist der Ordnungsgewinn schnell wieder verspielt.

Denn wenn keine Sammlung mehr auch nur annähernd die Autorität der einen und wahren Geschichte hat, wenn es nicht das, sondern Millionen Museums of Modern Art gibt, dann gibt es eben viele Geschichten und alle sind im Kontext falsch und unvollständig. Die alte Verwirrung und Unübersichtlichkeit wäre wieder hergestellt. Und wurde sogar verschärft.

Simpsonize me!

Sind wir nicht alle ein bisschen gelb?