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Das ist schön:Der Kampf gegen Furien

Warum amerikanische Lyrik gegen Populismus hilft

"In der Zeit zu existieren heißt, durch ihr ewiges Tal zu reisen / und ihren vielen unbezwingbaren Furien zu begegnen", schreibt die US-amerikanische Lyrikerin Ellen Hinsey in ihrem neuen Band "Des Menschen Element". Und auch wenn ihr Schreiben viel zu subtil ist, als dass in einem Gedicht tatsächlich der böse T-Name vorkäme: Nicht erst bei ihrer Erwähnung der Furien denkt man bei der Lektüre an so einiges, was sich in der amerikanischen, in der globalen Politik und Gesellschaft dem Verständnis entzieht.

Die philosophisch und theologisch höchst beschlagene Schriftstellerin, die derzeit in Berlin lebt und am kommenden Montag im Lyrik Kabinett in München lesen wird, setzt allen Zumutungen an Schlichtheit die feine Differenzierung eines Gedichts entgegen. Und sie mahnt damit in diesen Tagen, in denen unter anderem die Reise der deutschen Bundeskanzlerin ins T-Land für Aufsehen sorgt, sich niemals mit dem allzu Naheliegenden zu begnügen. Hinsey ist übrigens, um noch kurz bei amerikanischen Autoren und Künstlern zu bleiben, natürlich nicht die einzige, deren Stimme oder besser Gegenstimme in München zu hören ist. An diesem Freitag erst hat die New Yorker Autorin Imbolo Mbue im Literaturhaus über Immigration und Heimat gesprochen, am kommenden Mittwoch wird Marilynne Robinson im Amerikahaus erwartet, eine der Lieblings-Schriftstellerinnen von Barack Obama. Im Amerikahaus kann man überdies Fotografien von Joshua Rashaad McFadden sehen, die den Kampf gegen Rassismus in den USA einst und heute dokumentieren. Denn, um noch mal Hinsey zu zitieren: "Nicht jede dem Verstand hörige Handlung kann in Sprache gefasst werden." Manchmal gelingt es einem Bild besser.

Gegenbilder, Gegenstimmen zu den Furien unserer Zeit sind wichtig; natürlich nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in Europa. Literatur und Kunst helfen uns ja im besten Fall, die großen Zusammenhänge zu erkennen und über das Verstehen gar zum Handeln zu gelangen. Das könnte - nur zum Beispiel - so aussehen, dass man sich sonntags von der morgendlichen Lektüre einiger Gedichte geradezu genötigt fühlt, nachmittags vor der Staatsoper für Europa zu demonstrieren, um irgendwann doch noch die Furien des Populismus zu bezwingen. "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch", schrieb einst Friedrich Hölderlin. Darauf vertrauen zu können, wäre schön.