Benjamin R. Barber: "Consumed" Das Buch vom schrecklichen Kapitalismus

Wie der Markt Kinder verführt, Erwachsene infantilisiert und die Bürger verschlingt, will uns Bestseller-Politologe Benjamin R. Barber erklären. Ist das denn so?

Von Gert G. Wagner

Der US-amerikanische Politikwissenschaftler und Bestsellerautor Benjamin R. Barber will in seinem neuen Buch zeigen, "wie der Markt Kinder verführt, Erwachsene infantilisiert und die Bürger verschlingt". Barber ist Spezialist für und Propagandist der "Zivilgesellschaft". Für diese ficht er auch jetzt wieder. Eine Seite vor dem Schluss des Buches allerdings gesteht der Autor zu, dass einem die "globale Bürgerschaft", die er fordert, wie ein "utopischer Traum" vorkommen mag. Und weiter: "Ein Rezept für ihre Verwirklichung habe ich nicht".

Das Buch variiert eine einfache Grundthese. Sie lautet: Der Kapitalismus produziert immer mehr überflüssige Güter und Dienste und weckt durch Werbung und Markenprodukte ("Branding") den Wunsch, diese auch tatsächlich zu kaufen. Durch diesen "Konsumismus" geht uns die Zeit verloren, die wir bräuchten, um durch Gemeinwohl-Engagement nicht nur uns selbst, sondern die ganze Welt zu retten. Früher war alles besser: Da hat der Kapitalismus nur dafür gesorgt, dass Waren und Dienste möglichst sparsam ("effizient") und mit unvergleichlich steigender Produktivität hergestellt wurden.

Der klassische Kapitalismus diente gewissermaßen der Menschheit (zumindest der westlichen), während wir heutzutage dem globalisierten Kapital dienen. Und zwar einem böswilligen Kapital, das uns bewusst zu infantilisierten Konsum-Idioten macht. Der ungesunde Genuss von Fastfood und seichter Kinounterhaltung sind also keine unbeabsichtigten Nebenfolgen der kapitalistischen Entwicklung, sondern deren bewusste Strategie. (So Barber ausdrücklich auf Seite 19 - um dann allerdings auf Seite 217 das Gegenteil zu konstatieren: der "Konsumtotalismus" liege nicht an einer "Verschwörung des Kapitals").

Enzyklopädischer Schulbuch-Ehrgeiz

Im Detail ist das Buch ein Ärgernis, weil es jede Menge Widersprüche enthält und historische und zeitgenössische Fakten unterschlägt. Wahrscheinlich nicht aus bösem Willen; Barber hat bloß eine ausgesprochen US-zentrierte Weltsicht. Er übersieht unter anderem, dass Markenprodukte nicht erst im Kapitalismus erfunden wurden, sondern "Branding" von hochwertigen Lebensmitteln bereits vor Jahrtausenden in Mesopotamien und Ägypten praktiziert wurde. Sein lokales Weltbild hindert Barber freilich nicht - als vorbildlich belesenen Zögling des US-Bildungs- und Hochschulsystems -, ausgiebig weltgeschichtliches Name-Dropping zu betreiben: von Teddy Adorno bis Max Weber.

Und alles, was dazwischen liegt - in alphabetischer Ordnung: Aristoteles, Luther, Marx, Platon, Rousseau, Tocqueville, Trotzki, Voltaire. Lesenswert sind die wenigen Seiten über die von Barber gelobten Muster-Kapitalisten Jakob Fugger, John D. Rockefeller und Bill Gates. Aber der enzyklopädische Schulbuch-Ehrgeiz Barbers weckt den Verdacht, dass man sich auf die Darstellungen im Einzelnen besser nicht verlassen sollte. Ein Beispiel: Papst Benedikt wechselt bei Barber als Kardinal Ratzinger von München direkt in den Vatikan. Die Jahrzehnte als Kurienkardinal haben Barbers Rechercheure offenbar für nicht wichtig befunden.

Widersprüche: Barber betont immer wieder, dass der sinnlose Konsum seinen Landsleuten die Zeit stehle. Um aber auch immer wieder zu betonen, wie fleißig sie arbeiten. Hollywood verblödet uns - bringt aber laut Barber auch immer wieder Meisterwerke hervor. Und einer ur-kapitalistischen Erfindung wie "Starbucks" gesteht Barber zu, dass sie zur Verfeinerung des Geschmacks (zumindest der US-Amerikaner) beigetragen hat.