Claudio Magris: "Blindlings":Zermahlenes Leben

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Die Reise der Argonauten, die wiederholten Schiffbrüche der italienischen Linken und ein dänischer Abenteurer: Der große Essayist Claudio Magris hat einen europäischen Gesamtroman geschrieben.

Lothar Müller

Vor der dalmatinischen Küste, in der Kvarner Bucht, liegt die Insel Goli Otok. Sie heißt die Nackte oder Kahle Insel, unwirtlich aber ist sie nicht. Im heutigen Kroatien wirbt sie wie ihre Nachbarn um Urlauber. Im Jugoslawien der Nachkriegszeit war sie eine Gefängnisinsel. Tito ließ hier 1949, nach seinem Bruch mit Stalin, auch italienische Kommunisten internieren, die kurz zuvor noch willkommene Genossen gewesen waren.

Blindlings

Claudio Magris, Blindlings, Roman. Aus dem Italienischen von Ragni Maria Gschwend. Carl Hanser Verlag, München 2007. 414 Seiten, 24,90 Euro.

(Foto: Foto: Hanser)

Viele dieser Italiener waren nach dem Krieg von Monfalcone, einem Zentrum der Werftindustrie westlich von Triest, nach Jugoslawien gegangen, um dort den Sozialismus mit aufzubauen. Nun standen sie wie ihre Partei, die italienische KP, auf Seiten der Kominform, die offen zum Sturz Titos aufrief. So wurden die italienischen Genossen zu Feinden und Gefangenen der jugoslawischen Genossen.

Der italienische Schriftsteller, Essayist und Germanist Claudio Magris ist 1939, im Jahr, als der Krieg begann, in Triest geboren. Er ist schon als junger Mann mit seiner Dissertation "Der habsburgische Mythos in der österreichischen Literatur" (1966) bekannt geworden. Der Ruhm dieses Buches, dem wenig später ein zweites über Joseph Roth und die Welt des osteuropäischen Judentums folgte, wuchs mit den Jahrzehnten. Denn Magris hatte die Literatur und Kultur Mitteleuropas neu erschlossen, ehe "Mitteleuropa" in den achtziger Jahren zur Parole des Auszugs aus der Blockkonfrontation wurde.

Die Strafinsel Goli Otok war seit den fünfziger Jahren mehr und mehr in Vergessenheit geraten. Die italienischen Kommunisten mochten nicht an den Stalinismus erinnert werden. Und zum antifaschistischen Konsens und zum Resistenza-Mythos passte die Erinnerung an die Greuel in den linken Lagern der jugoslawischen Ex-Partisanen auch nicht.

In die Essays und Erzählungen von Claudio Magris aber ist diese Insel schon lange eingezeichnet. In seinem jüngsten Roman, "Blindlings", in Italien 2005 erschienen, ist Goli Otok das topographische Zentrum des Buches. Ein kommunistischer Veteran, der Goli Otok überlebt hat, dessen Kopf, Herz und Seele aber zersprungen sind, erzählt darin sein zermahlenes Leben, und er spiegelt es in herbeiphantasierten Doppelgängern, in der Geschichte und Mythologie Europas.

Monströser Monolog

Salvatore Cippico heißt der Ich-Erzähler des Romans. Im Jahr 1910 als Sohn eines italienischen Emigranten bei den Antipoden, in Tasmanien geboren, wurde er als alter Mann 1992 in die Psychiatrie in einem Vorort von Triest eingeliefert. Hier füllt er im Dialog mit dem Arzt seine Krankenakte, bestreitet manchen Eintrag, fügt ihr seine Innenwelten hinzu. Magris hat diese Figur der Zeitgeschichte abgewonnen, aber die derzeit beliebtesten Formen ihrer Vergegenwärtigung schlägt er aus: den Familienroman wie die Autobiographie.

Denn dieses Ich missachtet das Grundgesetz autobiographischen Erzählens, die langsame Annäherung des erinnerten an das gegenwärtig schreibende Ich. Und eine verlässliche Genealogie hat es nicht. Sein monströser Monolog nistet sich in das leere Ich der Grammatik ein, das die Sprache jedem anbietet, jedem aufdrängt, um sich mit der Welt ins Verhältnis zu setzen.

Zermahlenes Leben

Und ist das Ich einmal zerborsten wie hier, so kann es mehrere Biographien in sich aufnehmen. Der klinische Begriff dafür mag Schizophrenie sein. Der literarische Sinn ist: eine Form des Erzählens zu finden, die dem von der Geschichte zersplitterten Ich die Illusion seiner Einheit erspart. Und dem Leser die Illusion, mit diesem Ich auf die Irrtümer der Vergangenheit von oben herabblicken zu können.

Claudio Magris

Claudio Magris.

(Foto: Foto: afp)

Die rote Fahne färbt sich in den Erzählungen Salvatore Cippicos mit dem Blut derjenigen, die sie schwenken. Im Spanischen Bürgerkrieg wie auf Goli Otok oder in den Lagern des Gulag sind es die Genossen selbst, die einander als Abweichler, Verräter, Spione verfolgen und vernichten. Über seinen Freund Ivo sagt Salvatore Cippico: "Ivo ist in Dachau umgekommen. Wenigstens hatte er das Glück, von der SS gefoltert und massakriert zu werden und nicht von den eigenen Genossen."

Seine Herkunft aus Tasmanien eröffnet Salvatore Cippico einen Echo- und Fluchtraum, der es ihm erlaubt, aus den Schrecken des zwanzigsten Jahrhunderts in die noch junge Welt der europäischen Moderne, in die Napoleonische Ära zu emigrieren. Bei den Antipoden ist er auf die Lebensgeschichte des Dänen Jorgen Jorgenson gestoßen, der von 1780 bis 1741 lebte, für kurze Zeit 1809 eine Art republikanischer König von Island war, ehe er von den Engländern als Sträfling nach Port Arthur, Tasmanien geschickt wurde.

Dem Meer verpflichtet

Jorgen Jorgenson ist eine historische Figur, so wie die Lager von Goli Otok historische Realität waren. Die Identifikation Salvatore Cippicos mit dieser Gestalt der Verschränkung von Abenteuer, Revolution, Seefahrt und Sträflingsdasein treibt nicht nur das monologisierende Ich aus seinem Goli Otok-Trauma heraus.

Sie erlaubt zugleich dem Autor, Claudio Magris, die Zeitgeschichte zu verlassen und sich in jene Welt zu vertiefen, die seit je der Fluchtpunkt seines Erzählens ist: das Meer. Denn Claudio Magris blickt zwar, wie in dem Buch "Donau" (1988), von Triest aus auf das historische habsburgische Hinterland. Aber sein Mitteleuropa ist auf die Küste ausgerichtet, es ist mediterran und maritim orientiert. Gern zitiert er die mythische Geographie, derzufolge die Donau mit einem Arm womöglich in die Adria mündet.

Eine der Quellen dieser mythischen Geographie ist die Argonautensage. Sie ist, in der Verschränkung von Goldenem Vlies und roter Fahne, die älteste Hintergrunderzählung im Redestrom des Salvatore Cippico. Alle Metaphern des Scheiterns, alle Bilder für die Irrfahrten der Kommunisten, alle Bilder, in denen sich der Untergang der Liebe in der Politik spiegelt, sind in diesem Buch der mythischen Verbindung des epischen Erzählens mit dem Meer verpflichtet: die Stürme und die Schiffbrüche, die Hafenkneipen und die Seemannskapellen, die herrischen Kapitäne und die weiblichen Galionsfiguren, die als erste den herannahenden Schrecken erblicken.

Wie Salvatore Cippico aber von der Revolution hat sich Claudio Magris von seiner Leidenschaft für die Literatur des Meeres verführen lassen. Weil er keinen Faden Seemannsgarn aus der Hand legen mag, der in seine private Universalbibliothek eingesponnen ist, verliert er nicht nur den Zeitroman aus den Augen, sondern auch den roten Faden, an dem der Leser sich im Wellengang des Monologs orientiert. Etwas schmaler wäre dieser Abgesang auf das zwanzigste Jahrhundert noch reicher.

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