Christoph Ransmayrs "Der fliegende Berg" Höhenrausch im Flattersatz

Zwei Brüder erklettern den Himalaya der Transzendenz und lernen sich dabei völlig neu kennen. In rhythmischer Prosa erzählt der österreichische Autor von Extremsituationen in karger Landschaft.

Von Ijoma Mangold

Der letzte Roman des österreichischen Schriftstellers Christoph Ransmayr, "Morbus Kitahara", eine apokalyptische Phantasmagorie, erschien 1995. "Die letzte Welt", das Buch, das von der Verbannung des römischen Dichters Ovid an die Grenzen der bewohnten Welt erzählte und dabei Vergangenheit und Gegenwart in eins fließen ließ, 1988. 1984 veröffentlichte Ransmayr seinen Debüt-Roman "Die Schrecken des Eises und der Finsternis" über die k.u.k.-Arktisexpedition von 1872 - vielleicht sein bestes Buch. Zwischen "Morbus Kitahara" und seinem jüngsten Werk, "Der fliegende Berg", liegen elf Jahre. Christoph Ransmayr ist, das kann man sagen, kein Viel-Schreiber.

In der kalten Wüste des Himalaya finden "Master Kaltherz" und sein Bruder zueinander: Blick auf den Nanga Parbat

(Foto: Foto: ap)

Natürlich ist er deshalb noch lange kein Patrick Süskind. Aber wer so selten auf der Bühne der Neuerscheinungen einen Auftritt hat, den umgibt die Aura des Geheimnisses. Diese Mischung aus Berühmtheit und Zurückgezogenheit, aus Erfolg und Ungreifbarkeit schürt die Erwartungshaltung von Lesern und Kritikern: Hier ist einer am Werk, der aus Tiefen schöpft, die nur ihrem eigenen Rhythmus gehorchen, der unter einem höheren Gesetz steht, kein flink-leichtfertiger Schreiberling, der im Zwei-Jahres-Takt routinierte Variationen seines Lebensthemas auf den Buchmarkt haut.

Ein letzter weißer Fleck, auf keiner Karte verzeichnet

Wessen Werke so langsam reifen, der muss Kostbares zu bieten haben. "Der fliegende Berg" ist ein sehr kostbares Buch. Man würde es im Bücherschrank eher dort einordnen, wo die großen Weisheitsbücher stehen, die heiligen Schriften, jene Werke, die nicht einfach Literatur, sondern Lebenssinn-Offenbarungen sind, arkanische Bücher, die das Geheimnis der Existenz ausloten und eine Erfahrung bezeugen, die nicht ganz von dieser Welt ist.

Natürlich tritt Ransmayr nicht in der anachronistischen Rolle des Dichter-Priesters auf. Und er würde zu Recht darauf beharren, dass das, was er in "Der fliegende Berg" erzählt, ohne allen Hokuspokus auskommt, sondern im Gegenteil höchst real, irdisch und handfest ist. Nur dass diese Irdischkeit mit einer Emphase beschworen wird, dass sie jederzeit in Spiritualität umkippt.

"Der fliegende Berg" erzählt von zwei ungleichen Brüdern, Liam und dem Ich-Erzähler, die zusammen auf einer kleinen Insel vor der Westküste Irlands leben. Beide verbindet die Faszination am Klettern, am Bezwingen steiler Felswände. Sie machen sich auf nach Osttibet, um dort, im Transhimalaya, einen Berg zu besteigen, den Phur-Ri, den Fliegenden Berg, von dem sie auf etwas unklare Weise annehmen, dass er noch auf keiner Karte verzeichnet sei, ein letzter weißer Fleck, der sich dem Zugriff des Menschen und der Satellitenaufnahmen bisweilen entzogen habe.

Mancherlei Hindernisse sind zu überwinden auf diesem Weg, denn die chinesische Besatzungsmacht möchte in dieser Region keine ausländischen Beobachter. Aber den Brüdern gelingt es, sich von einer offiziellen Exkursion nach Tibet abzusetzen, um sich im Land Kham einem Nomadenvolk anzuschließen und sich so ihrem geheimnisvollen Berg zu nähern.

Rhythmische Prosa im "Flattersatz" geschrieben

Der Ich-Erzähler verliebt sich dabei in die junge Nyema, die glücklicherweise Englisch spricht und außerdem als sogenannte Himmelsbraut praktischerweise mit jedem schlafen darf, ohne deswegen gesellschaftlich geächtet zu werden (eine soziale Praxis, die auf den Frauenüberschuss in diesem Nomadenvolk reagiert) - und Nyema weiß auch mancherlei mythologisch Tiefsinniges über diesen Berg, den Sitz der Götter, mitzuteilen. Schließlich wagen die beiden Brüder den Aufstieg auf den Siebentausender, aber nur ein Bruder kehrt zurück. Liam verliert sein Leben in einem Schneesturm.

Christoph Ransmayr hat für seinen neuen Roman eine besondere Form gewählt, die man rhythmische Prosa nennen kann. Vermutlich befürchtete er, dass diese Form als prätentiös empfunden werden könnte. Deshalb verwahrt er sich in einer kurzen Vorbemerkung dagegen, sein Werk als großes Gedicht aufzufassen, nur weil beim Schriftbild Strophenform und Zeilenbruch ins Auge springen. Es handle sich dabei, so erklärt Ransmayr in einer gewissermaßen anti-pathetischen Understatement-Formulierung, bloß um "Flattersatz" - und dieser, so schreibt er, "ist frei und gehört nicht allein den Dichtern". Na, wenn er meint.

Ob nun freier Vers oder Flattersatz: Trotz seiner rhythmisch durchgearbeiteten Sprache - und Ransmayr hat eine außergewöhnliche Sprachbegabung - hat das Werk nichts von der Objektivität des Epos. Es nimmt vielmehr den Tonfall, die Stimme einer esoterischen Kunst an: Die Weisheit dieses Buches ist keine für die Vielen, keine für den Marktplatz. Die unalltägliche Erfahrung, von der es Zeugnis ablegt, bedarf der unalltäglichen, ja sakralen Sprache. Die poetische Form nimmt als Gefäß eine Verwandlung in sich auf, die aus der Konfrontation mit dem mythischen Berg hervorging und die Ransmayr ausdrücklich als immanentes Liebesevangelium verkündet.

Aber was ist das für eine Sinn-Offenbarung? Das Prinzip, nach dem dieses Buch funktioniert, ist simpel. Es lautet: In menschlichen Extremsituationen fallen Immanenz und Transzendenz zusammen. Auch der Ich-Erzähler kämpft zweimal am Berg ums Überleben. Da heißt es: "Ich war müde, unsagbar müde. / Wollte liegenbleiben. / Liegenbleiben, schlafen. / Schlafen."

Die gewaltige Rückkehr der Gefühle

Was ist das für eine Müdigkeit: Eine konkrete oder eine metaphysische? Natürlich beides, weil man - so bedeutet einem dieses Buch unablässig - 7000 Meter über dem Meer zwischen beidem nicht mehr unterscheiden kann. Und so steigt der Erzähler immer höher und höher, als wäre Höhe Transzendenz: erkletterbare Transzendenz. Der Berg ist ein Religions-Surrogat.

Es ist die Intensität des Lebens in Extremsituationen, in der die Archaik der Gefühle in majestätischer Gewalt zurückkehrt und in der die Existenz plötzlich nicht mehr zufällig und kontingent, sondern notwendig und unbedingt ist. Wachen, Schlafen, Sterben. Der Schmerz, der Schwindel, die Ohnmacht. Die Nähe, die Ferne, das Meer und der Berg. Der Traum, die Müdigkeit, der Tod und die Liebe: Wie urtümliche Steinbrocken strukturieren diese Groß-Wörter an den Wurzeln des Lebens Ransmayrs Text.

Und vielleicht ist dies sogar das Unangenehmste an dem Buch: dass die existenzielle Notwendigkeit dieses Schreibens immer so penetrant durch jeden Satz durchschimmert - für Graf Bühl aus Hofmannsthals "Schwierigem" wäre "Der fliegende Berg" eine ganz und gar ungenießbare Lektüre: viel zu indezent, viel zu sehr Gefühlskraftwerk Ich. "Master Kaltherz" nennt der Ich-Erzähler einmal seinen Bruder. Er selber ist eindeutig ein Vertreter des genre sentimental.

Nach Kant entsteht das Erhabene immer dort, wo der Mensch in Konfrontation mit der überdimensionalen Natur seine eigene physische Ohnmacht zu spüren bekommt. In diesem Sinne ist Ransmayrs Buch eine einzige Erhabenheits-Zelebration, die "zwei verschwindend kleine Gestalten in den Felswänden" des Transhimalaya feiert, die ihre physische Bedrohung moralisch überwinden.

Einmal duscht der Erzähler in einem eiskalten Wasserfall: "Ich schrie und erschrak im selben Augenblick / über diese Stimme, die so tief aus meinem Inneren kam, / ohne dass ich auch nur einen Hauch meines Willens spürte." Der weiße Fleck auf der Landkarte, das ist ins Innere gewendet jene Region jenseits des Willens, wo tiefere Energien entladen werden. An den Grenzen der Menschheit erfährt man die Grenze des Menschen.

Aber erst an diesen Grenzen kann man auch die Liebe wieder entdecken. Die zu Nyema. Aber noch mehr die des Erzählers zu seinem Bruder Liam. Als der Erzähler nämlich während des Aufstiegs in einem fürchterlichen Schneesturm erkrankt und seine Lebensgeister ihn verlassen, da ist es Liam, Master Kaltherz, der seinen Bruder im Zelt in den Armen hält und ihn wärmt mit seinem Körper - eine brüderliche Pieta: deus caritas est. Und deshalb ist dieses Buch auch kein tragisches, obschon Liam in einem zweiten Schneesturm umkommt. Aber wichtiger ist eben, dass die Brüder in der Extremsituation ihres Abenteuers erfahren, dass sie etwas verbindet, was Ransmayr Liebe nennt. Man kann es aber auch Schmock nennen.

Christoph Ransmayr: Der fliegende Berg. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2006. 359 S., 19,90 Euro.