Das Internetvideo der Woche "Kuck mal, wie doof die sind!"

Es gibt eine neue verfolgte Minderheit: die Fans der Band Tokio Hotel. Jetzt schlagen sie in Gestalt einer wütenden jungen Dame zurück: "Lasst Tokio Hotel Fans in Ruhe" in der Clip-Kritik.

Von Christian Kortmann

Pubertäre Nöte, Teil 2: Hier kommt der nächste Film aus einem Jugendzimmer. Nachdem es im "Leben der Anderen" der Vorwoche um die von Unrast geprägte männliche Pubertätserfahrung ging, handelt der heutige Clip von einem Mädchen und ihren Teenagersorgen. Die junge Dame heißt Angie, ist leidenschaftlicher Fan der Band Tokio Hotel und nimmt es nicht länger hin, dass ihre Idole öffentlich und in ihrem privaten Umfeld (vor allem von den Jungs in der Schule) angefeindet werden. Deshalb wendet sie sich mit ihrem Clip "Lasst Tokio Hotel Fans in Ruhe" über ein Filmportal ans Publikum und fand bis jetzt 700.000 Zuhörer.

Angie hat sich für ihre Rede an die Nation schick gemacht, die glitzernde Schmetterling-Brosche angelegt, die Fingernägel frisch manikürt. Der Großteil ihres Publikums hat wahrscheinlich über sie gelacht, was auch gestattet ist, weil man dennoch den ernsten Kern des Films respektieren kann. Der Clip ist komisch wegen seines Neujahrsansprachen-Pathos' (schön, dass die Sprecherin ebenfalls Angie heißt). Hier wie dort bewirken ihre Worte wenig, ja, die naive Gravität provoziert ad hoc sogar noch größeren Spott. Angie wird später selbst einmal darüber lachen, ohne ihre Ideale damit zu verraten.

Pop zum Prügeln

Wenn man den Clip öfter anschaut und auf den genauen Wortlaut achtet, wird einem klar, was für ein wunderbar unverdorbenes und wahres Plädoyer für Toleranz hier gehalten wird. "Aber Leute, schaut doch mal", sagt Angie und fordert objektive Distanz: "Ihr wisst genau, von wem Ihr auch Fans seid". Die Jugendkultur reklamiert eine gerechte Gleichbehandlung, intern, aber auch extern von E- und U-Kultur: Wie würden Metallica- oder Richard-Wagner-Fans reagieren, wenn sich Teenager-Mädchen öffentlich über sie lustig machten?

Die Mitglieder der Band Tokio Hotel, vor allem Sänger Bill Kaulitz mit seiner zwei Dosen Haarspray beinhaltenden Frisur und dem Kajal-Action-Painting im Gesicht, sehen anders aus als das Fußgängerzonenmittelmaß und sind in ungewöhnlich jungen Jahren bereits erfolgreiche Business people. Ihre Abweichung vom ästhetischen und gesellschaftlichen Konsens löst bei Teenagern Bewunderung aus. Denn sie fühlen sich selbst oft fremd in der Welt, können dies aber aufgrund mangelnden Muts oder Talents nicht so gut zeigen wie die extrovertierte Boy Group.

Insgeheim wären die Tokio-Hotel-Fans enttäuscht, wenn Tokio Hotel bei den Erwachsenen und den Jungs in ihrer Klasse auf ungeteilte Zustimmung stießen: Der Ablehnungsdruck von außen verstärkt ihre eingeschworene Gemeinschaft. Als Tokio-Hotel-Fan begreift Angie sich als Teil einer verfolgten Minderheit, die angeblich sogar mit Prügel rechnen muss; in ihrer Rede gibt es "Euch" und "uns".

Konsequent und verständnisvoll

Dennoch stört es sie, dass die neidischen "Tokio-Hotel-Hasser" die Attraktivität von Tokio Hotel in Frage stellen und damit Angies Lebensgefühl negieren. "Wenn Ihr meint, die wären schwul", sagt sie, "dann seid Ihr selber schwul!" Es geht bei Tokio Hotel eben auch um das pubertäre Ausloten von Sexualität und Geschlechterrollen: Durch ihre Androgynität stellen Tokio Hotel für ihre weiblichen Fans zugleich das Ideal der besten Freundin wie des Liebhabers dar.

Wohlgemerkt das Ideal, denn die Mehrheit der Fans schwärmt keinesfalls sexuell für ihre Stars, wie es schwachsinnige Umfragen, die wissen wollen, mit welchem Prominenten man eine Nacht verbringen möchte, immer wieder suggerieren. Fans ertragen ihre Idole nur aus der Ferne, wollen sie nicht berühren, weil sie genau wissen, dass sie ein Image verehren und keine Person.

Auch Angie - das zeigt sie, weil sie anfangs die neue Beziehung mit ihrem "Schatzi" hervorhebt und zugleich mit Verve die sexuelle Attraktivität ihrer Stars verteidigt - begreift Tokio Hotel nicht als Lebenspartner oder Freunde, sondern als ästhetisches Konstrukt, dessen Integrität sie bedroht sieht. Deshalb setzt sie ein offensives Zeichen gegen die anschwellenden Verleumdungen. Performativ stärkt sie das Image der Band, dessen Teil sie ist, weil sie beweist, wie intensiv die Beziehung zwischen Tokio Hotel und ihren Fans ist.

Das Leben ihrer Idole wollten die Fans nicht leben. Doch mit ihrer Musik und ihrem karnevalesken, leicht kopierbaren Styling bieten Tokio Hotel Accessoires, die helfen, die Zeit des Andersseins zu ertragen und sogar lustvoll auszuschmücken. Tokio Hotel sind für ihre Fans zugleich unerreichbar abstrakte wie konkrete Richtwerte für Lebensmöglichkeiten, die so verständnisvoll und konsequent weder Schule noch Eltern anbieten können. Angie, das Wort fällt wiederholt, ist "stolz", ein Tokio-Hotel-Fan zu sein: Ihr Fantum gibt ihr Kraft. Zu keinem anderen Thema könnte Angie ein derart mitreißendes "J'accuse" vor der Kamera halten.

In den Tiefen des Fantums

Die Art ihrer Botschaft ist Internet-genuin: Angie sitzt alleine in ihrem Zimmer, Mut und Intensität eines persönlichen Anliegens werden mit massenmedialer Reichweite verknüpft. Angie hätte jenseits der Online-Agora kein Forum gefunden, weil einem in diesem Alter meist der Mut fehlt, sich zum Beispiel in der Fußgängerzone auf eine Apfelsinenkiste zu stellen und seine Meinungen vor einem Live-Publikum kundzutun.

"Also lasst es, und wir lassen Euch": Angie schließt mit einer leeren Drohung. Aber die Tokio-Hotel-Fans müssen auch gar nichts fürchten. Denn in die Tiefen ihres Fantums hinein kann ihnen niemand folgen. Und dass die Dinge, die man für gut und richtig hält, von anderen beschimpft und verachtet werden, daran kann sich ein Teenager ruhig schon mal gewöhnen.

"Lasst doch einfach uns Tokio-Hotel-Fans in Ruhe..." - Angies Rede im Wortlaut

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