Clubfestival:Hinter jeder Tür ein Experiment

Clubfestival: Hip-Hop aus Köpenick: Romano kommt aus der Hauptstadt ins Nürnberger Künstlerhaus.

Hip-Hop aus Köpenick: Romano kommt aus der Hauptstadt ins Nürnberger Künstlerhaus.

(Foto: Nürnberg Pop)

Beim "Nürnberg Pop" spielen 50 Bands in Läden, Bars, einer Tanzschule und im Freien. Zum Auftakt singt Tom Schilling

Von Martin Pfnür, Nürnberg

Wenn man so will, beginnt die Geschichte des Festivals "Nürnberg Pop" gut 600 Kilometer nördlich des Frankenlandes, im Umkreis der zentralen Straße eines Vergnügungsviertels, dem bei aller Verruchtheit längst auch eine gewaltige popkulturelle Bedeutung zukommt. Die Geschichte beginnt auf der Hamburger Reeperbahn. Hier auf St. Pauli, wo im Club "Indra" Anfang der Sechzigerjahre auch die Weltkarriere eines pilzköpfigen Quartetts aus Liverpool langsam Fahrt aufnahm, spielten der Bassist Thomas Wurm und der Gitarrist David Lodhi 2010 mit ihrer Indie-Band Wrongkong beim Reeperbahn Festival, dem mittlerweile größten Clubfestival Europas.

"Beeindruckt und inspiriert hat uns damals vor allem das Konzept des Culture-Clashs, also die oftmals sehr ungewöhnliche Kombination von Künstler und Location", sagt Thomas Wurm und verweist auf die Vielzahl an Konzerthallen, Clubs, Bars, Galerien, Museen und Kirchen rund um die Reeperbahn, die dort mit einer ebenso handverlesenen wie umfangreichen Querbeet-Melange an Qualitäts-Musiken jeglicher Indie-Couleur bespielt werden - vom Punk-Konzert im Hip-Hop-Club bis zum Singer-Songwriter in der Großraumdisco. "Auf relativ engem Raum möglichst viele unterschiedliche Örtlichkeiten zu nutzen, das schien uns als Grundgedanke wie geschaffen für die Nürnberger Altstadt", sagt Thomas Wurm.

Bereits zum siebten Mal laden er, David Lodhi und der Mitveranstalter Thomas Eckert als Hauptverantwortliche dort nun zum Festival "Nürnberg Pop" ein. Und auch in diesem Jahr fällt das musikalische Angebot mit mehr als 50 Bands und Solomusikern, die sich auf insgesamt 24 Veranstaltungsorte verteilen, derart überbordend und vielschichtig aus, dass man kaum weiß, wo und wie man diesen Abend am Samstag, 28. Oktober, denn nun am besten verbringen soll. Laut Thomas Wurm jedenfalls am besten entspannt flanierend. "Die Locations liegen ja alle recht nah beieinander, was den Besuchern die Möglichkeit gibt, mal hier und mal dort hereinzuschauen. Falls man also womöglich keinen Platz mehr finden sollte oder einem das Konzert nicht zusagt, braucht man nur ein paar Meter weiterzugehen."

Tatsächlich ist es gerade dieser Überraschungscharakter, diese vom Reeperbahn-Festival inspirierte Melange zwischen meist eher unbekannten Indie-Musikern aller Genres, die Thomas Wurm und David Lodhi im Vorfeld des Festivals über mehrere Monate hinweg scouten, und mitunter durchaus abseitigen Veranstaltungsorten, welche den Charme von "Nürnberg Pop" ausmacht. "Letztlich gibt es mit dem ,Club Stereo' ja nur einen Konzertclub in der Altstadt", sagt Wurm. "Von daher ist bei den Locations etwas Kreativität gefragt. Tatsächlich kommt alles, was eine Tür und einen Raum dahinter hat, für uns in Betracht." So verwundert es auch nicht, dass neben der neuen, frei zugänglichen Akustik-Freiluftbühne auf dem Klarissenplatz mit der Tanzschule "Dance Maxx", der Modeboutique "Blutsgeschwister", der katholischen Klarakirche, dem urigen Nachtrestaurant "Wacht am Rhein" oder dem Plattenladen "Mono-Ton" auch an Orten aufgespielt wird, die als Konzertrahmen erst mal recht ungewöhnlich erscheinen - und die doch gerade jenen Reiz des Unvorhersehbaren fördern, der sich einstellt, wenn begabte Newcomer auf ein überrumpeltes Zufallspublikum treffen.

"Bei uns ist ganz klar das Festival der Star", sagt Thomas Wurm. Zwar finden sich mit dem herrlich hintersinnigen Hip-Hop-Ironiker Romano und dem multitalentierten Schauspieler Tom Schilling, der bereits einige Tage vor dem eigentlichen Festival mit seiner Band The Jazz Kids das Eröffnungskonzert im Nürnberger Schauspielhaus bestreitet (Sonntag, 22. Oktober, 19.30 Uhr), auch zwei bekanntere Namen auf dem Line-Up. Nicht zuletzt sehen die drei Veranstalter das Nürnberg Pop jedoch als Plattform für talentierte Musiker aus dem bayrischen Raum, deren Schaffen sie selbst schätzen - und gerne fördern.

Gut 50 Prozent des Programms setze sich aus jungen bayerischen Künstlern zusammen, sagt Thomas Wurm. Ganz bewusst arbeite man mit Netzwerken wie "BY-on", der Musikförderung des Freistaats, oder "Pop Rot Weiss", dem Pendant für die fränkische Musikszene, zusammen, die eigene Bühnen für lokale Bands bereitstellen. "Wir haben uns auf die Fahne geschrieben, ein Standort zu sein, wo Booker, die wir ebenfalls einladen, mit jungen Musikern verlinkt werden. So können wir zumindest einmal im Jahr einen Beitrag in dieser Hinsicht leisten", sagt Wurm.

Wie schon im Jahr zuvor wird "Nürnberg Pop" auch 2017 mit einer Kulturwoche eingeläutet. So darf sich, wer sich von Montag, 23. Oktober, an mit einem Festivalbändchen ausstattet, bei Nürnberger Plattenläden, Kneipen, Restaurants, Theatern, Clubs, Kabarettbühnen, Kinos und Museen über Vergünstigungen, Freigetränke oder Gratisführungen freuen. Der kulturelle Höhepunkt respektive der "Star" für die jährlich 2000 bis 2500 Besucher bleibt freilich das "Nürnberg Pop" selbst, dieses wunderbar andere Festival für Flaneure und Entdecker.

Nürnberg Pop, Sa., 28. Okt., von 15 Uhr an in der Altstadt; Eröffnungskonzert mit Tom Schilling und The Jazz Kids am So., 22. Okt., 19.30 Uhr, Schauspielhaus; Kulturwoche von Mo., 23. Okt., an; Programm unter www.nuernberg-pop.de

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