Bühnenbild Wagner steht Kopf

Der deutsche Großkünstler Georg Baselitz entwirft das Bühnenbild der Neuinszenierung des "Parsifal". Er beschäftigte sich schon in den Achtzigerjahren mit Richard Wagners Oper.

Von Egbert Tholl

Richard Wagner war wenig zimperlich, wenn es um die Mystifizierung seines eigenen Tuns ging. So beschreibt er in seiner Autobiographie "Mein Leben", wie ihm 1857 im Züricher Asyl die Uridee zum "Parsifal" kam: "Nun brach auch schönes Frühlingswetter herein; am Karfreitag erwachte ich zum ersten Male in diesem Hause bei vollem Sonnenschein: Das Gärtchen war ergrünt, die Vögel sangen, und endlich konnte ich mich auf die Zinne des Häuschens setzen, um der langersehnten verheißungsvollen Stille mich zu erfreuen. [...]Von dem Karfreitags-Gedanken aus konzipierte ich schnell ein ganzes Drama, welches ich, in drei Akte geteilt, sofort in wenigen Zügen flüchtig skizzierte."

Im Jahr 1857 fiel der Karfreitag auf den 10. April, jenes von Richard"Asyl" genannte Haus auf dem Grundstück seines Gönners Otto Wesendonck bezogen die Wagners, Richard und Minna, aber erst am 28. April des Jahres. Wo auch immer sich Wagner seine Karfreitagsinspiration erträumte, es war nicht dort. Oder nicht am Karfreitag. Egal. Bald darauf hatte er nichts besseres zu tun, als mit der Gattin seines Gönners eine sich flugs zum Skandal auswachsende Affäre anzufangen. Die fand dann zwar im "Tristan" und nicht im "Parsifal" ihren Niederschlag, aber zur Zeit von des "Tristans" Uraufführung war Wagner ja bereits damit beschäftigt, den Dirigenten selbiger zu betrügen und mit dessen Frau zu schlafen. Vielleicht kulminiert das dann alles, Mathilde Wesendonck und Cosima von Bülow und die Frage, wie man mit Gönnern und Freunden und deren Frauen umgeht, in den zwei Wörtern, die Kundry im dritten Aufzug des "Parsifal" sagt: "Dienen, dienen." Dem Genie.

1986 malte Baselitz "I Made Richard Wagner As A Woman". Hängt im Moma in New York

Es schadet angesichts der Größe von Wagners Musik nie, dahinter auch ein bisschen den - freundlich aufgedrückt - zweifelhaften Charakter ihres Schöpfers zu erspähen, der das eigene Werk als Ausrede oder extrem überhöhende Legitimation des eigenen Tuns benutzte. Als Künstler hat man noch andere Auswege. Georg Baselitz malte 1986 "Richard Wagner als Frau" - ein Bild, das ohne Titel rätselhaft bliebe - und schuf, nun deutlich besser verstehbar, zwei Jahre später "I Made Richard Wagner As A Woman". Hängt im Moma in New York. Darauf sieht man einen flüchtig skizzierten Frauenkopf mit längerem Haar, der - die Arme! - in den Gesichtszügen recht deutlich an Richard Wagner erinnert. Aber es ist eine Frau, verkehrtherum, weil Baselitz Ende der Sechziger Jahre begann, seine Bilder verkehrtherum zu malen. Man könnte auch auf die Idee kommen, er habe sie einfach richtigherum gemalt und sie beim Hängen umgedreht, aber das stimmt nicht. Wie auch immer. Jedenfalls verliert so auch ein konventionell gedachter Inhalt seine konkrete Aussage, das Bild wird abstrakt, gegenstandslos. Für manche entziehen sich dadurch Baselitz' Bilder aller Interpretierbarkeit, werden zu Objekten die man betrachten, aber nicht denken kann. Also leer. Was nun Wagner angeht, erklärte dies Baselitz im Interview mit dem Monopol-Magazin so: "Ich war bei Wagner immer etwas gespalten. Nach ein paar schönen ersten Takten wurden mir seine Opern meist unerträglich in ihrem Pathos. Andererseits kam ich als Sachse, als Deutscher, selbst als Europäer ja kaum vorbei an Wagner. Um mich dieser Überfigur zu stellen, habe ich - unabhängig von der Musik - versucht, diesen Mythos, diesen Mann vom Kopf auf die Füße zu stellen. Ich habe ihn als Frau deklariert und so gemalt und gezeichnet. [...]Und seit dieser Verschiebung funktioniert das mit Wagner." An dieser Stelle könnte man vielleicht noch ergänzen, dass Baselitz ein wahre Fundgrube an krachenden Zitaten wie "Frauen können nicht so gut malen" zu bieten hat.

Gleichwohl gilt er als einer der ganz großen deutschen Künstler und entwirft nun das Bühnenbild für die Neuinszenierung von Wagners "Parsifal". Schon einmal hat in jüngerer Zeit eine "Parsifal"-Premiere die Münchner Opernfestspiele eröffnet, das war 1995 und es war die grandiose Inszenierung von Peter Konwitschny.

Das Zitat aus dem Monopol-Magazin borgen wird uns übrigens schon deshalb aus, weil Georg Baselitz von der Bayerischen Staatsoper, die ihn gerade fürs Bühnenbild bezahlt, nicht zu einem Interview bewegt werden konnte. Immerhin beantwortete er ein paar Fragen per Email, aber da war er auch nicht gerade geschwätzig. Nun gut, der Mann denkt ja in Bildern. In dieser Hinsicht hat er Erfahrung mit dem Opernbetrieb. Seine erste Oper stattete er 1993 aus, Harrison Birtwistles "Punch and Judy" an De Nederlandse Opera in Amsterdam; der Regisseur damals wie nun in München: Pierre Audi. 2013 folgte das Bühnenbild zu György Ligetis "Le Grand Macabre" am Chemnitzer Opernhaus. Der größte Unterschied zum Arbeiten im Atelier war für Baselitz dabei, dass er mit vielen Leuten zusammenarbeiten musste, weil für die Oper nun einmal viele Menschen gebraucht werden. Aber er habe an den beiden Opernhäusern nur gute Erfahrungen gemacht.

Baselitz schaute sich viele Parsifal-Inszenierungen auf Video an: "Irres Zeug."

Aber nicht immer mit "Parsifal"-Inszenierungen. Unmengen davon habe er sich auf Video angesehen. "Irres Zeug können Sie da sehen. Oft stinklangweilig und kitschig." Baselitz ist 1938 geboren. Und stört sich, wenn Operninszenierungen Bezüge zur Gegenwart herstellen. "Eine Kundry, die wie Frau Merkel aussieht, ein Klingsor wie Donald Trump, das kommt bestimmt auch noch! Mir liegen solche Aktualisierungen ganz fern. Ich bin überhaupt nicht beschränkt in meinem Verständnis für Bühne und Oper, muss aber sagen, dass ich in meiner Studentenzeit in Berlin sehr geprägt wurde vom Theater Bertolt Brechts. Diese fantastische Einfachheit habe ich nie vergessen. Brecht hat die reinen Theatermittel benutzt. Heute soll immer alles großes Kino sein. Hollywood. Ich mag das nicht." Was die Vermutung zulässt, dass es im von ihm ausgestatteten "Parsifal" wohl eher karg zugehen wird. Allerdings mit einer Sängerbesetzung, die über jeden Stillstand hinwegtragen kann. Und dann sind ja noch Kirill Petrenko und die Musikerinnen und Musiker des Bayerischen Staatsorchesters.

Damals, bei Konwitschny, herrschte eine extreme Skepsis gegenüber der Formel "Erlösung dem Erlöser", ihr gegenüber standen traumatischen Männerphantasien und eine umfassend fatalistische Sicht auf das Bühnenweihfestspiel. Ein Baum, die Weltesche, sank, Papier flatterte. Fragt man nun Baselitz, inwieweit der Erlösungsgedanke in seiner Bildwelt eine Rolle spielt, erhält man eine trockene Antwort: "Die Erlösung steckt in der Musik. Mein Bühnenbild ist lediglich der unterstützende Rahmen dazu. Das hoffe ich zumindest."

In den Sechziger Jahren schuf Baselitz seine "Heldenbilder", die nichts Heroisches hatten, sondern verwundete, schutzlose und völlig desillusionierte Helden zeigten. Im "Parsifal" wird man daran vielleicht erinnert werden, jedenfalls meint Baselitz, im Bühnenbild, für das und auch die Kostüme mehr als 100 Zeichnungen entstanden seien, fänden sich Bezüge zu allen seinen Schaffensphasen. Erlösung spielt in keiner eine Rolle. Georg Baselitz: "Ich bin kein gläubiger Mensch. Der Stoff, mit dem ich arbeite, aus dem meine Bilder sind, ist die Kunst und die Kunstgeschichte selbst. Die christliche Religion handelt in alter Zeit im Mittelmeerraum. Wagner hat nordische Mythen verarbeitet, das widerspricht sich nicht. Engel kommen hier im Norden keine vor, die Erlösung aber schon - mit anderem Personal."