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Biennale: Goldener Löwe für Rehberger:Wo ist mein Espresso?

Achtung, Stolpergefahr: Die Cafeteria von Tobias Rehberger ist ein Chaos aus Streifen und Punkten - und gewinnt den Goldenen Löwen in Venedig.

Am vergangenen Samstag, um zehn Uhr morgens, stand der Künstler Tobias Rehberger ziemlich hilflos und allein auf der Straße - "ohne Handy, ohne Geld, ohne frische Klamotten und ohne Hotelzimmer", wie er erzählt. Nachts zuvor hatte ihm der Leiter der Kunstbiennale in Venedig, Daniel Birnbaum, in einem Wassertaxi mitgeteilt, dass er noch einen Tag länger als ursprünglich vorgesehen bleiben müsse: Der 43-jährige Rehberger, das hatte die Biennale-Jury entschieden, sollte den Goldenen Löwen für den besten Künstler der Lagunen-Kunstolympiade entgegennehmen.

Tobias Rehbergers Cafeteria wurde auf der Biennale in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Es ist sein bislang größter Erfolg.

(Foto: Foto: dpa)

So richtig freuen konnte sich der Esslinger Künstler, der als Professor an der Frankfurter Städel-Akademie lehrt, aber nicht; er hatte Telefon und Geldbörse verloren. "Und das Schlimmste war", so Rehberger, "dass ich niemandem vorab von der Auszeichnung erzählen durfte!"

Doch Rehberger - tags darauf am Lagunenufer auf der Suche nach Hilfe - hatte Glück: Zufällig lief ihm der angesehene Kurator Germano Celant über den Weg, der gleichzeitig Direktor der Prada-Kunststiftung ist. Celant setzte alle Hebel in Bewegung: Er besorgte Rehberger ein Zimmer in der überfüllten Stadt, ließ seine Späher nach den Habseligkeiten ausschwärmen - und kleidete ihn höchstpersönlich neu ein. Nur zwei Stunden später waren Portemonnaie und Handy wie durch ein Wunder wieder aufgetaucht - und Rehberger gönnte sich auf den Schreck erst einmal einen Bellini-Cocktail in Harry's Bar.

Dass ausgerechnet Rehbergers Kunst-Aktion in Venedig, die Einrichtung der Cafeteria im zentralen Ausstellungspalast, mit dem Goldenen Löwen geadelt wurde, verwundert ihn selbst am meisten: "Darüber hatte ich keine Sekunde lang nachgedacht."

Die italienische Bar wird schließlich auf Dauer in dem Gebäude installiert, ist also ein Funktionsraum - wobei man den erst einmal als solchen erkennen muss: Das psychedelische Streifen- und Punkte-Design, dass sich über Boden, Möbel und Versorgungsrohre hinwegzieht, verwirrt die Sinne der Hungernden und Dürstenden so sehr, dass schon am ersten Tag der Biennale-Voreröffnung zwei Knöchelverletzungen zu vermelden waren - Achtung, Stolpergefahr. Rehberger besserte flugs optisch nach.

Kunst, sagt er, sei nicht nur zum Anschauen da - in seinen Environments bewegt man sich, sitzt darin, erfährt sie am eigenen Leib, als sensualistisches Spektakel. Den Fußballfan und Anhänger von Eintracht Frankfurt interessiert, wie die Gestaltung unserer Lebensumwelt ins kulturelle Gedächtnis einfließt - so bat er einmal thailändische Handwerker, europäische Automobil-Legenden aus der Erinnerung nachzubauen. Heraus kamen krude, faszinierende Bastard-Versionen des Porsche 911 oder des McLaren F1.

Rehberger lotet die Grenzen und Übergänge zwischen Kunst und Design neu aus - wie schon die Londoner Künstlergruppe der "Vortizisten" (von "Vortex", Wirbel) zur Zeit des Ersten Weltkriegs. Deren Begeisterung fürs Maschinelle und für eine energiegeladene Kunst ging so weit, dass einige der Künstler die Kriegsschiffe des Königreichs in Tarnfarben bemalten - eine zentrale Inspiration für Rehbergers Bar-Design, welches den Raum so sehr in kreuz und quer durchschießende Muster auflöst, dass man schon mal den eigenen Espresso nicht mehr wiederfindet.

Der Goldene Löwe von Venedig ist Rehbergers bislang größter Erfolg - zuletzt hatte 2001 ein deutscher Künstler ihn erhalten, Gregor Schneider. Doch das erste Restaurant, das Rehberger gestaltete, steht woanders, im Haus des Süddeutschen Verlags. Die "Raststatt Rio Bravo" in Münchens Osten mit der schillernden Farb-Leuchtwand ist - nachdem es anfangs gehöriges Stirnrunzeln gab - mittlerweile der beliebteste Ort des Hauses.

Das SV-Restaurant entsprang übrigens einem Kunstwettbewerb, dessen Teilnehmer nun großenteils in Venedig ausstellen - neben Rehberger etwa Liam Gillick, das Duo Elmgreen & Dragset oder Olaf Nicolai. Irgendwie hat es den Anschein, als würde Rehbergers psychedelisch strahlende Lichtwand in München derzeit etwas südlicher leuchten als sonst.

© SZ vom 9.6.2009/bey
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