Auftakt O Fortuna

Das neu konzipierte "Carl Orff-Fest Andechs & Ammersee" beginnt

Von Sabine Reithmaier, Dießen

Carl Orff und Luise Rinser, seine dritte Ehefrau, kauften sich 1954 ein Haus in Dießen am Ammersee, den "Ziegelstadel". Ein Traumhaus, wie Rinser anfangs fand. "Einstöckig mit hohem Giebeldach, die Ecken geschrägt, sodass alle Zimmer wie Erkerzimmer wirkten, ungemein gemütlich." Orff besaß kaum Geld, also steckte die Schriftstellerin ihre Ersparnisse in das Haus, pumpte ihre Mutter an, wandte sich an Zeitungen, um mit Reportagen und Rezensionen zusätzlich Geld zu verdienen. Die Ehe hielt trotzdem nicht lang; Rinser zog aus, Orff blieb mit seiner vierten Frau Lieselotte im Haus. Inzwischen gehört der Ziegelstadel der Carl-Orff-Stiftung. Am kommenden Sonntag, zwei Tage vor dem 123. Geburtstag des Komponisten, startet dort das "Carl Orff-Fest Andechs & Ammersee", freilich nicht im so authentisch wirkenden Arbeitszimmer Orffs, sondern auf der Wiese vor dem Haus.

Hinter dem etwas langatmigen Namen verbirgt sich eine Neuauflage der Andechser Carl-Orff-Festspiele, die 2015 nach 18 Jahren ziemlich abrupt endeten. Die Andechser Benediktiner, Träger des Festivals, verkündeten damals dessen Ende aufgrund "schwerwiegender und nicht mehr zu überbrückender Differenzen" mit der Orff-Stiftung, Nachlassverwalterin und zugleich der wichtigsten Geldgeberin der Festspiele. Entzündet hatten sich die Differenzen vor allem an der Person des Festivalleiters Marcus Everding und dessen Umgang mit dem Werk des Komponisten. Schon bald nach dem überraschenden Aus hatte Wilfried Hiller, Orff-Schüler, Komponist und Stiftungsvorsitzender, angekündigt, man werde versuchen, das Festival weiterzuführen.

Carl Orffs Arbeitszimmer in Dießen wirkt so, als würde er es jeden Augenblick wieder betreten.

(Foto: Marc Gilsdorf, Carl-Orff-Fest)

Eigentlich war die Neuauflage bereits für 2017 geplant gewesen. Doch das scheiterte, weil Hillers Partner, der Kulturveranstalter Florian Zwipf-Zaharia, der unter anderem den Garmischer Kultursommer organisiert hatte, mit seiner Firma Cultus Production im Jahr 2016 Insolvenz anmelden musste. Inzwischen hat er sich finanziell konsolidiert und verantwortet mit seiner neuen Firma "Arte-Musica-Poetica" nun das Fest. Seinen Job als Intendant des Füssener Festspielhauses, den er seit Anfang 2016 innehatte, hat Zwipf-Zaharia Ende Juni aufgegeben. Das zusätzliche Jahr haben er und Hiller nun genutzt, um das Konzept noch einmal zu überarbeiten.

Verblüffend und, was das Publikumsinteresse betrifft, auch ein wenig gewagt ist, dass nicht die Aufführung von Orffs berühmten szenischen Werken im Mittelpunkt steht. Seinen Stücken werden Kompositionen von Vorbildern, Lehrmeistern, Partnern und Schülern gegenübergestellt. "Uns geht es darum, Orff in der ganzen Bandbreite darzustellen, zu zeigen, was ihn beeinflusst hat", erläutert Hiller. Oder wie Orff seine Schüler beeinflusste, Hiller, aber auch Wilhelm Killmayer. Von beiden werden in der Auftaktveranstaltung Chorwerke zu hören sein. Orff ist mit seinem berühmten Chorsatz "O Fortuna" vertreten, aber auch mit einer Intrada für japanische Trommeln - "er war der erste, der japanisches Schlagzeug in die Musik eingeführt hat" (Hiller) - oder einem Epilog für Sprecher und Schlagzeug nach Bert Brecht.

Am 8. Juli startet dort vor dem Ziegelstadel das Carl-Orff-Fest, an dessen Konzept auch Wilfried Hiller mitgewirkt hat.

(Foto: )

Ein wenig seltsam mutet die Zweiteilung des Festivals an, die, so Zwipf-Zaharia, der Fußballweltmeisterschaft geschuldet ist. Nach dem Auftakt geht es erst vier Wochen später im August weiter, dann aber an verschiedenen Spielstätten. Neben Andechs und Dießen finden in Weßling, Schondorf und Eresing Konzerte statt. In der Klosterkirche St. Ottilien (8. August) stehen sich Bachs Goldbergvariationen und der Orff-Kanon aus dem "Spiel vom Ende der Zeiten" gegenüber. Interpret an der Orgel ist Hans-Jörg Albrecht.

Amüsant könnte auch die gemeinsame Spurensuche der Hip-Hop-Band Einshoch 6 und der Symphoniker werden, die den musikalischem Kosmos Orffs erforschen und sich fragen, welche Musik ihn berührt und beeinflusst hat (11. August, Florian-Stadl Andechs). Und im Konzert "Das Weltenrad dreht sich" (9. August, Florian-Stadl), begegnet Orff Bach, Bartok, Ravel und Georg Crumb. Sein berühmtestes Werk, die "Carmina Burana", kommen natürlich auch vor: in einem Hip-Hop-Workshop für Jugendliche im Weßlinger Pfarrstadl.

Carl Orff-Fest Andechs & Ammersee, So., 8. Juli, und 8. bis 12. August, Infos: www.carl-orff-fest.de