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Buchmessen-Rundgang:Die wahren Begegnungen

Hinter den Spiegeln: Ein Rundgang mit Lutz Seiler, der fast den Buchpreis bekommen hätte, über die andere Seite der Leipziger Buchmesse.

Leipzig hat nicht nur sein Gewandhaus und sein Völkerschlachtdenkmal - es hat auch seine Unorte. Die Straßenbahnlinie 16 hält auf halber Strecke zum Messegelände an der Haltestelle "Hornbach Baumarkt". Der Heimwerkermarkt ist die einzige Landmarke hier in der Vorstadt, und wenn die Streckenführung der Trambahn ein historischer Zeitstrahl wäre, dann hätten wir wohl jetzt gerade die Wende passiert, die Jahre der allgemeinen Obifizierung, als bei Hornbach der Do-It-Yorself-Kapitalismus die Grenze nach Osten überschritt.

Weiter draußen auf unserer Reise in die Gegenwart ist es nicht weniger surreal. Die Buchmesse ist ja auch eine Art Baumarkt mit ihren Produkt-Gassen, ihrem Spezialzubehör und ihren Warenpaletten. Und doch würde es uns nicht wundern, wenn die Endstation Lummerland hieße, märchenhaft sind die Kristallpaläste der Messe wie das versunkene Inselreich in "Jim Knopf".

Wobei man sich mit der insularen Lage nicht zufrieden gibt. Vor allem am Abend wird zum Landgang übergesetzt. Auf zahllosen Partys und Empfängen saugt sich der Buchmensch in der Innenstadt mit Leben voll, und die Frühlingsluft ist so nachtschwärmerisch lind, als wäre der Wettergott im Schriftstellerverband.

Da wackelt Günter Grass über den Augustusplatz, dort sitzt Dieter Moor beim Wein, Harald Martenstein hat sich schnell noch eine Süddeutsche gekauft, und die Lesung von Martin Suter beginnt mit einer Mikrofon-Panne. Ganz lustig, die Pantomime der scheiternden Sprechversuche und irgendwie wohltuend, weil man unwillkürlich denkt, es sollte viel mehr stumme Lesungen geben, als Ausgleich zum ubiquitären Stimmengewirr.

In den Hallen herrscht Marktschreierei und Verkaufsprosa, "world-wide-Klappentext", wie Nicholson Baker das nennt. Angesichts der Dauerbeschallung mit abgerundeten Werbeformeln, befällt einen die jähe Sehnsucht nach dem sorgfältigeren Umgang mit Adjektiven bei Lutz Seiler, mit dem wir hier verabredet sind.

Wenn wir ihn denn je finden im Labyrinth der Budengassen und Verbindungsröhren, zwischen all den tütenbepackten Schulklassen und Rollkofferkommandos, den Marketendern und Vereinsmeiern, Regalschreinern und Wahrsagerinnen, dem bunten Vogelschwarm, der sich auf dem Rücken des aus seinen Tiefen aufgetauchten Pottwals Literaturbetrieb niedergelassen hat, um das nährstoffreiche Plankton wegzupicken.

"Die Messe ist eine Parallelwelt auf Zeit", sagt Lutz Seiler, als wir ihn gefunden haben. Aber man könne sich dem ja auch verweigern und nur einsam vor sich hin schreiben. "Aber als ich zuhause aufgebrochen bin, habe ich noch mal ganz fest auf die Erde zwischen den Fichten geschaut und geschworen: Ich komme zurück".