Annie-Leibovitz-Ausstellung Wer ist denn nun der Star?

Pop und Politik, Macht und Glamour: Fotografin Annie Leibovitz inszeniert angezogene Nackte und die Queen ohne Krone - und kommt den Stars näher als ihrem eigenen Leben. Eine Ausstellung in Berlin.

Von Georg Diez

Was hat es eigentlich zu bedeuten, wenn die Starfotografin nicht deshalb so heißt, weil sie Stars fotografiert, sondern weil sie selbst der Star ist? Hundert Kameras schwenken durch den Raum, kämpfen um das Bild, verhaken sich.

Lässt den Betrachter nicht an sich heran: Starfotografin Annie Leibovitz.

(Foto: Foto: ddp)

Aber wo ist denn nun der Star? Johnny Depp ist da, er liegt angezogen auf der nackten Kate Moss. Isaac Stern ist da, der in seinem karierten Hemd wie ein Gärtner ausschaut und seine Geige in der Hand hält als sei es die Heckenschere. Tony Curtis und Jack Lemmon sind auch da, sie haben sich verkleidet wie damals für "Manche mögen's heiss". Sogar eine Marilyn ist da, sie hat einen schönen, alten Körper. Sie schaut uns direkt an. "Es war so, als sei die Kamera gar nicht da", sagt Annie Leibovitz über den Moment, als sie ihre Mutter fotografierte. Und natürlich ist so etwas, ganz romantisch gesehen, das ideale Bild.

Ist es das? Wenn Annie Leibovitz da wäre, könnte man sie das fragen. Aber es stehen nur hundert Berliner Fotoreporter herum, die auf die Königin warten, im alten Postfuhramt, wo die Mauern bröckeln und "c/o Berlin" die Leibovitz-Schau "A Photographer's Life 1990-2005" zeigt. Fotografieren sie sich eben selbst. Wie traurig, wie überflüssig das dann auf einmal wirkt: Fotografie, das Spiel von Nähe und Distanz, der Tauschhandel von Privatheit und Pose.

Im Grunde braucht man Annie Leibovitz leibhaftig auch gar nicht, ihr Leben erklärt sich aus den Bildern - das ist die These dieser Ausstellung, die Familienporträts dem Starcover gegenüberstellt, die zeigen will, wie der Leibovitz-Blick funktioniert. Also sieht man ein Bild des Himmels über Paris mit den Steinstatuen der alten Oper und gleich daneben den Himmel über Amerika mit einem Mikhail Baryshnikov in Tanzpose. Also hängen dort kleinformatige Reportagefotos, die Leibovitz 1993 in Sarajewo gemacht hat, ein Fahrrad mit der Blutspur eines Jungen, der gerade erschossen wurde, Susan Sontag in der Nationalbibliothek, die in Trümmer gebombt wurde - das Echo der Ereignisse könnte hier zu spüren sein, aber unter dem Blick von Annie Leibovitz tendiert selbst das Authentische zum Ikonographischen.

Die Pose der Macht

Leibovitz kommt von sich selbst nicht los. Sie ist die Zeremonienmeisterin der amerikanischen Demokratie, mit ihren Bildern der Mächtigen, egal ob sie nun Hillary Clinton heißen oder Tom Cruise. Und es ist kein Zufall, dass sie ihre Karriere 1970 bei der Popzeitschrift Rolling Stone begonnen hat: Sie erfüllt perfekt den Bilderwunsch dieses Landes, das schon immer das Individuum verherrlichte, so lange, bis die Unterschiede von Popularität, Leistung und Wahlergebnis zu verschwimmen begannen. Leibovitz fotografiert Hillary Clinton wie eine Schauspielerin, weil sie weiß, dass diese Pose ihrer wahren Macht am nächsten kommt.

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Die Bilder der Annie Leibovitz

In die Seele geblitzt