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"Bild", Bonn und Kohl:In guten wie in schlechten Seiten

Ein Kanzler a. D., ein Medienmogul a. D. und ein Chefredakteur im Dienst - Helmut Kohl heiratete noch einmal und Bild macht ein privates Weltereignis öffentlich.

Ein kleines Rätsel am Anfang: Zu welchem Medium passen Beschreibungen wie "Die hohen Fenster der kleinen Klinik-Kapelle standen weit offen" oder "Matt glänzten die goldenen Eheringe"? Nein, diese Geschichte handelt nicht von einem jener Bücher, die in Selbstverlagen erscheinen. Sondern es geht um den aktuellen Aufmacher der auflagenstärksten Zeitung der Republik, um die Story "Die Kohl-Hochzeit" in Bild.

Helmut Kohl und Maike Richter Februar 2006 beim Opernball in der Alten Oper in Frankfurt.

(Foto: Foto: Getty)

Angekündigt wird sie wie einer der im Boulevardgenre handelsüblichen Exklusivstoffe ("Alle Fotos". "Die Feier". "Die Gäste". "Die Reden"). Und doch ist es ein denkwürdiges Stück Zeitgeschichte, das der Chefredakteur Kai Diekmann da auf seiner letzten Seite ausgebreitet hat. Er hat diese Zeilen zur Vermählung des Altkanzlers Helmut Kohl, 78, mit dessen langjähriger Lebensgefährtin Maike Richter, 44, nicht von einem seiner professionellen Hauslyriker drechseln lassen, nicht vom Seite-Zwei-Poeten Franz Josef Wagner oder dem Hundefreund Norbert Körzdörfer, auch nicht von Peter Bachér, dem größten Weichzeichner des Axel-Springer-Verlags. Diekmann schrieb vielmehr selbst auf, was er als Trauzeuge sah - und besonders viel war es nicht.

Auf einem der Bilder schaut er ins Innere, der Zweite von links in einer nüchternen Kapelle der Heidelberger Rehabilitationsklinik, in der sich Kohl seit Wochen von einem schweren Sturz erholt. Vor dem Brautpaar ist Monsignore Erich Ramstetter zu sehen, der Seelsorger der Familie, und dann sitzt da links noch der zweite Trauzeuge Leo Kirch, der im Text als "Medienlegende" beschrieben wird. "Still und würdig war die Stunde", erinnert sich Diekmann, der schreibende Trau-Reporter.

Es ist die Stunde guter Katholiken, die hier versammelt sind. Die Wehmut der Bilder lässt die alten Kämpfe vergessen, als Leo Kirch die Axel Springer AG partout erobern wollte und schließlich ausgerechnet vom Bild-Verlag ausgebremst wurde. Vergessen auch die öffentliche Aufregung um gut dotierte Beraterverträge, die Kirch dem Altkanzler Kohl nach dessen Amtszeit gab und die nach der Insolvenz des Fernsehunternehmers aufflogen. Hier wirkt ein Medienverbund der Gesinnung zwischen Kanzler a. D., Medienmogul a. D. und Chefredakteur im Dienst. Stille Andacht breitet sich über zwei Haupterscheinungen der späten Bonner Republik.

Kai Diekmann hat schon bei der Vermarktung der "Volksbibel" den bello cattolico abgegeben, damals, beim Empfang durch den Papst im Vatikan. Seine Zeitung mag gelegentlich vom rechten Pfad abgekommen sein und aus niederen Auflagegründen Sexgeschichten gedruckt haben, er aber bewahrt den Heiligenschein. Kohl war Trauzeuge bei Diekmanns Hochzeit, nun ist er an vorderster Stelle, wenn der einstige CDU-Vorsitzende heiratet. Als Helmut Kohl noch Kanzler war und mit seiner ersten Frau Hannelore am Wolfgangsee urlaubte, da schrieb schon der Mann von Bild häufig seine einfühlsamen Begleittexte. "Eine Luftmatratze schaukelt vorüber. Zwei junge Mädchen aalen sich darauf in der Sonne", beobachtete er bei einer gemeinsamen Bootsfahrt mit Kohl.

Nun sagt der Pfarrer via Bild: "Zwei sind besser als einer allein." Und Kohl erklärt: "Dies ist eine meiner glücklichsten Stunden." Es war eine sehr kleine Hochzeitsrunde, die sich da in Heidelberg zusammengefunden hat und die von der Straßenverkaufszeitung groß vorgestellt wird: Dazu gehören zwei Vertrauensärzte, der Pfarrer und Kohls Anwalt Stephan Holthoff-Pförtner, der zugleich Geschäftsführer des Medienkonzerns der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung ist. Liebe ist hier ein privates Weltereignis, nur die beiden Söhne Kohls vermisst man irgendwie auf den Bildern.

Als die guten Freunde Helmut Kohl und Leo Kirch noch mächtig waren, mieden sie bestimmte Medien. Kohl wetterte über "Sozen" in Sendern und von Kirch gab es viele Jahre kaum Bilder. Die moderne Mediengesellschaft freilich lässt nichts aus, schon gar nicht die Inszenierung eines späten Glücks unter dem Dach der Kirche. Nichts ist, was nicht in den Medien ist, sagt der italienische Populist Silvio Berlusconi. In Diekmanns Prosa heißt es: "Das Licht der Sonne fiel strahlend hell auf den Altar."

Sehr matt glänzte der Journalismus an diesem Tag.