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ARD: Start von "Anne Will":Wo, bitte, geht's hier zum Gespräch?

Deutschland hat eine neue Sonntagstalklady - doch von einer Glanzmarke ist "Anne Will" weit entfernt. Vermisst wird in der ARD einer wie Günther Jauch.

Where'd all the good people go?/ I've been changing channels/ I don' t see them on the tv shows (Jack Johnson, "Good People", 2005)

Wer etwas wissen wollte über die Journalistin Anne Will, der hatte in den vergangenen Wochen reichlich Gelegenheit, mit ihr durch Berlin zu joggen (Spiegel), ihre angeblich "unbekannte Seite" zu entdecken (Zeit) oder sich von ihrem ARD-Talkkollegen Reinhold Beckmann auf eine angeblich ganz neue Fernsehzeit einstimmen zu lassen: "Jetzt wird Berlin erobert - und auch die Politik."

Gemessen an dem munteren Aufgalopp war die Premiere der neuen Sonntagstalkshow "Anne Will" im Ersten Programm ein eher bleiernes Kammerspiel, das im redlichen Bemühen um Redekultur auch nicht mehr erbrachte als ein Stückwerk voller Phrasen. Das aber hatte man bei Sabine Christiansen schon, die an diesem Sendetermin fast zehn Jahre lang Gäste empfangen hat und es dabei immerhin so weit brachte, dass Politiker ihren nationalen Spätschoppen als eine Art "Ersatzparlament" würdigten.

Von daher war das Interesse an der Novizin Anne Will groß, die wie ihre Sonntags-Vorgängerin bei den "Tagesthemen" gewirkt hatte. Doch der Drang, es besser zu machen als die oft bespöttelte Talklady Christiansen im beigen Kostüm, hat erkennbar die Möglichkeiten der sportiven Nachfolgerin limitiert.

Hilfe! Was sagen die Kärtchen?

Sie war am ersten Tag ihrer neuen TV-Karriere nicht bei sich, sondern mehr bei ihren Moderationskärtchen, die irgendeine nächste Frage liefern sollten, wo doch schon ein bisschen Aufmerksamkeit genügt hätte, um die verschiedenen Positionen der Hauptgäste Kurt Beck (SPD), Jürgen Rüttgers (CDU), Margot Käßmann (Landesbischöfin) und René Obermann (Telekom-Chef) auszuarbeiten und in Beziehung zueinander zu bringen. Es wäre das entstanden, was man Gesprächsfluss nennt - was bei einem Thema wie "Rendite statt Respekt: Wenn Arbeit ihren Wert verliert" eigentlich auch gelingen kann.

Dabei waren die Voraussetzungen gut. Die kühle Kugel, in der noch Sabine Christiansen ihre wöchentliche Runde leitete, ist in Berlin ersetzt worden durch ein angenehmes Studio, dessen schickes Design und warme Farben Atmosphäre herstellen. Einzelgespräche mit Betroffenen und Experten auf einem weißen Sofa lockern die Dramaturgie auf, und statt der vorzugsweise sechs Diskutanten von "Sabine Christiansen" nimmt die neue Gesprächsleiterin mit vier Gästen vorlieb.

Weniger kann mehr sein - aber nicht, wenn sich die Anwesenden nicht miteinander unterhalten und wenn sie dazu auch nicht angehalten werden. Die Redeanteile von Konzernchef Obermann ("Eigentum verpflichtet") und Bischöfin Käßmann ("Die Angst vor Arbeitslosigkeit ist groß") waren insgesamt gering. Es dominierte SPD-Chef Beck, der eine Menge Probleme mit dem sozialdemokratischen Bewusstsein in seiner Partei hat und die Agenda 2010 weder ablehnen noch zu laut verteidigen möchte. In dieser TV-Runde wollte der Pfälzer offenbar zeigen, dass er sich auf dem Sozialpfad der Tugend partout nicht vom Christdemokraten Rüttgers überholen lässt. Erschwerend war für ihn, dass ihm in der eigenen Partei akuell die "Fernsehtauglichkeit" abgesprochen worden ist.

"Stimmt nicht!" - "Nein, Murks!"

Geradezu biestig versuchte Beck den nordrhein-westfälischen Landeschef vorzuführen ("Stimmt nicht!"), die Ablehnung des Mindestlohns durch die CDU zu thematisieren sowie die Kindergartenpolitik von Rüttgers madig zu machen. Der konterte schon mal mit dem Sätzchen, da habe jemand Herrn Beck etwas Falsches aufgeschrieben und nannte die von Rot-Grün auf den Weg gebrachten Hartz-IV-Gesetze schlicht "Murks".

Auch solche Scharmützel konnten freilich die müde Stimmung im Studio nicht auflockern. Das war ja nur, erkannten alle, der alte Alibi-Zwist der Christiansen-Zeit, das Duell auf Knopfdruck. Erkenntnisgewinn: Nach wie vor nahe Null. Eindrucksvoll waren nur die Schilderungen einer ostdeutschen Call-Center-Mitarbeiterin, die jeden Tag viele Kilometer für 1000 Euro Monatslohn fährt. Da war endlich einmal die soziale Realität im Medium Fernsehen angekommen.

Anne Will kontrastierte die Erlebnisse der Sächsin mit den vollmundigen Angela-Merkel-Worten von der Erfolgsgeschichte des deutschen Aufschwungs. Freilich fehlte es - jenseits solcher zurechtgelegter Provokationen - in Wills Auftaktsendung erkennbar an journalistischer Präsenz, auch an Intuition, um diese neue Talkshow wie geplant zu einer Glanzmarke zu machen. Von einer neuen Gesprächskultur jedenfalls, die der ARD-Vorsitzende Fritz Raff versprochen hatte, war ebenso wenig zu sehen wie vom Versprechen der Moderatorin, ein Thema für die Woche zu setzen.

Nun weiß die Republik also dank der vielen Vorabberichte zwar alles über die Laufkünste der Anne Will und ihren Taxi fahrenden Bruder, doch wie Anne Will aus "Anne Will" einen guten Polittalk machen will, das weiß sie noch nicht. Schaun wir mal, dann sehen wir mal! An diesem Format, an dieser Marke - also an der Talkmasterin - muss noch gearbeitet werden. Anne Will muss in diese Schuhe hineinwachsen.

Die ARD selbst freut sich über 5,04 Millionen Zuschauer (Marktanteil 18,2 Prozent) - die Zahl ist freilich angesichts des Premiereneffekts nicht besonders hoch und bleibt unter Christiansen-Spitzenwerten. In eigener Sache verbreitet ARD-Programmdirektor Günter Struve Jubel-PR: "Anne Will war eine überzeugende Gastgeberin. Diese Resonanz übertrifft meine Erwartungen bei weitem." Volker Herres, NDR Programmdirektor Fernsehen, wählt sogar den Cäsaren-Ton "Sie kam, sah und siegte... Mit Anne Will bleiben wir die erste Adresse für den Polittalk im deutschen Fernsehen."

Das Problem ist, dass alles an einer Person hängt, die mit einer eigenen Firma diese Sendung aufbereitet. Wenn der Star nicht irgendwann einmal sonntagabends locker wird, dann könnte diese Show scheitern. Wie aber soll Anne Will bald locker werden, da die Chefredakteure auf mehr Qualität und die Programmdirektoren auf eine Quote von mindestens Christiansenscher Güte drängen werden? Und wo zudem mit Frank Plasberg im eigenen ARD-System jemand bereitsteht, mittwochs zu zeigen, wie Polittalk funktioniert?

Sagen wir es so: Es handelt sich wirklich nicht um das Hochamt des Fernsehens oder um ein Ersatzparlament, sondern nur um eine Gesprächssendung unter Kamerabeobachtung. Doch was ist in diesen Zeiten schwieriger als ein gutes Gespräch zu führen?

Was aber wäre gewesen, wenn der bei RTL in vielen Jobs erprobte Günther Jauch am Sonntag auf dem Eierschalenstühlchen von Anne Will gesessen hätte? Der Mann von "Wer wird Millionär?" war ja bekanntlich die erste Wahl der ARD-Granden, ehe er absagte. Nun, Jauch hätte vermutlich seine Kunstpausen eingelegt, die Augen gerollt, zwischendrin gelächelt, zuweilen eine Spur zu naiv nachgefragt und schließlich irgendwelche Schlüsse gezogen, die auf- oder angeregt hätten. Die Grabesstimmung im Studio wäre lebhafter Anteilnahme gewichen, auch bei den Zuschauern. Aber das ist nur so eine Vermutung. Vielleicht auch Fiktion.

Wie hatte Anne Will zur Süddeutschen Zeitung so schön formuliert: "Letztlich liegt es an mir", sagte sie, "das ist schon so".

© sueddeutsche.de
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