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Der neue Bond: "Ein Quantum Trost":Zart, aber schmerzlich

Wir haben unseren Agenten noch vor der offiziellen Premiere des neuen Bond-Films ins Kino geschickt. Dort hat er den spektakulärsten Bond aller Zeiten gesehen - und sich in das Bond-Girl verguckt.

Bernd Graff

Der großartige, unfassbar inspirierte zweite Band der großartigen, unfassbar inspirierten Comic-Reihe "Asterix" von Goscinny und Uderzo hieß "Asterix und Kleopatra". Auf dem Titel des Heftes gab es eine bemerkenswerte Auflistung der Materialien, die zu seiner Erstellung notwendig waren. Von 14 Litern Tusche ist da die Rede, auch von 42 Bleistiften. 27 Radiergummis rubbelten angeblich ihr Leben aus, dafür flößten 67 Liter Bier neues Leben ein.

Keine Action um der Action willen: Daniel Craig in "Ein Quantum Trost".

(Foto: Foto: dpa)

Aus diesem disparaten Gemisch wurde eine der stimmigsten Comicgeschichten des letzten Jahrtausends. Genau so eine Liste existiert für den neuen James Bond.

Angeblich wurden 200.000 Platzpatronen verschossen, 1000 Liter Wasser getrunken, in zwölf Tagen inszenierte man 54 kontrollierte Explosionen. Und überhaupt wurde der mit 103 Minuten Laufzeit kürzeste Bond-Film aller Zeiten in sechs Ländern an mehr Drehorten gedreht denn je, und mit 200 Millionen Dollar Produktionskosten war er - fast schon erwartbar - der teuerste Film aller Bond-Franchise-Zeiten.

Nur um die Kladde der Superlative vollzumachen: Und sowieso ist Bond die langlebigste fortgeführte Marke in der Filmgeschichte. Das neue Abenteuer ist das 22. Viel PR-Gerassel also. Unter solcher Bürde und der Last der eigenen Geschichte können Filme dann aber auch mal absaufen.

Tatsächlich trägt "Ein Quantum Trost" ("Quantum of Solace") nicht nur den bescheuertsten eingedeutschten Titel aller Zeiten. So ist der Film zugleich die synthetischste Bond-Edition, weil sie - gerade in den Actionsequenzen - vor allem nur zu dokumentieren scheint, dass Computer wirklich ein rasendes Kaleidoskop an Bewegungsszenen produzieren können, das Menschenmaß und Fassungsvermögen übersteigt.

So sieht man Actionchoreographien, die von menschlichen Augen und Hirnen nicht mehr aufgenommen werden können. Wer wann wen unter Zuhilfenahme welcher Mittel schlägt, verfolgt, anzündet, besiegt, mordet, meuchelt, metzelt, ist im Gebrüll der Action-Bilder kaum mehr wahrzunehmen. Und es ist letztlich auch egal. Mehr als eine blutige Nase wird sich Bond schon nicht holen. Denn Bond stirbt nie.

Im Amok-Schweinsgalopp

Dieses Bilderdelirium geht mit der Eingangsequenz los, einer wüsten Autojagd, die ausgerechnet einen Voll-Stau auf enger, kurvenreicher Gebirgsstraße aufmischt und Bonds Aston Martin gefühlte zehn Sekunden nach Filmstart als wirtschaftlichen Totalschaden ausweist.

Das wiederholt sich während einer Bootsjagd, in der Schlauchbootarmadas auf den armen Bond und sein Girl losgelassen werden. Das zeigt sich in einer Luftschlacht und im Feuersturm eines explodierenden Hotels, aber auch auf einer Mann-gegen-Mann-Verfolgung hoch über den Dächern von Siena. Wäre nicht der erschütternd gutaussehende Bond immer so in Eile, man müsste von einem Amok-Schweinsgalopp durch alle Elemente sprechen.

Actionkino, das hat man etwa bei den diversen Bourne-Verfilmungen und dem letzten "Batman" gesehen, scheint heute weniger auf Action, Stunts und esoterische Kampfgebärden der Akteure zu setzen als vielmehr auf Überwältigung des Zuschauers durch Bilder. Die kann der Computer inzwischen so zusammenbrauen, dass Action nicht mehr erkennbare Aktion ist, sondern ein Gewirr aus Kraftlinien und Kaskaden von Bildern, die aus allen Dimensionen simultan auf ein Zentrum zulaufen: das Auge des Betrachters.

Mit dem Effekt, dass man als Zuschauer schon aus lauter Orientierungslosigkeit in ein Adrenalin-Stakkato versetzt wird. Die Bilder also zeigen nicht nur Action, sie sind die Action. So trudelt etwa der neue Bond samt Girl über Bolivien himmelsrichtungsfrei, horizontalvertikal aus einem Flugzeug, tatsächlich aber wurden die beiden nur von einer Bodyflight-Windmaschine in Bedford so geschickt in die Luft gepustet, dass es wie ein unkontrollierter vom Zuschauer begleiteter Sturz aus 3000 Meter Höhe aussieht.

Dennoch ist dieser Bond auch der geerdetste Bond, den es je gab. Trotz der Bilder. Denn diesmal haben wir es nicht mit Überschurken als Gegnern zu tun, die aus einem Comic herausgefallen zu sein scheinen, um ihre Allmachtsphantasien von ihrem Allmachtsambiente aus über die Welt zu streuen. Diesmal ist es also kein größenwahnsinniger Einzelschurke, sondern ein international verfilztes Konsortium aus Wirtschaft und Politik, dem man, zu eigenem Erschrecken, durchaus Realitätsnähe und Plausibilität attestieren muss.

Lesen Sie auf Seite 2, warum Bond-Girl Camille anders ist als ihre Vorgängerinnen.

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