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Ausstellung in der Villa Stuck:Ach, du schöner Schein

Die Ausstellung "My Life On The Road" von Sylvie Fleury liefert ironische Einblicke in die überbordende Luxus- und Konsumwelt unserer Tage

Konsum, Mode, Luxus, Glamour. Eine schöne, heile Warenwelt - omnipräsent, essenziell für die Selbstdarstellung der Käufer. Lustvoller Konsum statt lebensnotwendigem Einkauf lautet die Devise, die Befriedigung von Fetisch und Freizeitvergnügen ersetzen die Erfüllung von Bedürfnissen. Bedürfnisse, die längst im Rausch der Sinne versunken sind. Die Warenwelt entwickelt sich immer mehr hin zu einer Luxuswelt. Was Einzelne sich spielend leicht leisten können, will die Masse auch haben. Und wer in der Realität nicht die Kaufkraft aufbringen kann, ergötzt sich an Tele-Shopping-Queens oder unternimmt alles, um mitzuhalten - bis hin zur heillosen Überschuldung. Hauptsache nach außen hin dazugehören, Teil sein dieser Glitzerwelt. Der schöne Schein, der unsere Zeit so prägt, er ist ein gefundenes Fressen für die Kunst, die sich lustvoll auf diese übervolle Tafel des Konsums stürzt - mit Ironisierung, Überzeichnung, Banalisierung.

Während Marcel Duchamp mit seinen Readymades den vorherrschenden Kunstbegriff radikal in Frage stellte, spielten Künstler der Pop Art wie Andy Warhol diese Position auf vielfältige Weise durch. Alles ist Kunst, alles ist Pop, alles ist Konsum und alles ist Glamour. Der Weg des "Anything goes" oder des "Yes to all" - wie Sylvie Fleury es mit ihrem Neonschriftzug ausdrückt - war eingeschlagen.

Fleury, die eigentlich keine Künstlerin sein wollte, reflektierter in ihrer Kunst zunächst auch nichts anderes als das, was sie zuvor im wahren Leben getan hatte - nämlich shoppen. Die Schweizerin, geboren 1961 in Genf, beschäftigte sich von Anfang an mit Luxus, Mode, Glamour und Markenfetischismus, wie ihre große Retrospektive unter dem Titel "My Life On The Road" in der Villa Stuck mit Arbeiten aus den vergangenen 25 Jahren zeigt.

Ironisch hinterfragt sie diese Themen, indem sie Einkaufstüten von Luxusmarken als Installation präsentiert oder einen überdimensionalen Parfümflakon, "C'est la Vie!", als Kunstobjekt stilisiert. Dieses Objekt - bereits aus dem Jahr 1995 - steht nun auch im Vestibül zu den Historischen Räumen der Villa Stuck und markiert das Entree zur Ausstellung, in der sich Fleury gezielt auch mit dem Luxus der Historischen Räume Franz von Stucks auseinander. Mit weiblichem Blick schaut sie zurück auf die prunkvolle Pracht des Malerfürsten aus dem 19. Jahrhundert - und auf die Marke Franz von Stuck. Denn nichts anderes war er: Ein großartiger Selbstvermarkter, der in seinem Bestreben nach einem Gesamtkonzept auch eine Luxusmarke schuf.

"First Spaceship on Venus".

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Im Laufe der Jahre hat Sylvie Fleury die Grenzen zwischen Konsumgut und Kunstobjekt vielfach verschoben. Einkaufstüten von Luxusmarken (immerhin doch Statussymbole), aber auch Alltagsprodukte wie Moonboots hat sie in Marmor oder Bronze verewigt und damit ihrer Flüchtigkeit enthoben. Einen Straßenmülleimer hat sie ebenso vergoldet wie Jane Fondas Stepper, einen Föhn als goldglänzenden Colt inszeniert und so dessen Wert ganz real erhöht. Aber Fleury geht auch den umgekehrten Weg, indem sie Luxusprodukte zerstören lässt.

Es ist ein Anblick, der manchen Frauen die Tränen in die Augen treiben dürfte: Chanel-Taschen, durchlöchert und aufgeplatzt, von Kugeln zerfetzt. Im Film ist zu sehen, wie mehrere Frauen, die Waffen im Anschlag, kraftvoll durchladen und losballern. In Slow-Motion-Einstellungen fliegen die leeren Patronenhülsen aus dem Lauf, während die Kugeln kurz darauf in ihr Ziel einschlagen und ein Werk der Zerstörung anrichten. Die jämmerlichen Überbleibsel hängen vor den Zielscheiben als Objekte an die Wand gelehnt - passenderweise im Schlafzimmer Mary von Stucks. Die Frage stellt sich, was bleibt vom Status der Marke? Ist die It-Bag trotz beinahe völliger Zerstörung nicht weiterhin ein Luxussymbol?

Fleury spielt gezielt mit diesen wechselnden Zuschreibungen. Auch wenn sie Karosserieteile ramponiert und als großflächige Wandobjekte ausstellt, Motorblöcke von Fünfzylindern in Bronze gießen und verchromen lässt und sie sodann als mythisch aufgeladene Objekte im Ankleidezimmer präsentiert. Überhaupt tauchen Autos immer wieder in ihrem Werk auf. Da die PS-starken Fahrzeuge ja nicht nur Statussymbole darstellen, sondern immer auch mit männlichem Potenzgehabe verbunden sind, geben sie eine wunderbare Projektions- und Reflexionsfläche ab für Fleury. Die Nobelkarosse als Kultobjekt, als Fetisch, inszeniert sie auch in der Videoinstallation im Keller, die - stammte sie nicht von einer Frau - sofort in die Sexismus-Tonne getreten würde. Indem aber eine Künstlerin mit den Kurven von Fahrzeug und Pin-up so konsequent sexistisch umgeht, gibt sie genau diesen Habitus der Lächerlichkeit preis.

Ähnlich funktioniert die Arbeit "First Spaceship on Venus". Die glitzernd-fleischfarbene Rakete, phallisch bis zum Umfallen, scheint das kleine Raucherzimmer - zu Lebzeiten des Hausherrn ihm und seinen männlichen Gästen vorbehalten - förmlich zu sprengen. Hier ist die Inszenierung perfekt gelungen: Der ganze Raum strahlt in vulvafarbenem Ton.

Etwas weniger gut gelungen ist das Arrangement im Alten Atelier und im Schlafzimmer Franz von Stucks, in dem sich die Arbeiten in ihrer Dichte an Wirkung nehmen, obwohl einzelne Objekte sehr gut in den Raum hinein inszeniert sind. Das ist auch deshalb schade, weil Fleury hier besonders intensiv auf die Luxusbezüge Stucks reagieren wollte. Die Arbeit "Eternal Wow On Shelves", eine Hommage an den Minimalismus eines Donald Judd im Pinselzimmer, wirkt hingegen großartig.

Wie eng Fleury sich für diese Ausstellung mit München beschäftigt hat, zeigt nicht nur die über weite Strecken gelungene Inszenierung, sondern auch eine Glasarbeit aus der Mayer'schen Hofkunstanstalt. Aus der Videosequenz "Car Wash" von 1995 hat sie Stills auf Glas arbeiten lassen. Autos, Schaum und Frauen - man meint das Ergebnis eindeutig vor sich zu sehen. Doch da hat man die Rechnung ohne Sylvie Fleury gemacht.

Sylvie Fleury. My Life On The Road, Museum Villa Stuck, Prinzregentenstr. 60, bis 3. Oktober, Di-So, 11-18 Uhr