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Benefizfestival:Verschmähte Suppe

Rainer Hartmann geht mit Obertongesang in die Knie.

(Foto: Vollmond Konzertfotografie)

"Rage Against Abschiebung" im Feierwerk

Inmitten der Suppe schwimmt ein Mensch, auf den am Tellerrand Polizisten und Soldaten warten. "Wir essen diese Suppe nicht" ist die gezeichnete Szene übertitelt, die als Siebdruck Taschen, T-Shirts und Kochschürzen ziert. Der Siebdruck alleine habe den Veranstaltern des "Rage Against Abschiebung", ein Benefiz-Festival zugunsten der Flüchtlingsarbeit, ein weiteres Wochenende gekostet, verrät einer von ihnen, der als Löffel verkleidet auf dem Fest im Feierwerk auffällt. Jener Satz über die Suppe, den es sogar auf Babylätzchen gedruckt zu kaufen gibt, ist nämlich das Motto des diesjährigen Rages. Passend zum Motto brodelt vor dem Eingang zum Feierwerk eine Suppe in einem Topf auf dem aus Pappkarton geschnittenen Feuer. Einige Zutaten jener Suppe, die hier keiner auslöffeln mag, sind auf der Leinwand über dem Kochtopf zu sehen. Ein Video zeigt darauf unter anderem einen Pegida-Aufmarsch, auf dem Transparente mit menschenverachtenden Forderungen zu sehen sind. Auch deren Islamophobie und Rassismen wollen die Besucher des Rages entgegenwirken.

Die auftretenden Musiker, die ebenso übrigens wie die professionellen Türsteher auf ihre Bezahlung verzichten, scheinen nur die nette Ergänzung einer Zusammenkunft von Gleichgesinnten zu sein. So wie die Showeinlage auf einer Party, zu der man ohnehin gegangen wäre. Trotzdem hebt solche Showeinlage die Stimmung. Etwa, wenn Frontsänger Rainer Hartmann von Rainer von Vielen den Obertongesang in seiner deutschsprachigen Rockmusik entfaltet. Gerne unterstützen er und seine Band solche Projekte, sagt sein Gitarrist Michael Schönmetzer. Allerdings leben sie von der Musik, weswegen sie nicht immer umsonst spielen können. Häufig müssen sie Anfragen für Solidaritätsauftritte auch ablehnen, weil Veranstalter, die sie bereits gebucht haben, aus guten Gründen nicht wollen, dass Bands zeitnah zum gekauften Konzert weitere Konzerte in der Nähe spielen. Das Punk-Duo Klotzs aus Siegen nimmt es indes gelassener. Sie können ohnehin nicht von der Musik leben, sagt deren Sänger. Für den Rage zahlen sie sogar die Hotelübernachtung aus eigener Tasche, weil sie sich für die von den Veranstaltern organisierte Unterbringung zu alt fühlen, wie der circa fünfzigjährige Sänger sagt. Leider findet parallel zu deren mitreißendem Auftritt auf der zweiten Bühne des Festivals das Konzert des ebenso großartigen Wiener Schlagzeug-Gitarre-Duos Petra und der Wolf statt. Petra ist die Sängerin, die den Bandnamen schon als Solo-Künstlerin trug. Der Wolf sei der tägliche "Struggle", sagt sie, als sie mit den anderen Künstlern, Veranstaltern und Besuchern den Abend zur DJ-Musik im Café der Kranhalle ausklingen lässt.

Zufrieden blicken da alle auf einen Abend zurück, der stimmgewaltig mit dem Giesinger Bud Spencer Heart Chor startete, der diesmal dreißigköpfig Melodien aus Bud-Spencer-Filmen sang. Davon begeistert jubelt der Sänger der Münchner Punkband Zoo Escape Stunden später auf deren den Konzertabend abschließenden Auftritt noch immer über jene außergewöhnliche Chormusik. Die nicht verkauften Schürzen, T-Shirts und Taschen sind mittlerweile verpackt, um auf dem nächsten Rage Against Abschiebung am 26. Oktober im Rocket Club in Landshut angeboten zu werden. Mit Minipax, Mondstaubmaschine und DJ Grandhipster P ist der deutlich kleiner als das Münchner Fest. Seine Leidenschaft für eine gerechtere Welt ist allerdings genauso groß.

© SZ vom 04.10.2017
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