Deutsche Erstaufführung Lautes Kriegsgeschrei

Kriegshetzer (Timocin Ziegler, Pascal Fligg und Leon Pfannenmüller, von links) in zerschlissenen Kleidern befeuern den ewigen Kreislauf von Gewalt.

(Foto: Gabriela Neeb)

Sankar Venkateswaran inszeniert "Tage der Dunkelheit" im Volkstheater

Von SABINE LEUCHT

Für den unbesiegbaren Duryodana ist die Schlacht fast gelaufen, da entschließt sich Krishna höchstselbst, dessen Gegenspieler einen regelwidrigen Wink zu geben. "Unterhalb der Gürtellinie darf nicht angegriffen werden", haben die fünf Mauerschauer, die auf der kleinen Bühne des Volkstheaters die unsichtbaren Gräuel der Schlacht schildern, zuvor mehrfach skandiert. Doch Bhima "mit der Kraft von tausend Elefanten" bringt seinen Cousin Duryodana eben dadurch zu Fall - und tilgt den letzten der hundert Söhne der Königin Ghandari von der Erde.

Doch bis der wirklich schweigt, dauert es eine Weile in "Tage der Dunkelheit", das Sankar Venkateswaran mit Volkstheater-Schauspielern als deutschsprachige Erstaufführung inszeniert hat. Der indische Regisseur und künstlerische Leiter des International Theatre Festival of Kerala hat den Einakter, in dem der Dramatiker Bhasa bereits im 5. Jahrhundert eine ausgesucht blutrünstige Szene aus dem letzten Buch des monumentalen Versepos "Marabharata" nacherzählte, in einer Sprache auf die Bühne gebracht, die die Einflüsse ritualisierter Theaterformen wie des japanischen Nô oder der Pekingoper verrät.

Mit kaum wahrnehmbaren Bewegungen schiebt sich Magdalena Wiedenhofer zu Beginn an der Rampe entlang, die einen sanften Hügel aus bunter Erde vom Zuschauerraum trennt. Sie spricht den düsteren Prolog der leidgeprüften Clan-Mutter Ghandari wie ein grimmiges Gebet. Hinter ihr atmen die im Staub gelagerten Toten oder wenigen Überlebenden am 18. Tag des Familienkrieges um die Thronfolge wie aus einem Mund, erheben sich langsam und bilden in ihren zerrissenen Kleidern ein einheitliches Bild.

Mit konzertiertem Summen und Tönen, der Überführung von Worten in Glucksen, artifiziellen Schreien oder knurrenden Klagelauten, mit einem Weinen, das wie stoßweise hervorgebrachtes Lachen klingt, und einer von Jonathan Müller sehr behutsam geführten Kinderpuppe ohne Unterleib, die als schwaches Zeichen einer möglichen besseren Zukunft ohne Angst und Arg an den sterbenden Vater herantritt, entwickelt der Abend einen fremdartigen Sog. Dass wir ausgerechnet mit einem Vergewaltiger und Trickser wie dem letzten der Kauravas Empathie empfinden sollen, fällt einem allerdings ziemlich schwer. Zumal Pascal Fligg die Anhängsel von Duryodanas zerschlagenen Lenden sehr lange über die Bühne schleppt, bevor sein letzter Atemzug verebbt. Um den reuigen Sünder herum, der mit seinem Tod die Chance auf ein Ende des blutigen Krieges gekommen sieht, flammen die Emotionen plötzlich lichterloh auf.

Schon wenn die Mauerschau sich proportional zur Masse der zerfetzten Königs- und Elefanten-Körper zu einem fast hooliganhaften Ausbruch von Temperament und Schadenfreude steigert, verliert die Inszenierung ihre schlichte Klarheit und fällt etwas zu sehr in naturalistische Spielweisen zurück. Aber sie fängt sich wieder und findet nach nur 60 Minuten zu einem überraschend abrupten Ende, an dem die Freunde des Friedens realistischerweise nur das vorletzte Wort haben. Das letzte haben die Geiferer und die Rachsüchtigen. Und so geht es seit Anbeginn und immer weiter mit dieser Welt.