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Andrea Schenkel: "Bunker":Da bist du ja

Eine junge Frau wird kurz vor Büroschluss überfallen: Die Autorin von "Tannöd" stellt mit ihrem neuen Roman "Bunker" die Protagonistion und den Leser vor die Wahl zwischen Verdursten und Ertrinken.

"Bunker" heißt das neue Buch von Andrea Schenkel; und wie schon ihre vorherigen Titel "Tannöd" und "Kalteis" strahlt auch dieser zweisilbige Klotz sofort eine stumme, frostige Drohung aus. Ehe der Leser noch weiß, wie ihm geschieht, ist er im Bunker schon drin. "Alles schwarz um mich herum, nur ein schmaler Lichtstreifen unter der Bunkertür. Ich robbe nach vorne auf den Lichtstreifen zu. Ich höre meinen Atem, ziehe die Luft durch den geöffneten Mund ein, laut. Ich atme schnell, mein Brustkorb hebt und senkt sich bei jedem Atemzug. Ich lege mich flach vor den Lichtstreifen auf den Boden. Versuche mit meinem Gesicht ganz nahe heranzurücken. Ich spüre die kalte Zugluft, die durch den Spalt in den Bunker strömt." Der Leser rüstet sich also für ein Werk, in dem die Einheit des Orts eine zentrale Rolle spielen wird, er stellt sich auf ein Stück monomanischer Klaustrophobie ein. Darin wird er sich getäuscht finden.

Die Autorin von "Tannöd": Andrea Schenkel.

(Foto: Foto: ddp)

Eine junge Frau, die in einer Autovermietung arbeitet, wird kurz vor Büroschluss von einem jungen Mann in Armeeklamotten und kurzem Haarschnitt überfallen, gefesselt, ins Auto gepackt und an einen abgelegenen Ort im Wald gebracht, wo er sie misshandelt und ihr den Schlüssel für den Tresor ihres Chefs abzuzwingen versucht, den sie allerdings nicht hat. Ihr gelingt die Flucht, bis zu einer halbverfallenen Mühle - aber genau diese erweist sich als das Hauptquartier ihres Peinigers. "Da bist du ja", ertönt es plötzlich hinter ihr, in bester Horror-Tradition. Jetzt sitzt sie wirklich in der Patsche.

Der Entführer sperrt sie jedoch nicht in den Bunker, sondern ins Dachgeschoss, das nur über eine Falltür zu erreichen ist. Was immer seine ursprünglichen Pläne gewesen sein mögen, sie treten allmählich in den Hintergrund; er versorgt seine Gefangene mit Spiegeleiern und Wurst, die er mit seinen ungewaschenen Fingern anfasst ("das passt zu ihm").

Es entwickelt sich zwischen dem Entführer und seinem Opfer eine ungute Symbiose, in die bei beiden, manchmal halluzinatorisch, alte traumatische Erinnerungen hineinspielen: Die junge Frau (sie heißt Monika, wie man spät erfährt) glaubt in ihm den Dorftrottel ihrer Kindheit zu erkennen, der im Verdacht stand, ihren jüngeren Bruder ermordet zu haben - eine Spur, die in die Irre führt; er wiederum durchlebt noch einmal seine katastrophale Familiensituation, mit einem prügelnden, saufenden Vater und einer Mutter, die dennoch von ihm nicht loskam, bis sie sich schließlich, eingeschlossen im selben Raum wie seine jetzige Gefangene, erhängte, denn die Mühle ist ein Familienerbstück.

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