Aust und der "Spiegel" Frank und frei

Ein Symptom für Austismus? Es ist jedenfalls einigermaßen erstaunlich, dass sich ein leitender Angestellter wenige Wochen nach seinem Abschied über den alten Arbeitgeber so frank und frei äußert. Zumal im Falle Aust eine Abgeltung auf vertraglich zugesicherte Betätigungen in Höhe von 4,5 Millionen Euro geflossen sein soll. Bis Jahresende kann Aust nicht für Konkurrenzfirmen aktiv werden - dann aber könnte der Veteran so richtig loslegen. Das Cicero-Psychogramm ist ein Hinweis, dass er genau das tun will. Er erklärt dem Spiegel den Krieg. Er will noch einmal zeigen, was eine Harke ist.

Schröder in dessen ersten Kanzlerjahren regelrecht hofiert

An Selbstüberschätzung hat es Stefan Aust nie gemangelt. Er begriff sich als der von Spiegel-Gründer Rudolf Augstein Gesalbte, als Erbe des Systems Nachrichtenjournalismus. So gibt er in Cicero nun zum Besten, er habe sich nach seinem Abschied diszipliniert, "um des toten Rudolf Augstein willen, dem ich verpflichtet bin". Über den Tod hinaus, das klingt groß - so groß, wie die Rache der SPD in der Phantasie mancher vielleicht sein kann.

Schließlich hat Aust seinen langjährigen Duzfreund Gerhard Schröder in dessen ersten Kanzlerjahren regelrecht hofiert. Spätestens im Wahlkampf 2005 dann wechselte die Gunst in Richtung Angela Merkel (CDU). Der SPD-Mann erschien auf dem Cover - mit dem Untertitel: "Schröders letzter Freund".

Womöglich hat der geübte Reporter Wiedemann, der in seinen Stücke stets aufs Wunderbarste Bildhaftes einfügte, auch beim Blankeneser Terrassen-Talk den richtigen Zugang zur Seele seines einstigen Chefs gefunden. Vielleicht hat er tief in die Psyche seines Gegenübers geblickt. Schließlich hat Wiedemann Bücher geschrieben wie: "Die deutschen Ängste - ein Volk in Moll". Oder "Die Ängste der Welt". Er kennt sich aus mit Wichtigtuern, die in Wahrheit Angst haben.

Nur fünf Telefonate

Der Cicero-Autor lässt in seine Erzählung durchaus Mokantes einfließen. Er vergisst nicht zu erwähnen, dass Aust seinen Kritikern auch als "Chefredakteur für Deutschland" gegolten habe. Dass er "Enthüllungsgeschichten kastriert und forsche Redakteure gedeckelt" habe, und dass es in dem Zweieinhalbstunden-Gespräch nur fünf Telefonate gegeben habe - "ein Anruf von Murdoch, Burda oder Springer ist nicht dabei".

Autor Wiedemann resümiert, die Mehrheit der Spiegel-Redaktion wollte "lieber einen sanften und linken Chefredakteur, der die Welt nicht aus den Tiefen seiner Porsche-Sportledersitze betrachtete. Einen Chef ohne Springpferdezucht und ohne enge Beziehungen zum großen Geld."

Mag sein. Das alles ist wirklich schön geschrieben. Aber wie jemand glauben kann, die SPD habe Einfluss auf einen Bertelsmann-Manager wie Mario Frank, und überhaupt, wie sich diese Partei derzeit zu einer erfolgversprechenden Medienbeeinflussungsstrategie entschließen könnte - das bleibt nach diesem Intermezzo des deutschen Enthüllungsjournalismus rätselhaft.

Vielleicht sollten wir lieber nach dem Bernsteinzimmer suchen.