Berliner Holocaust-Mahnmal Gestoppte Stelen

Die Arbeiten am Berliner Holocaust-Mahnmal wurden unterbrochen. SZ-Redakteur Lothar Müller diskutiert, warum. Dazu ein Leserforum

Von LOTHAR MÜLLER

Wer von der Aussichtsplattform aus einen Blick auf das Gelände des Mahnmals für die ermordeten Juden Europas wirft, der kann die ersten, noch verloren wirkenden Stelen nicht übersehen. Er sieht aber vor allem, wie viel noch zu tun ist, bis auf dem 19 000 Quadratmeter großen Areal die Leere durch das wellenförmig angelegte Feld aus mehr als 2700 Betonstelen ersetzt sein wird, das der Architekt Peter Eisenman entworfen hat.

Der Bau des Berliner Holocaust-Mahnmals ist unterbrochen worden, nachdem das Stiftungskuratorium beschloss, einen Auftrag an die Chemiefirma Degussa zur Lieferung eines Graffiti-Schutzmittels für die Stelen zu stornieren.

(Foto: Foto: dpa)

Aber die Arbeiten an der Stelen-Aufstellung ruhen. Am vergangenen Donnerstag hat das Kuratorium der Stiftung Holocaust-Mahnmal, dem unter Vorsitz von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse Vertreter von Bundesregierung, Senat, Jüdischer Gemeinde, der "Topographie des Terrors", der KZ-Gedenkstätten sowie Einzelpersonen angehören, einen vorläufigen Baustopp beschlossen. Grund dafür ist, dass die Firma efinger&albani, die mit der Oberflächenbearbeitung der Stelen beauftragt ist, für deren Anti-Graffiti-Imprägnierung ein Mittel der Firma Degussa verwendet. Während des Dritten Reiches gehörte zur Degussa jene "Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung", die das Giftgas Zyklon B an die Vernichtungslager lieferte.

Die Verwendung eines Degussa-Produktes beim Mahnmal-Bau, so die Mehrheit des Kuratoriums, sei den Opfern der Vernichtung nicht zuzumuten. Sie sprach sich dafür aus, eine andere Firma als Lieferanten für den Graffitischutz zu suchen. Weder hat das Kuratorium bisher seine Entscheidung öffentlich erläutert noch Degussa eine Stellungnahme abgegeben. Lediglich die Firma efinger&albani hat ihre Entscheidung für das Mittel Protectosil damit begründet, "dass es nach unserer Ansicht zur Zeit keine besseren bzw. gleichwertigen Oberflächenschutzprodukte auf dem Markt gibt" und betont: "Über den möglichen Einsatz dieser Produkte wurden alle beteiligten Stellen schriftlich informiert."

Schon jetzt lassen sich innerhalb wie außerhalb des Kuratoriums zwei Positionen in diesem Fall erkennen. Die eine kann und will in dem Mittel Protectosil nicht primär den verlässlichen Schutz des Mahnmals, etwa gegen rechtsradikale Parolensprüher, sehen. Das Zyklon B der Degussa-Tochter hat aus dieser Sicht das Protectosil der Degussa mit einer symbolischen Bedeutung kontaminiert, in der jede andere Eigenschaft des Produktes verschwindet. Wegen dieser Kontaminierung darf Protectosil die physisch-technische Aufgabe, das Mahnmal zu schützen, nicht übernehmen.

Nun ist aber, so die rivalisierende Position, Degussa nicht durch die Leugnung des eigenen Anteils an der Vernichtungsmaschinerie aufgefallen. Sie hat die Aufarbeitung der eigenen Firmengeschichte in Angriff genommen und in der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft zur Zwangsarbeiter-Entschädigung von Beginn an eine aktive Rolle gespielt. Das Mahnmal wird ausdrücklich von den Deutschen, den Nachkommen der Täter, für die Opfer errichtet. Weil die Vernichtung der Juden in bürokratisch-industriellen Formen vollzogen wurde, haben sich sehr viele deutsche Firmen kompromittiert. Soll man sie alle von der Errichtung des Mahnmals ausschließen?

Nach mehr als zehnjähriger Debatte hat der Bundestag im Juni 1999 den Bau des Mahnmals beschlossen. Weitere vier Jahre dauerte es bis zum Baubeginn. Nun droht nicht nur eine Verzögerung der eben erst begonnenen Arbeiten, sondern zugleich eine neuerliche Debatte. Lea Rosh, Vorsitzende des Förderkreises für das Mahnmal, sagte am Wochenende, mit einer Firma, die lediglich Knöpfe für SS-Uniformen herstellte, hätte man keine Probleme gehabt, bei Zyklon B aber sei "eine Grenze überschritten".

Das ist die pragmatische Zähmung des moralischen Rigorismus, dem der Baustopp entspringt. Ein konsequenter Rigorismus dürfte sich angesichts der Vielzahl von direkten und indirekten Profiteuren der Vernichtung nicht allein auf das Zentralsymbol der Vernichtung beschränken. Er müsste etwa dazu aufrufen, nicht im Mercedes-Taxi beim Mahnmal vorzufahren, da auch Mercedes von jüdischen Zwangsarbeitern profitiert hat.