Buch: "Taschenkalender des nationalen Widerstandes" Braune Brühe Tag für Tag

Der Kalender des NPD-Verlages liefert geistiges Rüstzeug für rechtsextreme Aktivisten. Man muss sich damit auseindersetzen. Denn die Texte in diesem Kalender sind alles andere als bierbräsig und glatzköpfig.

Von David Begrich

Im dritten Jahrgang bereits erscheint der "Taschenkalender des nationalen Widerstandes" im NPD-Verlag Deutsche Stimme. Das Konzept des Kalenders im A6 Format orientiert sich an den zahlreichen Gesinnungskalendern, die seit den siebziger Jahren von Friedens-, Ökologie- und Frauengruppen herausgegeben wurden.

Diese beschränkten sich nicht auf ein Kalendarium für das Jahr, sondern boten neben zahlreichen Servicefunktionen (wie Adressverzeichnissen alternativer Zeitschriften und Verlage) auch inhaltliche Beiträge zu ausgewählten politischen und kulturellen Themen, die den Nutzer über das Jahr begleiteten und ihn in seiner lebensweltlichen Identität zu bestätigten suchten. Diesem konzeptionellen Ansatz folgt der "Taschenkalender des nationalen Widerstands" und unterscheidet sich damit deutlich von den zahlreichen in rechtsextremen Verlagen erscheinenden so genannten "Jahresweisern", die sich im Stile der Wandkalender des frühen zwanzigsten Jahrhunderts Themen wie "Ritterkreuzträger" "Uniformen der deutschen Streitkräfte" oder "Landserporträts" widmen.

Das Cover des Kalenders setzt den zentralen Bezugspunkt rechter Geistesgeschichte ins Bild: Das Reich. Auf den Reichsadler läuft ein heller Lichtstrom zu, hinter dem die Zukunft beginnt. Eschatologische Naherwartung bedarf des Zeichens, das die Emotionen der Jünger zu wecken vermag. Das Symbol der Naherwartung einer nationalen Revolution im deutschen Rechtsextremismus ist der Reichsadler. Das Reich ist hier nicht nur als geschichtliches oder geographisches Faktum zu verstehen, sondern als überzeitlicher, transzendent existierender Ort, den es wieder aufzurichten gelte.

Distanzierung von der politischen Praxis

Die Aufmachung des Kalenders aus dem DS-Verlag darf man als behutsame popkulturelle Modernisierung der Ästhetik des eher traditionalistischen Flügels der extremen Rechten betrachten. Wer hier Nazikitsch erwartet, geht fehl. Denn die Bezugnahme auf die NS-Ästhetik im Layout ist eingebettet in eine sehr spezifische Rezeption der gängigen jugendkulturellen Codes durch die Redaktion des Kalenders, der sich nicht ausschließlich an junge Neonazis wendet.

Die namentlich zumeist nicht gezeichneten Beiträge setzen ein nicht geringes Vorwissen zur Ideologiegeschichte des Nationalsozialismus und der europäischen Faschismen voraus. Und die Autoren der Beiträge ergehen sich mitnichten in platter NS-Apologie. Vielmehr ist man um den Nachweis einer kohärenten Ideologiegeschichte eines "nationalen Sozialismus" bemüht, der sich von der politischen Praxis des Nationalsozialismus vorsichtig distanziert, und diesen mal von "links" mal von "rechts" kritisiert. Die im Kalendarium platzierten theoretischen Kurztexte werden von einem programmatisch antiamerikanischen Agitationstext angeführt, in dem die antiimperialistische Phraseologie mancher K-Gruppen nachhallt.

Die weltverschwörerische Sichtweise politischer Vorgänge bestätigt den rechtsextremen Leser in der Haltung, dunkle Mächte arbeiteten unentwegt am Untergang des authentischen Deutschtums. Ein Beitrag über die antisemitisch konnotierte Freiwirtschaftslehre Silvio Gesells soll das Argumentationsarsenal des rechten Antikapitalismus auffüllen. Bekanntlich wollte Gesell das Übel des Kapitalismus im Zinssystem erkannt haben, welches nicht nur in der NS-Ideologie mit "dem Juden" identifiziert wurde. Ein anderer Kurztext nimmt Werner Sombarts antiwestliche Affekte in Dienst und stellt Sombart als genuin völkischen Nationalökonomen vor.

Keinen Zweifel daran, wes Geistes Kind die Verfasser bei aller Binnendifferenz zum orthodoxen Nationalsozialismus sind, lässt ein Beitrag über Alfred Rosenberg aufkommen. Zustimmend wird aus einer Rede Rosenbergs aus dem Jahr 1932 zitiert, in der dieser die Europakonzeption der SS vorweg nimmt. Hier postulieren die Verfasser, es gelte die positiven Seiten des Nationalsozialismus zu entdecken, nachdem man bisher immer nur dessen dunkle Seite betrachtet habe. Demselben Tenor folgt einen Beitrag über des Stennes Putsch der SA. Hier suchen die Verfasser den Grund eines angeblich anderen, authentischen Nationalsozialismus.

Diffizil untersucht ein Text den "faschistischen Stil" Gottfried Benns, stellt sachkundig die Distanz des vormals expressionistischen Dichters zur NS-Rassenideologie dar, lobt seine an Marinetti orientierte Ästhetik. Dies alles zeigt, dass fehl geht, wer Neonazis immer nur intellektuelles Unvermögen attestiert und die Fähigkeit zur immer neuen Aktualisierung ihrer Ideologie abspricht. Entgegen der landläufigen Meinung gibt es in der Ideengeschichte der extremen Rechten keine Homogenität, wohl aber weit verzweigte Kontinuitäten.

Hilfsmittel für Pädagogen

Über den intellektuellen Ausflügen vergisst der Taschenkalender aber keineswegs den handfesten Gebrauchswert für den rechtsextremen Aktivisten. Ein Beitrag warnt vor den geheimdienstlichen Methoden des Verfassungsschutzes, ein anderer gibt Hinweise zum Verhalten auf Demonstrationen. Das schmale Kalendarium eines Tages lässt jedoch kaum Platz für eigene Einträge, da die Verfasser offenbar den Ehrgeiz hatten, keinen Geburts-oder Sterbetag auch nur eines Wehrmachtsgenerals, Ritterkreuzträgers oder deutschen Nobelpreisträgers, sofern er nicht jüdischer Herkunft war, auszulassen.

Im publizistischen Universum des deutschsprachigen Rechtsextremismus hat sich der Kalender zum Verkaufsschlager entwickelt. Angeboten wird er nicht nur von einschlägigen Neonaziversänden, sondern auch vom eher seriös auftretenden österreichischen Rechtsaußenblatt Die Aula oder der deutschen Nation & Europa. Pädagogen, die mit rechten Jugendlichen arbeiten, sei er zur Lektüre empfohlen. Hier kann sich erschließen, woher manche Argumente ihrer Schützlinge stammen.