Ars Electronica Menscheln in Digitalien

In Linz tummeln sich die heimeligen Bits: Die Ars Electronica zeigt die Emanzipation der Computerkunst. Elektronische Kunst wird von nun an menschlicher, wärmer, anrührender.

Von Bernd Graff

Alljährlich, um die erste Septemberwoche herum, fallen Teile der Welt aus dem Raum-Zeit-Kontinuum. Vergangenheit und Zukunft mischen sich, aus "hier" wird "dort".

Eigentümlicherweise irritieren diese Unfälle aber kaum noch jemanden, und es wundert auch niemanden, dass die frühherbstlichen Störungen immer die oberösterreichische Stadt Linz treffen, inzwischen zum 26. Mal in Folge. Ja, tout-le-Linz nennt die kleinen Aussetzer Ars Electronica, und man sieht zu, dass man weiter kommt.

Doch so schlimm wie heuer hat es das Donaustädtchen in all den Jahren nicht erwischt. Der Hauptplatz im Zentrum mutet an wie ein aufgelassener Elefantenfriedhof. Tundra, Wüstenei und ausgebleichte Knochen. Dominiert von einem Skelett, das wie ein genetischer Auffahrunfall von Eiffelturm und Brontosaurier aussieht.

Wenige Mutige wagen sich heran - und erschrecken jäh. Denn mit einem Fauchen hat sich der knöcherne Körper erhoben, hat ein Paar skurriler Flügel ausgebreitet und bewegt sich nun im Krebsgang auf absurd filigranen Beinchen über die Zentrumssteppe. Ein bizarres, dabei hochkoordiniertes Unterfangen, das man dem untoten Ungetüm nicht zugetraut hätte.

"Strandbeest" hat der Niederländer Theo Jansen seine am Computer entworfenen Kreatur denn auch getauft. Normalerweise verunsichert sie die Küsten um Scheveningen. Denn dort ist es flach, weit und windig. Und Wind, genauer die in Plastikflaschen gespeicherte Druckluft ist es, was sein Biest antreibt. Und die zischt eben, wenn sie entweicht. Ein Geräusch, das unmittelbar an das Fauchen wütender Kakerlaken erinnert.

Dass man in Linz zu diesem Vergleich kommt, liegt daran, dass der Kanadier Garnet Hertz im Brucknerhaus, also dort, wo die Tagungen der Ars Electronica stattfinden, eine Küchenschabe für die Kunst gewinnen konnte. Das mit jedem Jahr blümeranter werdende Motto der diesjährigen Veranstaltungen lautete: "Hybrid. Living in Paradox."

Und wohl darum massakrierte Hertz die Schabe zum "Bio-Roboter". Als solcher eiert sie durchs Tagungszentrum und sorgt nur deshalb nicht für hysterische Schreie, weil sie es auf einer kindshohen Geh-Hilfe tut. Das muss man sich so vorstellen: Eine Computermaus wurde umgedreht und geschreddert. Übrig blieben von ihr der Ball und die Steuerungssensoren, welche jede Ballbewegung erfassen und dann technisch verstärkt auf die Räder des Schaben-Rollis übertragen - das Cockpit der Cockroach.

Die Kakerlake wird also wie ein Drachenflieger über den Ball gespannt, und jedes Zucken und Zappeln ihrer Beine bewegt den Ball - und in Folge die Räder. So holpert das Ganze denn eher richtungslos dahin. Wenn die Kakerlake dazu keine Lust mehr hat, faucht sie eben. Und dann muss Garnet kommen und sie auswechseln. Die Frage also lautet vermutlich: Wer von beiden ist hier der Bio-Roboter?

Hertzliche Hybris

Doch ist das diesjährige Festival - unabhängig von solchen Monstrositäten - als ein Meilenstein in der Geschichte der computertechnisch inspirierten Kunst zu werten. Die Ars Electronica 2005 belegt, dass die Zeit des reinen Experimentierens und schnellen Vorzeigens aus Freude an Technik, die Zeit der Erstaunen heischenden Digital-Akte vorüber sind. So absurd es klingen mag: Elektronische Kunst wird menschlicher, wärmer, anrührender. Und das Medium ist sich nicht länger einzige Botschaft.

Nichts belegt die Humanisierung der kalten Schaltungen besser als die mit dem Prix Ars Electronica gekürte Arbeit des Polen Tomek Baginski. Er hat mit "Fallen Art" einen melancholischen Animationsfilm geschaffen, der ebenso bitter wie blutig wie böse die Absurdität des Krieges versinnbildlicht. Komplett am Computer realisiert, zeigt der Kurzfilm das martialische Töten als Choreographie für die Daumenkinos der Generalität. Ganz anders die Vorgehensweise des Österreichers Martin Mairinger.

Er verwendet in seiner Aktion "Used Clothes" funkende RFID-Chips einmal nicht, um Produkt- und Vermarktungs-Informationen seiner Textilien, sondern um die Geschichten der Kurzzeitträger seiner gebrauchte Klamotten zu sammeln. Die Koreanerin Jee Hyun Oh hat einen elektronischen Garten angelegt, in dem leuchtende Pflanzen ihre Handy-Gespräche symbolisieren. Anrufe lassen die Gebilde sanft schaukeln, ihr unterschiedliches Glimmen symbolisiert die Dauer der Gespräche.

Gleich neben der Kakerlaken-Piste haben die Deutschen Pascal Glissmann und Martina Höfflin synthetische Minikreaturen, so genannte Elfs (Electronic Life Forms), in einem Hain ausgesetzt, die dort solar betrieben zirpen, summen, wackeln, dass einem warm ums Herz wird. Daniel Lee, ein New Yorker chinesischer Abstammung, nutzt den Computer ebenso selbstverständlich zur Bebilderung seiner ganz persönliche Interpretation der Evolution wie die Österreicher Ursula Hentschläger und Zelko Wiener.

Sie lassen das aktuelle Informations-Zeitalter auf eine antike Mythenwelt prallen, zeigen Götter neben Spritzbeton und verwehen alles zu Bits und Pieces. Um daraus so etwas wie die metaphysische Obdachlosigkeit der Gegenwart abzuleiten? Egal wie: Die Künstler setzen an, sich aus der Bevormundung und Umklammerung durch Technik zu befreien, in der sie lange Zeit wie in Duldungsstarre verharrten.

Wohl auch darum gehörte das Seminar: "Hertzblut", das sich den aufregenden Fragen widmete, inwieweit Maschinen menschliche Gefühle verstehen und reproduzieren können, zu den bestbesuchten des Festivals.

Man mag all diese Strategien zur Erstellung und Vermittlung von Inhalten durch hoch technische Medien als "Ausdruck eines wachsenden Bewusstseins für den Hybridzustand der globalisierten Kultur" auffassen, wie es Derrick de Kerrickhove tut, der diesjährige Symposion-Leiter.

Man kann hinter dem sich daraus logisch ableitenden Synkretismus in den Formen aber auch den Willen zur Wiedererlangung der künstlerischen Souveränität über die Mittel erkennen. Ein Wille, dem es egal ist, ob man ihn gerade hybrid nennt oder der Hybris zeiht. "Hertzlich" egal, muss man sagen.