Berlinale Mit offenen Augen

Regisseur Romuald Karmakar über seinen hitzig diskutierten Film "Die Nacht singt ihre Lieder".

Von Interview: Susan Vahabzadeh

Romuald Karmakar, 1965 in Wiesbaden geboren, hat mit dem Dokumentarfilm "Warheads" über Söldner vor mehr als zehn Jahren auf sich aufmerksam gemacht. Sein erster Spielfilm, "Der Totmacher" mit Götz George, eröffnete 1995 das Festival in Venedig. Nun läuft "Die Nacht singt ihre Lieder" nach einem Stück von Jon Fosse in den Kinos an.

"Für einen Stoff entscheidet man sich intuitiv" - Romuald Karmakar.

(Foto: Foto: AP)

SZ: Sie haben jahrelang an "Die Nacht singt ihre Lieder" gearbeitet - nun ging es bei der Berlinale turbulent zu. War es das wert?

Karmakar: Allein die Tatsache, dass ich den Film machen konnte, gegen alle Widerstände, begreife ich als ein Wunder. Dass er auf der Berlinale lief, ist etwas Besonderes. Dass ich es mit dem nächsten Film wieder schwer haben werde, ist ohnehin klar gewesen. Ich werde ein paar alte Leute verlieren und ein paar neue dazugewinnen - man entwickelt sich selbst immer weiter.

SZ: In Ihren Themenschwerpunkten haben Sie sich ja auf jeden Fall entwickelt seit "Warheads" und "Totmacher". Sie haben mal gesagt, Sie würden deswegen fast nicht mit Frauenfiguren arbeiten, weil es Ihnen damals schwer fiel, sie zu inszenieren. "Die Nacht singt ihre Lieder" ist um eine Frau herum inszeniert...

Karmakar: Ich habe auch gesagt, dass man dafür meines Erachtens ein gewisses Alter, eine gewisse Reife braucht. Ich weiß aber gar nicht, ob ich mit solchen Geschlechtsspezifizierungen viel anfangen kann. Bei einem Filmstoff, der einen zeithistorischen Kontext hat, ist es viel einfacher, nach einer Basis zu suchen, um einen Film draus machen zu können - "Die Nacht singt ihre Lieder" ist auf den ersten Blick eine klassische Liebesgeschichte. Man braucht Lebenserfahrung, um in dem Stück etwas zu entdecken, was einen ansteckt - selbst wenn man gar nicht so genau weiß, was es ist. Ich habe erst im Laufe der Produktion, und dann der Postproduktion, die wesentlich länger dauerte als der Dreh selbst, gemerkt, dass es vielleicht etwas mit mir zu tun hat und was es mit mir zu tun hat. Und Reaktionen von anderen bekommen - Freunde, die sagten: Meine Eltern waren zu Besuch, und das war genau so wie in deinem Film. Für einen Stoff entscheidet man sich intuitiv - und es ist in etwa so, als wenn man zum ersten Mal eine Frau sieht, und sie hat irgendetwas Besonderes, was einen anspricht, ohne dass man sie kennt.

SZ: Haben Sie Fosses Stück erst gesehen oder erst gelesen?

Karmakar: Ich habe es erst gesehen - und dann nachgelesen, ob ich das, was ich gesehen habe, wiederentdecke. Es ist bei uns inzwischen ungewöhnlich, ein Theaterstück zu verfilmen, dabei hat es in der Geschichte des Kinos ja eigentlich eine große Tradition. Im angelsächsischen Raum werden oft Stücke verfilmt, die mit Erfolg am Broadway oder im Londoner Westend gelaufen sind - man denke nur an Shakespeare und "Chicago".

SZ: In Amerika ist ja auch der Wechsel von Schauspielern zwischen Bühne und Film ganz normal.

Karmakar: Ja, und dieser Crossover zwischen Theater und Film gehört eigentlich zu den Grundfesten des Kinos. Bei uns ist das mit Fassbinder so gut wie verschwunden. Aber mit der Geschichte des Kinos befassen sich sowieso immer weniger Leute - was dazu führt, dass das, was unter Kino verstanden wird, nur noch ein Ausschnitt ist all dessen, was sich das Kino in hundert Jahren erarbeitet hat. Wenn du hingehst und andere Tasten dieser Klaviatur anschlagen willst, sagt jeder: Das ist doch kein Kino. Ich finde, dass in einem Kunstwerk das Verhältnis von Form und Inhalt sichtbar sein muss - was voraussetzt, dass es ein Verhältnis gibt. Ich will nicht schnell schneiden, damit es aufregend wirkt. Ich will schneiden, wenn es einen dramaturgischen Sinn ergibt. Und es gibt bei mir keine Nahaufnahme ohne Grund. Wenn in einem Text nach jedem Satz ein Ausrufezeichen steht, bedeuten die Ausrufezeichen am Ende auch nichts mehr. Das ist eigentlich selbstverständlich. Ich glaube ans effektfreie Kino, das wird aber immer schwerer zu realisieren.

SZ: Zur Zeit haben auch, das lässt sich schwer leugnen, düstere Geschichten keinen guten Stand.

Karmakar: Ich begreife meine Geschichten nicht als düster. Jeder sieht eben anders auf die Welt, und ich beschäftige mich mit Dingen, die die meisten ausblenden wollen. Und ich glaube aber nicht, dass man sie ausblenden kann, nur indem man die Augen schließt.